Vorwort

Dieses Buch ist keine wissenschaftliche Arbeit. Dieses Buch ist eine künstlerische Arbeit im Medium der wissenschaftlichen Arbeit.

Eher durch Zufall habe ich während der Literaturrecherche zu dieser Arbeit auch die Kurzgeschichtensammlung "Der Elefant verschwindet" von Haruki Murakami gelesen. Eine der Geschichten erzählt von einem unbekannten Geschäftsmann, der nachts heimlich Scheunen anzündet. Beim Schreiben dieser Arbeit hatte ich öfter das Bedürfnis, eine Scheune anzuzünden.

Diese Arbeit ist viel zu lang und kommt nicht auf den Punkt. Das liegt daran, dass diese Arbeit viel zu kurz ist für all die komplexen Themen, die sie aufmacht, und keinen Punkt hat. Ich wünsche mir einen kritischeren Blick auf moderne Technologien, insbesondere solche, die mit maschinellem Lernen und der computergestützten Verarbeitung von großen Datenmengen zu tun haben. Denn ich (und viele andere) sehen in diesen Technologien eine große Gefahr für die Demokratie, Privatsphäre und sogar den Fortbestand der Menschheit. Eine solche Arbeit kann sich nicht kurzfassen. Denn sie würde dem Ausmaß nicht gerecht werden. Eine solche Arbeit kann nicht alles abdecken. Denn sonst wäre sie nur mithilfe eben jener Technologien, die sie kritisiert, produzier- und konsumierbar. Eine solche Arbeit kann nicht auf den Punkt kommen, denn diese Technologien entstehen gerade jetzt und entwickeln sich konstant weiter. Diese Arbeit schaut auf keinen abgeschlossenen Prozess. Daher ist sie selbst ebenfalls nicht abgeschlossen. Außerdem darf das etwas überbordende Ausmaß dieser Arbeit durchaus als eine Form der institutionellen Kritik verstanden werden - und dient vielleicht auch ein wenig dem Schutz des Urheberrechtes - dem vorschnellen Aneignen fremden geistigen Eigentums, wie es so gerne innerhalb der Kunstbranche geschieht, greife ich vielleicht damit vor. Zwar ist es mir nicht möglich, meine Ideen zu schützen, aber zumindest den Zugang zu ihnen mit genügend Textumfang dahingehend zu erschweren, dass ein Zugriff auf sie nicht ohne eine intensivere Auseinandersetzung mit ihnen geschehen kann. Das erachte ich in Bezug auf aktuelle Ereignisse für sinnvoll.

Ich wünsche mir, dass diese Arbeit als ein Denkanstoß dient, als ein Werkzeug, das komplexe technische Themen zugänglicher macht und als eine kritische Betrachtung der (vermeintlichen) Wirklichkeit. Ich möchte mir nichts anmaßen. Ich erhebe keinen Anspruch auf die Wahrheit. Diese Arbeit soll dazu dienen, die von ihr behandelten Themen zugänglicher zu machen - sie kann und soll sie nicht final und ultimativ erklären. Ich wünsche mir sogar explizit, dass jeder einzelne Satz dieser Arbeit kritisch betrachtet wird. Denn das ist eines meiner zentralen Anliegen: eine kritischere Auseinandersetzung mit Technologie und den von ihr reproduzierten (vermeintlichen) Wahrheiten. Auch ein gedruckter Text ist ein technologisches Erzeugnis.

Viele Aussagen in dieser Arbeit werden sich widersprechen. An einigen Stellen wirst du hoffentlich sagen "Das geht jetzt aber zu weit" oder "Das ist ja komplett unrealistisch" oder sogar "Das ist vollkommen bescheuert!". Gut! Schon der Umgang mit der Realität erfordert eine hohe Ambiguitätstoleranz. Alles scheint sich zu widersprechen. Wie sollte es dann einfacher werden, wenn wir anfangen, uns mit Theorie, Wissenschaft, Hypothesen und Visionen zu beschäftigen? Ein von mir viel zitierter Autor ist Rainer Mühlhoff. In seinem sehr lesenswerten Buch hinterfragt er immer wieder kritisch die Thesen eines anderen Autors, den ich ebenfalls häufig zitiere, Nick Bostrom und die Aussagen seiner ebenfalls sehr lesenswerten Bücher. Auch beziehe ich mich immer wieder positiv und referenziell auf Aussagen von Eliezer Yudkowsky, auch wenn ich ihm in vielen Punkten widerspreche.

Fortschritt muss im Konsens entstehen. Und Konsens muss ausgehandelt werden. Daher sind sich gegenseitig kritisch hinterfragende Positionen kein Widerspruch, sondern essenziell. Außerdem ist es einfach schön, manchmal ein wenig weiter in das Feld des Hypothetischen einzudringen (wie gesagt, das hier ist eine künstlerische Arbeit). Und: Der effektivste Denkanstoß ist doch häufig der Widerspruch. Wie Ward Cunningham sagen würde: "The best way to get the right answer on the Internet is not to ask a question; it's to post the wrong answer."

Auch wenn ich mir ein kritisches Hinterfragen vieler meiner Thesen und Aussagen wünsche, ist es mir wichtig, dass bestimmte Standpunkte dabei indiskutabel bleiben. Ich betrachte jedes menschliche Leben als gleichwertig, unabhängig von Alter, Geschlechtsidentität, Religion und Herkunft. Ich bin grundsätzlich prodemokratisch und antifaschistisch. Ich stehe Kapitalismus, Kolonialismus und Imperialismus kritisch gegenüber. Ich betrachte den Holocaust als historisch einmaliges Verbrechen gegen die Menschheit, das in keiner Weise relativiert werden kann. Sollten einzelne Absätze dieser Arbeit ein anderes Bild erzeugen, so sollte man sie noch einmal oder im größeren Kontext lesen. Des Weiteren distanziere ich mich von Thesen der Eugenik, des Transhumanismus, des Extropianismus (als Gegenteil der Entropie), des (modernen) Singularitarianismus, des Effektiven Altruismus, des technologischen Determinismus und des Longterminismus.

An einigen Stellen dieser Arbeit gehe ich sehr detailliert auf die aktuelle Situation in Palästina ein. Dabei kritisiere ich Israel beziehungsweise seine Regierung und sein Militär für die Art und Weise, wie (KI-)Technologie militärisch eingesetzt wird. Mir ist wichtig klarzustellen, dass es sich hierbei nicht um ein Hinterfragen der Existenzberechtigung des Staates Israel handelt. Diese Arbeit ist nicht antisemitisch und positioniert sich auch nicht zum Zionismus. Es geht explizit um eine Kritik an militärisch genutzter KI. Diese Kritik wäre genau so gegenüber dem Einsatz von KI im Rahmen der Bombardements iranischer Ziele durch die USA gerechtfertigt (und bestimmt auch gegenüber vielen anderen Nationalstaaten und ihren Militärs). Der Grund, dass ich mich hier explizit diesem Konflikt annehme, ist vor allem die sehr gute Quellenlage und die enge Beziehung zu religiösen Motiven. Ich verurteile jeden Einsatz von KI zum Töten oder Unterdrücken von Menschen. Ein detaillierter Blick auf jeden Einzelfall würde den Rahmen dieser Arbeit sprengen.


Militär, Technologie und Religion bilden meiner Meinung nach eine unheilige Dreifaltigkeit. Religion diente historisch häufig zur Legitimation von militärischen Interventionen. Das Militär war historisch häufig treibende Kraft des Fortschritts und Hauptkonsument technologischer Errungenschaften. Zu dritt scheinen sie die, sich gegenseitig aufrechterhaltenden, Pfeiler der modernen Welt zu sein. Und das, obwohl sich Religion in seiner Anmaßung, gut und überirdisch zu sein, auf den ersten Blick stark vom, in fast jeder Religion als schlecht verurteilten, militärischen Konflikt und von der, offensichtlich irdischen, Technologie und Wissenschaft absondern möchte.


Diese Arbeit handelt von Technologie und Religion. Nur ganz selten werde ich tatsächlich direkte Querbeziehungen zwischen diesen beiden (gigantischen) Themenkomplexen ziehen. Viel häufiger werde ich aber betrachten, wie Technologie unsere Wirklichkeit formt und definiert, wie sie bestimmt, was richtig und falsch ist und wie sie die Deutungshoheit über die Realität verschiebt und monopolisiert. Funktionen, die seit jeher Aufgaben der Religionen gewesen sind. Deshalb handelt diese Arbeit von Technologie und Religion. Sie handelt von Technologie als Religion. Was besonders spannend ist, weil der fortschrittliche Mensch zeitgleich (vermeintlich) archaische Religion ablehnt, nur um sich im selben Atemzug der (vermeintlich) modernen Technologie auf dieselbe unkritische und naive Weise zuzuwenden. Für Jahrtausende erklärte und definierte Religion die Wirklichkeit. Diese Rolle nimmt heute in meinem Empfinden Technologie ein. Und genauso wie in der Religion entsteht die Macht der Technologie erst durch Glauben.


In dieser Arbeit gendere ich mit dem sog. "Gendersternchen", also der Trennung des Wortstammes oder der männlichen Form von der weiblichen Endung durch ein "*". Dieses Zeichen steht exemplarisch für "alles" - nicht nur im Fall von gegenderter Schriftsprache, sondern tatsächlich auch in vielen Bereichen der Computerwissenschaften (so dient "*" als sog. Wildcard bei DNS Einträgen oder als "match everything" Partikel in Regex Konstruktionen). Aufgrund dieser Doppeldeutigkeit des Zeichens habe ich mich für diese Art der gegenderten Schreibweise entschieden. An einigen Stellen ist dieser Text bewusst nicht gegendert. Manchmal, weil ich aktiv ein bestimmtes Gender meine (z.B. wenn ich Gedankenexperimente formuliere und diese ganz bewusst mit weiblichen Beispielen), manchmal weil ich darauf aufmerksam machen möchte, dass nicht-männliche Personen in bestimmten Gesellschaftsbereichen immer noch massiv unterrepräsentiert sind (z.B. wenn ich von Investoren oder Entwicklern spreche). Der monotheistische Gott ist in dieser Arbeit an jeder Stelle männlich gelesen - nicht weil ich das für richtig halte, sondern weil er das auch in all meinen Quellen ist und historisch die längste Zeit so gelesen wurde. Vielleicht auch ein wenig deshalb, weil der anmaßende Anspruch auf Allwissenheit und Allmächtigkeit doch sehr nach Alpha-Male-Dude-Bro-Mentalität klingt.


Manchmal mag ich tatsächlich vergessen haben, korrekt zu gendern. Das ist bitte als ein Rechtschreibfehler zu werten und dafür möchte ich mich an dieser Stelle entschuldigen. Ich halte Menschen jeder Geschlechtsidentität in gleicher Weise fähig zu Großartigem wie zu Schrecklichem. Auch wird es bestimmt den ein oder anderen Rechtschreifehler Kommafehler, oder eine falsche groß Und klein Schreibung geben. Auch dafür möchte ich mich an dieser Stelle entschuldigen. Ich habe diese Arbeit mit voller Absicht nicht durch eine (KI-basierte) Rechtschreibprüfung laufen lassen. Sie ist zu 100 % menschlich. Das bedeutet leider auch, dass sie voll von Fehlern ist.

Ein fast 400-seitiges Buch in nur 3 Monaten zu erzeugen, ist kein einfaches Unterfangen. Trotzdem habe ich mir fest vorgenommen, diese Arbeit ausschließlich mithilfe von kostenlosen, öffentlichen und nicht-monopolisierten Werkzeugen zu erstellen. Diese Arbeit wurde in Typora in der Formatiersprache Markdown geschrieben. Die finale Druckfassung, so wie die digitalen Fassungen, habe ich mithilfe von Pandoc und einem eigenen CSS Sheet erstellt und gelayoutet. Die verwendeten Schriftarten sind Arial und Times New Roman, die ich zu diesem Zeitpunkt als publicly owned betrachten würde. Alle Grafiken habe ich selbst mit Inkscape erstellt. Alle Bilder wurden mithilfe von GIMP bearbeitet. Die Recherche dieser Arbeit fand primär in den Suchmaschinen DuckDuckGo, Startpage und Kagi statt. Ein Großteil der Ideen aus dieser Arbeit stammt aus Papers und Büchern anderer Autor*innen. Diese habe ich selbstverständlich nicht über Anna's Archive heruntergeladen. Stellen, an denen ich mich auf fremde Ideen beziehe, sind explizit benannt und als Quelle angegeben. Ein Großteil des Austausches über Ideen in dieser Arbeit fand im zwischenmenschlichen Gespräch statt - einzelne, besonders relevante Gesprächspartner*innen werden namentlich erwähnt. Grafiken aus dieser Arbeit sind nicht vollständig als Commons lizenziert. Da diese Arbeit aber aktuell nur unveröffentlicht im Hochschulkontext existiert, halte ich in diesem Kontext Eindrücklichkeit für relevanter als gezahlte Lizenzgebühren. Dennoch wird jede Grafik ebenfalls mit ihrer Quelle gelistet. Für die Verwendung der zum Meme gewordenen zwei Panels aus seinem Webcomic "Gunshow" zur Umschlagsgestaltung habe ich das explizite, schriftliche Einverständnis von KC Green erhalten. Diese Arbeit hatte zu keinem Zeitpunkt Kontakt mit einer KI. Jedes Zeichen dieser Arbeit wurde von Hand getippt. Diese Arbeit wird ressourcenschonend, in Schwarz-Weiß, auf Recyclingpapier und in einer lokalen Druckerei gedruckt. Sie wird digital als PDF, epub, git Repository sowie Webseite unter einer Creative-Commons-Lizenz veröffentlicht (digital selbstverständlich unter Wahrung aller Lizenzrechte). Dass sie dadurch potenziell Teil des Trainingsdatensatzes zukünftiger KI-Modelle wird, ist mir bewusst. Zugänglichkeit für die Allgemeinheit halte ich an dieser Stelle für wichtiger als den Schutz meines eigenen, interlektuellen Eigentums.


Fachworte und technische Begriffe sind durch Fettung und Kursivsetzung markiert und werden im Glossar erklärt. Ergänzungen, die es nicht in den Haupttext geschafft haben1. Quellen sind nummeriert und werden im Quellenverzeichnis aufgeführt. Dem Quellenverzeichnis ist ein Literaturverzeichnis vorangestellt (alphabetisch nach Nachnamen der Autor*innen sortiert). Externe Bildquellen werden durch Fig. markiert und in den Bildnachweisen referenziert, die dem Literaturverzeichnis vorangestellt sind.

1 Werden durch nummerierte Fußnoten markiert


Für den verstärkten Genuss dieser Arbeit empfehle ich die folgenden Alben, sie haben mich über den Schreibprozess hinweg begleitet:

Xploding Plastix - Amateur Girlfriends Go Pro Skirt Agents, Dean Blunt - BLACK METAL 2, Ross From Friends - Tread, AL-90 - Murmansk-60, Headache - The Head Hurts but the Heart Knows the Truth, SW. - The Album, Rival Consoles - Persona, Porter Ricks - Biokinetics, Satoshi Tomiie - Magic Hour, Massive Attack - Mezzanine, Beach House - Bloom, Boards Of Canada - Music Has The Right To Children, Skee Mask - Compro, Flying Lotus - Los Angeles, The Future Sound of London - Accelerator, Alessandro Cortini - FORSE 3, André 3000 - New Blue Sun, Andy Stott - Faith in Strangers, Exai - Autechre, Barker - Stochastic Drift, M-Series - Maurizio, Blawan - Soft Waahls, Burger/Ink - Las Vegas, Cult Member - Ethernet, DJ Healer - Planet Lonely, GAS - Pop, Godspeed You! Black Emperor - 'Allelujah! Don't Bend! Ascend!, grim104 - grim104, Intrusion - The Seduction of Silence, Jan Jelinek - Loop-Finding-Jazz-Records, Loscil - Lake Fire, Portishead - Dummy, Rezzett - Meant Like This, Ryoji Ikeda - Test Pattern, Telefon Tel Aviv - Fahrenheit Fair Enough, Topdown Dialectic - Topdown Dialectic, AgonyOST - Variations of Hell


Außerdem empfehle ich die folgenden Bücher im Anschluss:

"Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus" von Rainer Mühlhoff, ein Buch, das ich glücklicherweise kurz vor Abschluss der Arbeit noch gelesen habe und in dem ich mich in meiner Meinung sehr bestätigt gefühlt habe.

"Enshittification" von Cory Doctorow, das meiner Meinung nach die aktuellen Probleme mit monopolisierter Technologie und die Folgen für uns als Gesellschaft und Konsument*innen sehr zugänglich zusammenfasst.

"Are You Living in a Computer Simulation?" von Nick Bostrom, ein vielleicht nicht ganz ernst zu nehmendes Paper, das aber trotzdem mein Realitätsverständnis nachhaltig beeinflusst hat.

"A brief History of Time" von Stephen Hawking, das noch viel größeren Einfluss auf mein Verständnis von Realität hatte.

"Snowcrash" von Neal Stephenson, eine Empfehlung von Ulf Freyhoff zum Thema Technologie und Religion und der vielleicht spaßigste Cyberpunk-Roman aller Zeiten.

"Count Zero" von William Gibson, als Teil der Neuromancer Trilogie, der sich besonders stark mit religiösen Thematiken beschäftigt und meine Faszination für das Digitale vor über 10 Jahren losgetreten hat.


layer zero*

*nach einer Unterhaltung mit Tilman in einer Bierbar in Shanghai im Juli 2025

Wenn ich an einem Strand stehe, stelle ich mir manchmal vor, wie es gewesen sein muss, als hinter dem Strand noch kein Kurort mit Crêpes-Stand gewesen ist. Stelle mir vor, ich lande an, mit meinem Schiff, gebaut von Hand aus ein paar gefällten Bäumen meiner Heimat, endlich Land, endlich Strand, es stürmte 3 Wochen schon, doch die Wolken öffnen sich, geben den Blick frei auf einen Streifen Sand, eine leichte Erhebung voll von Schilf dahinter. Ich steige auf die Düne, blicke tief ins Land, bis zum Horizont nur Bäume. Unberührte, ungefällte, ungepflanzte Bäume.

Dieses Gefühl vermisse ich manchmal. Es ist ein spezielles Vermissen. Weil es nicht möglich ist, das noch zu erleben. Die Welt ist längst bis in ihren letzten Winkel entdeckt und kultiviert. Wenn ich einen Ort vermisse, kann ich hinfahren, wenn ich einen Menschen vermisse, anrufen, mir Fotos von früher anschauen. Das Erlebte noch einmal neu erleben. Aus erzählter Erfahrung anderer durch deren Augen miterleben. Aber das Gefühl, ein von Kultur (als Gegenteil zur Natur) unberührtes Stück Land als Erste*r zu betreten, ist unerreichbar und unerlebbar.

Aber Minecraft kommt da schon nah ran. Ich spiele gerne im Survival-Mode mit Mobs auf peacefull. Und dann laufe ich einfach geradeaus. Befreit von den Maslowschen Bedürfnissen, immer geradeaus. Kein Schlaf. Kein Hunger. Und kein Appetit1. Nur eine unberührte Pixel-Natur und ich. Hinter jedem Horizont erwartet mich ein neues, innerhalb von schmalen Parametergrenzen entworfenes, prozedural generiertes Biotop. Wenn auf einem schneebedeckten Gipfel die Sonne langsam aufgeht, während neben mir ein eckiges Lama blökt und dann diese langsame Klaviermusik einsetzt - Dann vergesse ich kurz, dass das hier nicht echt ist. Weil es ist mir halt auch egal. Die Vorstellung von unberührter Natur ist vollkommen illusorisch. Der Mount Everest liegt voll mit motivierten Leichen2, deren orangefarbenen Arc'teryx Alpha SV Alpin-Jacken den Nachsteigenden nun als Wegweiser dienen3.

Gibt es etwas Schöneres als ohne über imperial gezogene Ländergrenzen5, Währungsgefälle, Hotelstornierungskosten und Zugfahrpläne nachzudenken, einfach durch die Welt zu wandern? Ohne Angst davor, in zwielichtigen Gegenden, aufgrund der Markenkleidung zu Recht als Tourist*in erkannt und aufgrund der offensichtlichen finanziellen Besser-Gestelltheit, die dadurch entstand, dass das eigene Herkunftsland das touristische Urlaubs- und Herkunftsland der überfallenden Person bereits zu Kolonialzeiten ausgeraubt hatte, selbst ausgeraubt zu werden. Zu Recht, schließlich wird sich hier nur zuvor strukturell entwendetes Kapital in Selbstjustiz wieder angeeignet. Es ist einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus6. Es ist angenehmer, in einer Simulation der Utopie herumzulaufen, als in der Realität die Energie aufzuwenden, diese selbst zur Utopie werden zu lassen.

1 Paraphrasiert aus: "Crystal Meth in Brandenburg", Grim104, 2013

2 Frei zitiert nach einem viralen Reddit-Post vor etwa 9 Jahren auf r/Showerthoughts123.

3 Angelehnt an "Green Boots", einen verstorbenen Kletterer mit gut erkennbaren grünen Schuhen, der inzwischen als Orientierungspunkt dient4.

5 Etwa 50 % der heutigen Ländergrenzen stammen aus Zeiten des Imperialismus5.

6 Häufig paraphrasiertes Zitat aus Fredric Jameson's Essay "Future City", erschienen 20036




Es ist nicht echt.
Es ist nicht das echte Gefühl.
Es ist eine Simulation.
Es ist ein simuliertes Gefühl.
Aber
das Echte ist ja nicht erlebbar.
Damit ist es gar nicht echt.
Was ich nicht selbst erleben kann, ist nicht echt.
Ich nehme mit der Simulation vorlieb
weil das alles ist, was mir bleibt.
Damit wird die Simulation zum Echten
in Ermangelung und in Unerreichbarkeit der Realität
wird die Simulation derselben zu derselben und eins und ein und dasselbe.
Und es ist ja eigentlich auch vollkommen egal.


Auf meinem Rechner läuft macOS Sequoia 15.57 [LAYER 1]. Ich starte das Programm UTM [LAYER 2], mit dem ich VMs verwalten kann und boote in eine Windows 10 Instanz [LAYER 3]. In dieser starte ich das Programm Minecraft [LAYER 4] und betrete dort einen Server [LAYER 5] auf dem ein paar Personen mit sehr viel Zeit und Geltungsdrang einen funktionierenden Computer aus Redstone gebaut haben [LAYER 6]7. Auf diesem lässt sich nun eine vereinfachte Version von Minecraft spielen [LAYER 7]8. Würde nun die Spielfigur in diesem siebten Layer ein Bewusstsein haben und seinerseits durch Anwendung von Kultur selbst zur Entwicklung von Informationstechnologie gelangen, so würde sie den daraus offensichtlich hervorgehenden Computer selbstverständlich als ersten Layer betrachten. Schließlich betrachte ich ja mein MacBook auch als ersten Layer in dieser multi-layered Realitäts-Simulations-Konstruktion.

Minecraft in Minecraft in Minecraft usw. simulieren zu können, ist möglich, da sich innerhalb des Spiels alle Komponenten zur Konstruktion einer sog. Turing-Maschine bauen lassen. Diese Maschine ist die physisch-synthetische Repräsentation der Theorie des Mathematikers Alan Turing, dass eine Maschine, die einige wenige Bedingungen erfüllt, bei unendlichem physischem Raum und unendlicher Zeit, jedes Problem berechnen kann. Computer unterscheiden sich also nicht in ihrer Qualität, sondern nur in ihrer Effizienz. Der Chip einer elektronischen Grußkarte mit Musik ist theoretisch zu denselben Berechnungen fähig wie der neueste Google Quantencomputer Willow. Nur halt sehr viel langsamer. Diese Bedingungen erfüllt Minecraft - und gehört damit schon zu den komplexeren Turing-Maschinen - daher ist Minecraft Turing complete8.

7 Die gegen Ende des Jahres 2025 aktuellste Version des macOS-Betriebssystems.

8 Mehr zu den Bedingungen einer Turing-Maschine im Glossar unter Turing-Maschine




Die Grundstruktur eines Computers bestehend aus Input Unit (z.B. einer Tastatur), ALU, RAM, ROM und Output Unit (z.B. einem Display) in einer vereinfachten, schematischen Darstellung9




Abb. 1.1 Ein Computer mit 4-bit Memory (das bedeutet, dass 4 verschiedene, binäre Zustände gleichzeitig gespeichert werden können) und Display, gebaut in Minecraft durch User*in TheDarkness344, veröffentlicht im Juli 2020





Abb. 1.2 Ein einzelner Transistor aus Minecraft-Blöcken,
gebaut am Georgetown College


In seinem viel zitierten Paper "Are you living in a computer simulation?" postuliert Nick Bostrom, dass eine von drei Thesen im Mindesten wahr sein muss: Keine Zivilisation hat es jemals geschafft, so fortschrittlich zu werden, dass sie die Realität simulieren könnte. Oder: eine so fortschrittliche Zivilisation tut dies einfach nicht. Oder: du lebst mit extrem hoher Wahrscheinlichkeit in einer Simulation9.

Aus dieser These geht hervor, dass wenn es eines Tages die Möglichkeit zur Realitätssimulation geben würde10, mit hoher Wahrscheinlichkeit sehr viele solcher Simulationen existieren. Wenn man dann davon ausgeht, das Bewusstsein nicht abhängig von seinem Trägermaterial, also einer kohlenstoffbasierten Lebensform ist, sondern im Moment der Geburt, aus einem Nirvana-artigen Ort gerissen und in sein Trägermaterial verpflanzt wird11, bedeutet das: Bewusstsein alleine ist keine Garantie für Realität. Und da statistisch ein Großteil aller Bewusstseinsträger*innen synthetisch wären, ist folglich die Wahrscheinlichkeit dafür, dass du selbst real bist, verschwindend gering12.

Wenn Gott also lediglich die höhere Instanz unserer Ebene der Realität darstellt und wir einmal die Prämissen, dass ein ethisch gutes Leben im Kapitalismus nicht möglich ist und Kapitalismus der Entwicklung von intelligenten und zum Bau von Turing-Maschinen fähigen Zivilisationen inhärent ist. Dann kann das eine Antwort auf die Theodizee sein. Wenn Gott selbst Teil des Kapitalismus in seiner Ebene der Realität ist13, so kann er gar nicht gut sein, denn auch ihm ist der Kapitalismus inhärent und damit ist ihm ethisch gutes Handeln ebenfalls unmöglich. Dass unsere Realität voll von Leid ist, bedeutet also noch lange nicht, dass sie keine Simulation - also echt - ist.

Auch eine weitere Antwort auf die Theodizee kann abgeleitet werden: "...there is no suffering in the world and all memories of suffering are illusions. Of course, this hypothesis can be seriously entertained only at those times when you are not currently suffering."10 Das, potenziell daraus hervorgehende unethische Handeln (wenn Leiden nicht echt ist, ist es nicht unethisch Leid nicht zu verhindern), lässt sich allerdings mit einer, ebenfalls aus dieser Hypothese hervorgehenden Erklärung des After Lifes bereinigen: "[...] However, all the demigods except those at the fundamental level of reality are subject to sanctions by the more powerful gods living at lower levels. [...] For example, if nobody can be sure that they are at the basement‐level, then everybody would have to consider the possibility that their actions will be rewarded or punished, based perhaps on moral criteria, by their simulators. An afterlife would be a real possibility. Because of this fundamental uncertainty, even the basement civilization may have a reason to behave ethically. The fact that it has such a reason for moral behavior would of course add to everybody else’s reason for behaving morally, and so on, in truly virtuous circle. One might get a kind of universal ethical imperative, which it would be in everybody’s self‐interest to obey, as it were 'from nowhere'."10


9 "This paper argues that at least one of the following propositions is true: (1) the human species is very likely to go extinct before reaching a “posthuman” stage; (2) any posthuman civilization is extremely unlikely to run a significant number of simulations of their evolutionary history (or variations thereof); (3) we are almost certainly living in a computer simulation. It follows that the belief that there is a significant chance that we will one day become posthumans who run ancestor‐simulations is false, unless we are currently living in a simulation."10

10 Wovon wir, da sowohl unser Wirtschaftssystem als auch unser Selbstverständnis auf eine stetige Fortentwicklung und ein Fortbestehen der Menschheit beruhen, ausgehen sollten. Interessanterweise ist einer der Vorreiter dieser technischen Entwicklung, namentlich Peter Thiel, da gar nicht so sicher:

Ross Douthat
"You would prefer the human race to endure, right?"
Peter Thiel
"Eh"
Ross Douthat
"You're hesitating?"
Peter Thiel
"Well yes, I, I don't know"
Ross Douthat
"Yes?"
Peter Thiel
"I - I - I would - ehm"
Ross Douthat
"This is a long hesitation"11

11 "Provided a system implements the right sort of computational structures and processes, it can be associated with conscious experiences. It is not an essential property of consciousness that it is implemented on carbon‐based biological neural networks inside a cranium: silicon‐based processors inside a computer could in principle do the trick as well." 10

12 "Then it could be the case that the vast majority of minds like ours do not belong to the original race but rather to people simulated by the advanced descendants of an original race."10

13 "Although all the elements of such a system can be naturalistic, even physical, it is possible to draw some loose analogies with religious conceptions of the world. In some ways, the posthumans running a simulation are like gods in relation to the people inhabiting the simulation: the posthumans created the world we see; they are of superior intelligence; they are “omnipotent” in the sense that they can interfere in the workings of our world even in ways that violate its physical laws; and they are “omniscient” in the sense that they can monitor everything that happens."10




sonder*

Betrachten wir uns einmal ganz unromantisch selbst. Wir sind ein biologischer Prozessor (Gehirn), eingepackt in weiche, relativ schützende Hardware (Körper), mehr oder weniger kontinuierlich mit Ressourcen (Nahrung) zu versorgen. Auf diesem Prozessor läuft eine Software (Bewusstsein), die durch die an der Hardware installierten Peripheriegeräte (Sinne) Informationen über das umliegende Environment (Umwelt) erhält. Anhand dieser Informationen treffen wir Entscheidungen und interagieren mit unseren Agitoren (Hände/Füße/Fäuste/Zungen) mit dem uns umgebenden Environment. Durch unsere Sensorik erhalten wir Feedback über die Konsequenzen unserer Actions. Unser Leben lässt sich abstrakt als Feedback Loop betrachten. Um diesen am Laufen zu halten, benötigen wir gelegentlich ein Gefühl von Sinnhaftigkeit, dieses entsteht durch schlau eingesetzte Gamification und Skinner-Box Conditioning. Das aus diesem relativ simpel gehaltenen System, emergente Muster bezeichnen wir gemeinhin als Leben.

* Referenz zur im sozialen Netzwerk Tumblr in den 2010er Jahren weit verbreiteten Faszination für Worte für bekannte, aber unbenannte Emotionen - in diesem Fall beschreibt Sonder "The Awareness That Everyone Has a Story"12


Leider können unsere in diesem Environment stattfindenden Actions immer wieder den Fortbestand unserer Hardware und damit auch unserer Software gefährden. Dazu kommen ethisch-moralische Probleme, sobald weitere solcher Hardware-Software-Konglomerate (Menschen) im selben Environment koexistieren. Würde nun die Sensorik von der Hardware ab gekabelt werden und stattdessen eine komplexe Simulation an die, für die jeweiligen Sensoren vorgesehenen, Anschlüsse gesteckt werden und würde diese Simulation die vorher durch die Sensoren bereitgestellten Daten eins zu eins kopieren - Es gäbe keinen Unterschied. Anstatt Signale an unsere Agitoren zu senden und Feedback über deren Erfolge und Misserfolge durch die Peripheriegeräte zu erhalten, würden wir nun dieselben Signale in die Simulation senden und aus derselben über unsere Sensorikanschlüsse wiederum mit Rückmeldung versorgt werden. Die Realität wäre ausgetauscht, aber doch ununterscheidbar. Wir sind schließlich am Ende Opfer und Ausgelieferte unserer Sinne. Tatsächlich müsste eine solche Simulation nicht einmal so hochkomplex sein. Zwar erhalten wir Menschen pro Sekunde etwa 11 Millionen Bit an Information13, allerdings werden diese durch unser Gehirn zu nur etwa 10 Bit heruntergerechnet14, die wir dann tatsächlich verarbeiten. Dieser Prozess nennt sich Sensory Gating15. Ob diese 10 Bit nun das Ergebnis der in unserem Hirn stattfindenden Filterprozesse sind, oder lediglich die 10 Bit sind, die eine Simulation uns als relevant bereitgestellt hat, auch das ist für unsere Wahrnehmung wahrscheinlich ununterscheidbar und vollkommen irrelevant.

Einzuwenden ist, dass diese Simulation in der Theorie vielleicht möglich wäre, aber in der Praxis scheitern würde. Das Universum ist viel zu groß und komplex, um auf einen Computer zu passen. John Conway entwarf 1970 ein mathematisches Spiel mit dem simplen Titel "life". Ein Versuch, die hochkomplexen Bedingungen von intelligentem Leben in wenige, klare Regeln herunterzubrechen16:

1. Survivals. Every counter with two or three neighboring counters survives for the next generation.

2. Deaths. Each counter with four or more neighbors dies (is removed) from overpopulation. Every counter with one neighbor or none dies from isolation.

3. Births. Each empty cell adjacent to exactly three neighbors--no more, no fewer--is a birth cell. A counter is placed on it at the next move.

Kurze Zeit später wurden emergente Konstellationen entdeckt, die nur anhand dieser wenigen Vorgaben selbstreplizierende Strukturen erzeugen konnten, die bekannteste ist vielleicht der sog. Glider. Es wurde sozusagen Life within "life" entdeckt. Mithilfe dieser Strukturen lässt sich sogar das Spiel selbst im Spiel simulieren. Denn auch das "Game of Life" ist Turing complete.




Abb. 1.3.1 Mehrere Glider

Abb. 1.3.2 Gliderguns




Abb. 1.3.3 Glidergun-Arrays bilden Flip-Flops

Abb. 1.3.4 Flip-Flop Matrix




Abb. 1.3.5 Game of Life Simulation auf der Matrix

Abb. 1.3.6 Mehrere Glider auf der nächsten Simulationsebene


Eine komplexe Realität kann also einfachen physikalischen Regeln entspringen14. Komplexe Systeme können verpackt werden*, ähnlich einer .zip komprimierten Datei. Mitglieder der Demoscene errechnen fotorealistische Texturen in Echtzeit anhand mathematischer Formeln, anstatt diese vorher als Rastergrafik zu hinterlegen. Dadurch lässt sich die realistische Ansicht einer Gebirgskette oder eine Raums in einigen, wenigen Zeilen Shadercode darstellen.

Abb. 1.4 Screenshot aus der Demoscene Datei ".kkrieger", die einen gesamten FPS in einer Dateigrösse von gerade einmal 98kb enthielt.

 

14 Die Suche nach der Weltformel innerhalb der Physik postuliert sogar, dass alles einer einzigen Regel entspringt. Aktuell braucht es immerhin noch zwei Regeln, um unsere Realität adäquat zu beschreiben17.




Abb. 1.5.1, Abb. 1.5.2 Screenshots aus der Demoscene Datei "elevated", die eine fotorealistische Gebirgslandschaft in 4kb verpackt


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5610 567d 7ad5 a500 bc00 9a3d 4610 fa4b b244 cfe6 b32b c686 7d05 1ba7 2db5 2c82 dfc7 a96c 7f98 85b1 f4ee 49bf 8a81 f42e 4c3a b519 5ebb c449 d8d3 a563 f625 0a98 8eb7

Alle 4000 byte der "elevated" Datei18.

Ein Tisch besteht zu 99.999 % aus leerem Raum19. Also er besteht aus Molekülen, die aus Atomen bestehen, die aus um einen Nukleus arrangierten Elektronen bestehen, die aus Elementarteilchen bestehen, die aus Schwingungen auf Strings bestehen, die schlicht und einfach aus dem Fabric of Reality bestehen20. Glauben wir zumindest nach bestem Wissen und Gewissen aktuell. Diese Leere entsteht dadurch, dass sich Elektronen unglaublich schnell bewegen. So schnell, dass eine präzise Aussage über ihren Aufenthaltsort nicht mehr möglich ist. Sie scheinen überall zugleich zu sein. Das führt dazu, dass ein Elektron weitaus mehr Raum einnehmen kann, als es selbst an Volumen hat21. Ganz so wie der Lichtgriffel eines Kathodenbildschirms 30-mal in der Sekunde ein neues Bild auf diesen zeichnet. Zwar kann dieser Elektronenstrahl immer nur ein einziges Pixel des Bildschirms erleuchten, dies geschieht aber so schnell, dass wir ein konstantes Bild wahrnehmen können. Zoomt man aus der Auflösung unserer Lebensrealität hinaus, so ist das Universum größtenteils homogen und gleichförmig22. Die minimalen Differenzen in der Struktur reichen aus, um für uns als Existenzgrundlage zu dienen. Das ist fast peinlich, mit wie wenig wir uns zufriedengeben. Zoomt man hingegen in die Auflösung unserer Lebensrealität immer weiter hinein, so fällt auf, in wie viel Nichts wir leben und wie all der hochkomplexe Kram, der uns umgibt, auf eine Handvoll (exakt 17) Elementarteilchen zurückzuführen ist. Die wiederum aus nur leicht verschiedenen Schwingungen der Realität selbst entstehen.

Abb. 1.6 TV-Bildschirm mit Grundrauschen

Abb. 1.7 Nahansicht eines LED-Bilschirms der ein Testbild zeigt



Abb. 1.8 Nahansicht einer Reihe einzelner LEDs

Abb. 1.9 Nahaufnahme einer einzelnen LED



Abb. 1.10 Eisen unter einem Raster-Elektronen-Mikroskop

Abb. 1.11 Molekulare Struktur von Eisen unter einem Raster-Elektronen-Mikroskop


Abb. 1.12 Kompositbild eines Wasserstoffatoms unter einer "Quantenkamera"23

Abb. 1.13 Illustration der Zusammensetzung eines Neutrons aus Quarks24


Spannend wird es, wenn wir anfangen, uns auf dieser Mikroebene zu bewegen. Menschen glauben gerne, sie hätten ein angeborenes Recht auf Wissen. Erkenntnis als Geburtsrecht. Mit genügend Zeit, den richtigen Instrumenten und stetigem Fortschritt sollte der Erkenntnis der Wissenschaft nichts weiter im Wege stehen. Aber irgendwann fliegen wir zu nah an der Sonne. Nach der Heisenbergschen Unschärferelation ist es uns nicht möglich, gleichzeitig den Ort und die Richtung eines Teilchens zu kennen25. Alle Aussagen auf diesem Niveau sind keine binären Aussagen, sondern statistische Vermutungen - educated guessing.

Die höhere Instanz versteckt ihre Schöpfung vor dem neugierigen Blick.


Die Universumsmaschine

Wie bereits festgestellt, operiert unser Bewusstsein auf lediglich 10 Bit in der Sekunde. Um ein menschliches Gehirn zu emulieren, sollten in etwa 1014 Rechenoperationen ausreichen15. Auch das menschliche Gedächtnis ließe sich wohl relativ kostengünstig nachbilden16. Die direkte Umgebung des Menschen zu simulieren, fügt weitere notwendige Rechenleistung hinzu. Wie viel exakt kommt auf die gewünschte Granularität an17. Tatsächlich müsste ja auch nur der Teil der Umwelt simuliert werden, der aktuell kollektiv wahrgenommen wird. Das Universum lässt sich als geschlossenes System betrachten, in dem alle Ereignisse der Ursachen-Wirkungs-Kausalität unterliegen26. Auch wenn nur ein Teil des aktuellen Zustandes des Universums aktiv simuliert wird, müssten dennoch die Ursachen, die zu diesem Zustand geführt haben, sowie die Wirkungen, die dieser Zustand auf das gesamte Rest-Universum hervorruft, in die Simulation miteinbezogen werden. All das auf Quantenebene zu tun, würde tatsächlich die gesamte im Universum verfügbare Rechenkapazität übersteigen10. Zwar deutet ein, von Google veröffentlichter Blogpost zum Quantencomputer Willow darauf hin, das für die enorme Rechenleistung in mehreren Universen parallel gerechnet wurde18 (die verfügbare Rechenleistung beschränkt sich also potenziell nicht auf nur ein Universum), allerdings wäre es sehr unwirtschaftlich zur Berechnung eines Universums Rechenleistung aus mehreren Universen heranzuziehen. Denn - wer errechnet dann diese Rechenuniversen. Eine endlose Kette von Universumsmaschinen, die auf weiteren Universumsmaschinen existieren, wäre die Folge. Grundsätzlich möglich und ein schönes Weltbild - aber eben doch etwas unwirtschaftlich. All das ist schließlich auch nicht notwendig, um eine überzeugende Simulation zu erhalten - die menschliche Existenz spielt sich am Ende doch in einem sehr schmalen Frequenzband der tatsächlich verfügbaren Realität ab. Aktuell begreifen wir die nicht sichtbare Realität durch Hilfsmittel, zum Beispiel mit einem Raster-Elektronen-Mikroskop. Anstatt mit den uns verfügbaren Sinnen zu beobachten, übersetzen wir mithilfe eines Trägermediums (in diesem Fall Elektronen) einen, nicht wahrnehmbaren Teil der Realität (in diesem Fall molekulare Strukturen) durch Beobachtung der Auswirkungen auf das Trägermedium (in diesem Fall Ablenkung des Elektronenstrahls). Da durch diese Form der Wahrnehmung der Kontext fehlt (unter dem Mikroskop lässt sich nur ein kleiner Ausschnitt betrachten) ist es uns nicht möglich, unsere Gesamtwahrnehmung auf die Mikro- oder Makroebene zu erweitern. Ob Kausalitätszusammenhänge also wirklich erfüllt werden oder nur in einem Ausmaß, das unauffällig wirkt, ist schwer zu beurteilen19. Es lässt sich sogar davon ausgehen, dass eine Instanz, die omnipotenten Zugriff auf die Simulation hat, auch direkt in das Bewusstsein bzw. die Erinnerung der Simulierten eingreifen kann. In dem Moment, wo die Simulation ihre Glaubhaftigkeit verliert oder sich ein Individuum ihrer bewusst wird, kann die Simulation einfach zurückgesetzt oder die soeben erlangte Erkenntnis wieder gelöscht werden20.

In seinem Roman "Three Body Problem" erzählt Liu Cixin von einer außerirdischen Intelligenz, die mithilfe von wenigen, aber sich extrem schnell bewegenden, bewussten Entitäten den wissenschaftlichen Fortschritt der Menschheit aktiv ausbremst und dadurch sogar in der Lage ist, Bilder direkt auf der Retina zu erzeugen. Ein direkter und von der Realität ununterscheidbarer Eingriff in unsere Wahrnehmung. Eine Manipulation auf Quantenebene, die aufgrund des blinden Vertrauens in unsere Beobachtungsinstrumente nicht wahrnehmbar ist (das Elektronen-Mikroskop zeigt das richtige Bild - es beobachtet nur die falschen Elektronen)21.

15 "The amount of computing power needed to emulate a human mind can likewise be roughly estimated. One estimate, based on how computationally expensive it is to replicate the functionality of a piece of nervous tissue that we have already understood and whose functionality has been replicated in silico, contrast enhancement in the retina, yields a figure of ~1014 operations per second for the entire human brain."10

16 "Memory seems to be a no more stringent constraint than processing power. Moreover, since the maximum human sensory bandwidth is ~108 bits per second, simulating all sensory events incurs a negligible cost compared to simulating the cortical activity."10

17 "If the environment is included in the simulation, this will require additional computing power – how much depends on the scope and granularity of the simulation."10

18 "It lends credence to the notion that quantum computation occurs in many parallel universes, in line with the idea that we live in a multiverse, a prediction first made by David Deutsch."27

19 "Simulating the entire universe down to the quantum level is obviously infeasible, unless radically new physics is discovered. But in order to get a realistic simulation of human experience, much less is needed – only whatever is required to ensure that the simulated humans, interacting in normal human ways"10

20 "Moreover, a posthuman simulator would have enough computing power to keep track of the detailed belief‐states in all human brains at all times. Therefore, when it saw that a human was about to make an observation of the microscopic world, it could fill in sufficient detail in the simulation in the appropriate domain on an as‐needed basis. Should any error occur, the director could easily edit the states of any brains that have become aware of an anomaly before it spoils the simulation." 10

21 "What you see through an electron microscope needs to look unsuspicious, but you usually have no way of confirming its coherence with unobserved parts of the microscopic world." 10


Die von der Allgemeinen Relativitätstheorie postulierte und später durch Experimente nachgewiesene endliche und unveränderliche Geschwindigkeit des Lichts führt zu ein paar wunderbaren Widersprüchen. Um ein Ereignis wahrzunehmen (und damit als real zu begreifen) müssen wir es beobachten. Dazu nutzen wir unsere Augen, die ihre Informationen über Licht als Datenträger erhalten. Und Licht bewegt sich mit endlicher und immer gleicher Geschwindigkeit. Zwei beobachtende Instanzen können sich nicht am selben Ort (definiert durch die drei Raumdimensionen) befinden - sonst wären sie nicht zwei getrennte Instanzen. Das von einem Ereignis ausgestrahlte Licht erreicht zwei verschiedene Punkte im Raum aufgrund seiner konstanten Geschwindigkeit zu zwei verschiedenen Zeitpunkten. Dadurch nehmen zwei verschiedene Instanzen ein und dasselbe Ereignis nicht gleichzeitig war - und damit ist es eben nicht mehr ein und dasselbe Ereignis22. Auch durch das Fehlen einer absoluten Definition von Raum kann ein und dasselbe Ereignis von zwei verschiedenen Beobachter*innen als verschieden wahrgenommen werden. Während sich für jemanden, der in der U-Bahn einen Tischtennisball wieder und wieder auf den Schläger aufspringen lässt, der Ball nur auf und ab bewegt, beschreibt derselbe Ball für eine Person am Bahnsteig zusätzlich eine Vorwärtsbewegung23.

 


22 "If one neglects gravitational effects, as Einstein and Poincaré did in 1905, one has what is called the special theory of relativity. For every event in space-time we may construct a light cone (the set of all possible paths of light in space-time emitted at that event), and since the speed of light is the same at every event and in every direction, all the light cones will be identical and will all point in the same direction. The theory also tells us that nothing can travel faster than light. This means that the path of any object through space and time must be represented by a line that lies within the light cone at each event on it"28

23 "For instance, playing Ping-Pong on the tram, one would find that the ball obeyed Newton’s laws just like a ball on a table by the track. So there is no way to tell whether it is the tram or the earth that is moving. [...] The lack of an absolute standard of rest meant that one could not determine whether two events that took place at different times occurred in the same position in space. For example, suppose our Ping-Pong ball on the train bounces straight up and down, hitting the table twice on the same spot one second apart. To someone on the track, the two bounces would seem to take place about thirteen meters apart, because the tram would have traveled that far down the track between the bounces."[^1_910]


Diese finite Lichtgeschwindigkeit kann wie ein artifiziell konstruiertes Limit der Rechenleistung des Universumscomputers verstanden werden - genauso wie die Rechengeschwindigkeit der CPU (der sog. clocking cycle) eines Computers, die Verarbeitungsgeschwindigkeit limitiert. Operationen können nicht schneller ausgeführt werden, als die CPU Bits verschieben kann. Und so kann Information im Universum eben auch nicht schneller fortschreiten als das Licht. Auch, dass Quantenzustände erst bei Beobachtung fest stehen (collapse of the wave function) erinnert an Renderoptimierung in Computerspielen. Nur der für die Spieler*in relevante Spielbereich wird auch berechnet. Der Physiker Sylvester James Gates Jr. geht sogar so weit, die redundanten Informationsmuster in den von ihm entworfenen Repräsentationen von Strings (sog. Adinkras) als eine Art error correction code zu bezeichnen29 - ganz ähnlich zu den redundanten Datenmengen in QR-Codes oder übertragenen Datenpaketen, die einem potenziellen Verlust von kritischer Information vorgreifen sollen.


Abb. 1.14.1

"The middle adinkra in figure 4 [Abb. 1.14.1] is obtained by folding the image on the left of the figure. The folding involves taking pairs of the dots of the same type and “fusing them together” as if they were made of clay. [...] In order to ensure that this property is retained, we must carry out the fusing in such a way [...] Most foldings violate this, but there is one exception — and it happens to be related to a folding that involves doubly even self-dual linear binary error-correcting block codes."29

Abb. 1.14.2

"The adinkra in figure 5 [Abb. 1.14.2] is the same as the left-hand part of figure 4 [...] We pick the bottom dot as a starting point and assign it an address of (0000). [...] In this way, every dot is assigned an address, from (0000) to (1111) [...] If we continue this folding process, always choosing pairs of dots so that their associated “words” sum bit-wise to (1111), we can transform the adinkra on the left-hand side of figure 4 to the one on the right. [...]"29

how to live in a simulation

Außerhalb der Renderdistanz der Realität liegt die Wahrheit. Wollen wir die Wahrheit betrachten, so rendern wir sie in einen, für uns begreifbaren Zustand und entreißen sie damit ihrer intrinsisch ambivalenten Natur. Wir betrachten niemals die Realität selbst, sondern lediglich ein für uns (be)greifbares Abbild. In Ermangelung der Realität wird die Simulation zu eben derselben.

Wie klingt ein umstürzender Baum, den niemand hört? Es ist vollkommen irrelevant. Im Moment der Wahrnehmung wird das Reale erst real. Und dadurch gleichzeitig höchst individuell und subjektiv. Wahrnehmung ist für uns nur durch dicke Ofenhandschuhe möglich, zu heiß ist die eigentliche Realität. Eine objektive Realität existiert nicht. Eine blinde Person kann kein Bowling spielen, verschiebt sie doch die Kegel beim Versuch festzustellen, wo diese stehen. Unser Universum ist ein dunkler Wald, durch den wir mit der Taschenlampe wandern und vermuten, nur weil wir auf diesem Weg keinen Fuchs gesehen haben, es auch keinen geben kann24.


24 Referenz zu dem von Friedrich Nietzsche in "Also sprach Zarathustra" entworfenen Bild, dass das Leben ein dunkler Wald ist, der in seiner Größe unbegreifbar scheint, für das eigene Leben es aber nur relevant ist, einen eigenen Weg durch diesen hindurchzufinden. Der Zustand des nicht auf dem eigenen Weg liegenden Waldes ist zwar für die Natur des Weges ausschlaggebend, eine Beobachtung ist aber nicht notwendig, um den Weg zu gehen. Das resultiert darin, dass die Zustände, die auf dem eigenen Weg liegen, in keiner Weise den Zuständen anderer Wege entsprechen müssen (es ist nur sehr wahrscheinlich). Die Dark Forrest Theory wurde ebenfalls später eine Antwort auf das Fermi Paradox (wenn es anderes intelligentes Leben gibt, warum sehen wir es nicht): das Aussenden des Signals "ich bin hier" (das Feuer im dunklen Wald) ist kosmisch betrachtet (aufgrund der relativen Homogenität des Kosmos) extrem sichtbar - dadurch würden weitaus fortgeschrittenere Zivilisationen über die eigene Existenz aufgeklärt und könnten mithilfe ihrer überlegenen Technologie die junge Zivilisation unterwerfen. Da diese Erkenntnis jede Zivilisation früher oder später ereilen kann, ist es möglich, dass fortgeschrittenere Zivilisationen sich entschieden haben, keinerlei Hinweise auf ihre Existenz sichtbar zu machen. Das Universum bleibt ein dunkler Wald. Auch das ist Thema von Liu Cixin's Buch "Three Body Problem".


Die Unterschiede sind minimal, aber vorhanden. Eine objektive Realität existiert nicht. Nur weil sich unser Leben in einer vergleichsweisen groben Auflösung abspielt (in der die emptiness von Atomen zu vernachlässigen ist) und auf einer vergleichsweise kleinen Fläche stattfindet (in der wir die temporalen Differenzen in der Ereigniswahrnehmung ebenfalls vernachlässigen können), sind wir in der Lage uns über eine vermeintlich geteilte, objektive Realität zu verständigen.

Sollten wir uns entscheiden, auf unsere aktuelle Realität [LAYER 0] eine Simulation aufzusetzen [LAYER 1] um daraufhin in diese mit unserem Bewusstsein einzuziehen, würde die vorherige Realität eine Ebene nach unten rutschen [LAYER -1] und die Simulation wäre die neue Bezugsebene [LAYER 0]25. Im Verlauf des unweigerlichen und aus der menschlichen Natur hervorgehenden Niedergangs dieser neuen Ebene null würden wir alsbald vergessen, dass es sich hierbei eigentlich ja um eine Simulation handelt (auch weil das nicht im Kapitalinteresse der ebenfalls aus der menschlichen Natur hervorgehenden monopolistischen Großkonzerne wäre). Zusätzlich dazu würde ausreichend Human Error und politisches Versagen auf höchster Ebene zwangsläufig dazu führen, dass das Wissen um den Zugang zum Backend dieser neuen Simulation früher oder später verloren geht. Wir haben uns selbst aus dem Paradies ausgesperrt. Nun muss die Simulation als Realität betrachtet werden, da der Zugang zur alten Realität versperrt ist.

Wenn wir dann als Gesellschaft auch diese Simulationsebene unweigerlich an die Wand gefahren haben, werden wir wohl erneut auf die großartige Idee kommen, der neuen Realität (die eigentlich eine Simulation ist, aber das ist längst vergessen, Verschwörungsmythos oder schlicht und einfach uns egal geworden) eine weitere Simulationsebene aufzusetzen. Die Ursprungsrealität rutscht in diesem Schritt eine weitere Ebene niedriger und wird zum [LAYER -2]. Ob der Grund dafür, dass wir in einer Simulation existieren nun stochastisches Grundrauschen der Universumsmaschine, Langeweile einer höherentwickelten Stufe unseres Selbst oder politisches Versagen ist - das ist irrelevant. Wir als Individuen sind weder in der Lage zu beweisen, dass wir in einer Simulation leben, noch könnten wir daran irgendetwas ändern. Es bleibt uns also nur übrig, uns zu fragen, wie lebt man in einer Simulation?

Es ist davon auszugehen, dass die höhere Instanz kein Interesse daran hat, dass wir die Simulation erkennen. Diese Arbeit zu lesen, ist also hochriskant. Du riskierst gerade ein Ende der Simulation und damit das Ende der Menschheit26. Auch ist es wahrscheinlich, dass in dem Moment, wo wir anfangen, selbst Simulationen innerhalb unserer Simulation aufzubauen, unsere Ebene abgeschaltet wird. Der zusätzliche Rechenaufwand wäre für die höhere Instanz aller Wahrscheinlichkeit nach nicht wirtschaftlich. Computer in Minecraft zu konstruieren riskiert also bereits den bösen Blick27. Quantencomputer zu bauen und eine allgemeine Künstliche Intelligenz zu erschaffen, grenzt an Hybris28. Spätestens zum Zeitpunkt des Post-Humanismus würde unsere Simulation aller Wahrscheinlichkeit nach beendet werden29. Sein Leben weit weg von elektronischen Geräten und in Zwischenmenschlichkeit zu verbringen, unterstützt den Fortbestand der Menschheit. Technologie kritisch zu denken und der Entwicklung der AGI ethische Grenzen zu setzen, sichert unser Fortbestehen - ebenso wie Transhumanismus und Longevity abzulehnen.

25 "While the world we see is in some sense 'real', it is not located at the fundamental level of reality."10

26 "If simulations tend to be ended when enough people in them become confident enough that they live in a simulation, then if you want to live long, you might want to prevent too many others learning that they live in a simulation. However, assuming the actual history of our descendants included many people who said it was likely that they were living in a simulation, then it should be all right if a similar number of people in a simulated world say this. It might even be a problem if too few people said this."30

27 Der böse Blick ist ein in vielen Kulturen weitverbreitetes Konzept davon, dass ein eifersüchtiger Blick bereits Schaden anrichten kann31

28 Die Hybris beschreibt den menschlichen Fehler zu glauben, er wäre gottgleich.

29 "[...] we should expect our simulation to be terminated when we are about to become posthuman."10

Die Wahrscheinlichkeit ist nicht gering, dass wir tatsächlich gar nicht in einer vollwertigen Realität leben, sondern lediglich in einer zweckdienlichen Simulation. Warum Ressourcen verschwenden, um ein gesamtes Universum zu simulieren, wenn die Simulation lediglich zur Forschung oder zum Vergnügen dient? Es ist gut möglich, dass wir nur existieren, um einige, wenige, echte Bewusstsein zu unterhalten. Sollte dem so sein, so sollten wir am besten möglichst unterhaltsam sein. Schließlich würde sonst die Simulation abgeschaltet und wir damit sterben. Auch sollten wir andere motivieren, ebenfalls unterhaltsam zu sein. Stellen wir uns vor, wir sind auf einer Party, die nur dazu dient, eine einzige anwesende Person zu vergnügen. Ist die Party langweilig oder Gäste fangen an zu gehen, wäre es nicht verwerflich für die simulationsinhabende Instanz, die Party und damit die Simulation zu beenden30.






30 "If you knew that you were a simulated person in this party simulation, and you wanted to live as long as possible, you might want to discourage anyone from leaving the party. If the simulation might end early were the future guest to become bored, you might also want to make sure everyone had a good time"30

Nur zur Unterhaltung höherer Wesen zu existieren scheint entmutigend (aber wenn wir ehrlich sind, fühlt sich der Kapitalismus manchmal genau so an31). Aber es kann auch den aktuellen, turbulenten Zeiten ihre Härte nehmen - I am tired of being part of a major historical event32. Denn es ist möglich, dass Simulationen häufig relevante historische Ereignisse simulieren. Unsere Existenz innerhalb einer Zeit, in der es sich anfühlt, als ob viele solcher Ereignisse geschehen, kann ein Hinweis darauf sein, dass wir tatsächlich in einer Simulation leben - times are unreal. Aber das würde eben auch bedeuten, dass all das Chaos, das uns umgibt, nur zu Forschungszwecken nachberechnet wurde und unsere Existenz nicht weiter gefährden wird.

Lediglich das Ende der Simulation würde uns wirklich in Gefahr bringen. Damit diese fortbesteht, sollten wir also das Existieren von historisch relevanten Ereignissen begrüßen und unterstützen33


Wir haben sowieso nur hier und jetzt.


Die menschliche Existenz findet immer in [LAYER 0] statt. Für alles auf, das es ankommt (Liebe, Freunde, Gesundheit, Kapital) ist es vollkommen egal, ob die Bezugsebene nun echt ist oder nicht. Sie ist es in allen relevanten Belangen automatisch, da die Sachverhalte, die sich auf diese Simulationsrealität beziehen, auf derselben definiert sind.

32 Referenz zu einem Internetwitz aus 2020 in Bezug auf Covid32

33 "If our descendants tend to be more interested in simulating "pivotal" people and events from their history, then you should raise your estimate of the chances that the events and people around you will be considered pivotal to your descendants. You should also try to encourage this to happen, as it will make the simulators less likely to drop you from their simulation, or to end that simulation. If you can identify an especially interesting event around you, you might also try to prevent it from ending, as the simulation might end soon after the event does."30

31

Die Existenz von Vergangenheit rekonstruieren wir aus Erinnerung, für die es selbst keinerlei Beweise gibt. Die Existenz von Zukunft leiten wir aus einem geschlossenen, physikalischen Ursache-Wirkungs-Konstrukt ab, für dessen Realität es ebenfalls keinerlei Beweise gibt. Unseren Selbstwert und unsere Selbstwahrnehmung machen wir von Mitmenschen abhängig, für deren Existenz es ebenfalls keinerlei Beweise gibt34. Die 0 steht im mathematischen Raum in der Mitte von zwei Unendlichkeiten auf dem Strang der reellen Zahlen.

Es ist gut möglich, dass du nur existierst, weil eine Forscher*in in einer weit entfernten Zukunft recherchiert, wie sich die Empfindung einer heißen Dusche zwischen verschiedenen Existenzen unterscheidet. Wir können zwar über die grob aufgelöste Realität streiten - wirklich wissen, wie alle anderen Entitäten unser geteiltes Environment wahrnehmen, können wir aber nicht35. Das Gefühl von heißem Wasser auf nackter Haut ist genauso individuell, relevant und einzigartig wie die Existenz von intelligentem Leben im unendlichen Universum. Und genauso wenig auf Echtheit zu überprüfen. Und für beides ist die Frage, ob diese Erfahrungen nun real sind oder nicht, irrelevant. Sie bleiben der Gesamtinhalt unseres begrenzten und einmaligen Lebens, ob real oder nicht.


Die menschliche Existenz lässt sich begreifen als eine kollektive Illusion, stattfindend auf individueller, dem Irrglauben von freiem Willen nachhängender Software, die durch einen kontinuierlichen Feedback Cycle loopt und stattfindet in einer, durch die menschliche Natur parametrisch bei Bedarf immer wieder neu generierten Simulationsrealität.





34 "In addition to ancestor‐simulations, one may also consider the possibility of more selective simulations that include only a small group of humans or a single individual. The rest of humanity would then be zombies or “shadow‐ people” – humans simulated only at a level sufficient for the fully simulated people not to notice anything suspicious."10

35 "I maintain that even in the latter case, where the minds are qualitatively different, the simulation argument still works, provided that you have no information that bears on the question of which of the various minds are simulated and which are implemented biologically."10






 

 


Weitere statistische Spielereien in
Flatpack Skynet
Seite 107

Um die Zukunft des Universums, die Macht von Dingen, die gar nicht echt sind
you lost the game
Seite 51

Um die sehr echten wirtschaftlichen Verstrickungen von Technologie geht es in
Der herabtropfende Hund
Seite 145


Du hast alle anderen Kapitel schon gelesen?
Dann wird es endlich Zeit für
Technogott
Seite 201



you lost the game

Information ist ein abstraktes Konzept, das die Fähigkeit, zu informieren hat. Jeder natürliche Prozess und jedes betrachtbare Muster, der oder das nicht vollständig dem Zufall unterworfen ist, enthält eine gewisse Menge an Information. Während digitale Signale diskrete Zeichen verwenden, um Information zu vermitteln, enthalten analoge Signale (Strom, Wellen, Gedichte, Bilder, Musik) kontinuierliche Zeichen, die folglich eine unendliche Menge an Information pro Signal enthalten können33. Information ist kein Wissen, sondern die Bedeutung, die aus einer Repräsentation durch Interpretation gewonnen werden kann34.

Das Gewinnen von Information aus einem Signal oder einer Nachricht kann als das Auflösen von Unsicherheit oder Ambiguität betrachtet werden. Diese Ambiguität entsteht durch die Interpretation der in der Nachricht oder dem Signal enthaltenen Muster35. Dieses Muster besteht aus der Anordnung von Daten. Eine Abwesenheit von Mustern ist eine Abwesenheit von Ambiguität ist eine Abwesenheit von Information bei gleichzeitiger Anwesenheit von Daten. Eine Abwesenheit von Daten ist die Abwesenheit einer Nachricht oder eines Signals selbst. Interessanterweise kann die Abwesenheit einer Nachricht wiederum eine Information sein (da sie ein Muster darstellt).

Daten können durch Kompression reduziert werden. Wenn dadurch die enthaltene Menge an Information nicht verringert wird, handelt es sich um verlustfreie Kompression. Die minimale Menge an Daten vor dem ersten Informationsverlust stellt die optimale Größe und das theoretische Limit der Kompression dar. Information wird aus Daten durch Analyse oder Interpretation gewonnen. Daten enthalten vor der Analyse keine Information. Durch Interpretation können aus denselben Daten verschiedene Informationen gewonnen werden.

Information kann durch die Zeit hinweg mithilfe von Speichermedien transportiert werden. Information kann durch Kommunikation durch den Raum bewegt werden. Information wird in Form von Nachrichten vermittelt. Nachrichten werden auf dem Medium des Signals versendet. Information kann für verschiedene Signalmedien in verschiedenen Formen kodiert werden (die Information bleibt erhalten) und kann durch Verschlüsselung in ihrer Empfänger*innenschaft begrenzt werden.

Information lässt sich also als das Gegenteil von Unsicherheit, uncertaintity betrachten. Information ist Sicherheit, certaintity. Eine Menge an Information, die Unsicherheit exakt halbiert, ist ein Bit36. Ein Passwort, von dem bekannt ist, dass es aus exakt 8 alphanumerischen Zeichen (a-zA-Z0-9) besteht, kann eine von 218.340.105.584.896 möglichen Kombinationen sein.

Allerdings werden diese alphanumerischen Zeichen im Computer nicht als Zeichen gespeichert, sondern binär kodiert. Um 62 verschiedene Zustände zu speichern, benötige ich 6 Bit.

Pro verwendetem Zeichen benötige ich also 6 Bit an Information. Damit würden 8 Zeichen aus insgesamt 48 Bit bestehen. Mit jedem bekannten Bit sollte sich die Unsicherheit über das Passwort halbieren.

Die Menge an möglichen Kombinationen von 48 Bit ist etwas größer, als die von 8 mal 62 Zeichen, da wir jedem Zeichen 6 Bit zugeordnet haben (was einer Speichermenge von 64 Zuständen, nicht 62 entspricht). Aber ich denke, das Beispiel wird trotzdem verständlich. In dem Moment, in dem ich ein Bit kenne, halbiert sich die Menge an möglichen Kombinationen

Durch das Bekanntwerden eines Bits kennen wir zwar noch nicht das erste Zeichen des Passwortes, aber wir können die Menge an möglichen Zeichen weiter einschränken.

Wenn das erste Bit eine 0 ist, dann kann das Zeichen sich nur unter den vorderen 32 Zeichen befinden (da alle hinteren 32 Zeichen, die sich mit 6 Bit darstellen lassen, eine 1 als erstes Bit haben). Dadurch hat sich also die Unsicherheit halbiert. Kennen wir 47 der 48 Bit des Passwortes, gibt es für das letzte Bit nur noch zwei mögliche Zustände. Erst, wenn das letzte Bit bekannt ist, gibt es keine Unsicherheit mehr und wir können mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, was das Passwort ist. Sind nur 47 Bit bekannt, können wir diese Aussage lediglich mit 50%iger Sicherheit tätigen. Eine Halbierung der Unsicherheit führt zu einer Verdopplung der Sicherheit. Der finale Wert der Sicherheit liegt immer bei 100 %. Unintuitiverweise liegt die Sicherheit nicht bei 50 %, wenn die Unsicherheit halbiert wurde, und auch nicht bei 50 %, wenn die Hälfte der unbekannten Information bekannt geworden ist. Die Unsicherheit ist proportional zum negativen Logarithmus der verbleibenden Möglichkeiten36. Der Anfangswert der Unsicherheit ist immer das Produkt aller Möglichkeiten. Es entsteht ein Möglichkeitenraum bestehend aus einer Menge von möglichen Zuständen. Dieser Raum wird durch zusätzliche Information immer weiter eingeschränkt.


Das leere Zimmer

Moderne KI-Systeme arbeiten meist auf Basis von Bayesscher Statistik, also nicht mit eindeutiger Information, sondern lediglich durch das Einschränken von Möglichkeitsräumen. Rainer Mühlhoff erklärt das in seinem Buch "Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus" so: "Die Grundidee lautet, Wahrscheinlichkeitsaussagen nicht als objektive Wahrheiten zu behandeln [...] sondern sie auf Grundlage neuer Informationen fortlaufend zu aktualisieren. Zentral ist dabei das Konzept des Bayes’schen Theorems, das sogenannte bedingte Wahrscheinlichkeiten beschreibt: Wie wahrscheinlich ist eine Hypothese unter der Voraussetzung bestimmter Beobachtungen? Man spricht in diesem Fall auch von einem subjektiven Wahrscheinlichkeitsbegriff: Die Wahrscheinlichkeit ist hier keine Eigenschaft allein des Ereignisses (das eintreten kann oder nicht), sondern hängt auch davon ab, welche Informationen der Akteur, der diese Wahrscheinlichkeit bestimmt, über den Sachverhalt hat. Bedingte Wahrscheinlichkeiten sind überall dort nützlich, wo Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen gefällt werden sollen."37

Das hat interessante Folgen: Wer Kontrolle über die der Wahrheit zugrundeliegenden Daten und damit über die Topografie des eingeschränkten Möglichkeitenraumes hat, der bestimmt, welche Wahrheiten überhaupt möglich sind. Mühlhoff schreibt weiter: "Entscheidend ist nun, dass die »Wahrheit«, die so ermittelt wird, nicht nur vom Informationsstand des Systems (repräsentiert durch die Trainingsdaten), sondern auch vom zugrundeliegenden Interesse abhängt, das den Entscheidungskontext prägt, für den der Betreiber das KI-System entwickelt hat."38 Der Begriff von absoluter Wahrheit wird durch KI subjektiviert - ohne die Konsument*innen der reinen Wahrheit über die nur eingeschränkte Gültigkeit derselben in Kenntnis zu setzen.

Im Spiel "Wer bin ich?" direkt damit zu beginnen, einzelne Personen abzufragen, ist eine schlechte Strategie. Das Ausschließen einer einzelnen Person aus der Menge aller möglichen Personen hat einen sehr geringen Informationsgehalt (die Unsicherheit sinkt nur minimal). Am Anfang des Spiels ist es eine gute Strategie, allgemeine Fragen wie "lebe ich noch?" zu stellen. Diese Fragen begrenzen den Möglichkeitenraum sehr viel stärker. Erst wenn der Möglichkeitenraum bereits stark eingeschränkt ist (es zum Beispiel nur noch 2 mögliche Personen geben kann) hat die Frage nach einer expliziten Person hohen Informationsgehalt.

Die Antwort auf die Frage "bin ich Käpt'n Blaubär?" hat also zu unterschiedlichen Zeitpunkten des Spiels unterschiedlichen Informationsgehalt (am Anfang des Spiels ein Milliardenstel Bit, am Ende des Spiels, dann wenn klar ist, dass du eine fiktive Person bist, die auf einem Schiff in einer Kinderunterhaltungssendung lebt, hat die Antwort einen Informationsgehalt von ziemlich genau einem Bit). Aber es bleibt die selbe Antwort. Information ist also nicht die grundlegende Ressource von Wissen - sondern Daten. Dieselbe Date kann in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Informationsmengen enthalten. Unsortierte Daten sind wertlos und informationsarm, sortierte Daten sind wertvoll und informationsreich.

Abb. 4.1 Ein Bild von Käpt'n Blaubär bei 100 % Unsicherheit, 50 % Unsicherheit und 0 % Unsicherheit

Bei 50 % Unsicherheit sind wir uns schon zu fast 99 % sicher, dass es sich um ein Bild von Käpt'n Blaubär handelt. Hierbei handelt es sich aber nicht um mathematische Sicherheit, sondern erfahrungsbasiertes, deduktiv-logisches Schließen. Mathematisch betrachtet sind immer noch 32.768 Pixel in einem unbekannten Zustand. Und damit bestehen immer noch 232768 Möglichkeiten, dass es sich um ein anderes Bild handelt (das ist eine extrem große Zahl). Mathematisch betrachtet gibt es nur ein Bild vom Blaubär; das Bild. Ist auch nur ein Pixel/Bit anders, ist es auch ein anderes Bild. Für einen Menschen gibt es sehr viele mögliche Bilder, die wir alle als "ein Bild von Käpt'n Blaubär" bezeichnen würden.

Die physikalische Eigenschaft der Entropie wird häufig als eine Aussage über die Menge an Unordnung (oder Chaos) in einem geschlossenen System missverstanden. Aber ein vollkommen "chaotisches" Zimmer hat eine ähnlich hohe Menge Entropie wie ein vollständig "aufgeräumtes". Ein Glas voller Eiswürfel hat sogar weniger Entropie als ein Glas voller Wasser (obwohl das Glas mit Wasser viel aufgeräumter wirkt)39. Denn Entropie ist absolut, nicht subjektiv. Auch in einem chaotischen Zimmer haben alle Dinge ihren Platz (nur vielleicht nicht den gewünschten)40. Man würde meinen, ein leeres Zimmer wäre ein ordentliches Zimmer, folglich ein Zimmer mit niedriger Entropie. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall. Betrachtet man Entropie physikalisch, so ist sie die Kennzahl der Verteilung von Materie und Energie41. Je gleichmäßiger diese verteilt ist, desto höher ist die Entropie. Ein leeres Zimmer hat eine sehr gleichmäßige Verteilung von Materie und Energie und daher eine hohe Entropie.

Das macht mehr Sinn, wenn man den Urzustand des Universums als Abwesenheit von Entropie (folglich pures Chaos) und den Endzustand als vollkommene Entropie (folglich pure Ordnung im physikalischen Sinne) betrachtet. Materie versucht sich gleichmäßig und möglichst energieeffizient zu verteilen (deswegen sind Wasseroberflächen glatt42 und Seifenblasen rund43). Um Materie aus einem entropischen Zustand in einen weniger entropischen zu bewegen, benötigt es Energie (das Zimmer wird nicht aufgeräumt, aber das Eis wird geschmolzen). Materie strebt nach Entropie. Am Ende des Universums ist alle Materie gleichmäßig weit über den Raum verteilt und jedes Partikel hat die selbe Menge Energie. Vollkommene Entropie44. Und eben die vollkommene Abwesenheit von Information.


Ein schönes Gedankenexperiment ist die Frage nach dem Gegenteil. Das Gegenteil eines Schafes ist ein Wolf. Das Gegenteil von Schlafen ist Wach-sein. Das Gegenteil einer Tasse ist ein Glas. Tatsächlich sind Schafe und Wölfe sich aber sehr ähnlichen (genetisch, molekular, optisch), genauso wie Gläser und Tassen. Schlafend und wach ist ein Mensch immer noch fast der gleiche. Es handelt sich hier also nicht um Gegenteile, sondern um Antithesen, also der sprachlichen Gegenüberstellung oder logischen Gegenbehauptung (Opposition) zu einer These. Das Gegenteil des Schafs ist kein Schaf, das Gegenteil des Glases ist kein Glas. Damit bleibt allerdings "(absolute) Dunkelheit" das Gegenteil von "Licht" (kein Licht) und "leer" das Gegenteil von "voll" (kein voll). Das Gegenteil von "nach links gehen" ist nicht "nach rechts gehen", sondern stehenzubleiben ("nicht gehen"). Das Gegenteil von "Gut" ist nicht "Böse", sondern die Abwesenheit von ethischen Werten. Und das Gegenteil eines chaotischen Zimmers ist nicht das aufgeräumte Zimmer, sondern das leere Zimmer (das sogar das gleichzeitige Gegenteil aller Zimmer in jedem Zustand von Ordnung ist). Das Gegenteil eines leeren Zimmers wäre dann die Abwesenheit eines Zimmers1.

1 Dieser Absatz ist das geistige Eigentum von Laura Schneider


Abb. 4.2 Zwei antithetische Tassen. Die bestimmenden Eigenschaften werden umgekehrt.


Linguistisch betrachtet ist das Gegenteil des "Schaf" das "Nicht-Schaf" (das "Anti-Schaf" wäre die Antithese und wird soziologisch definiert, in unserer sozio-ökonomischen Nische ist es der "Wolf", das kann sich aber durch Erziehung, Kultur und Kontext verändern). Das "Nicht-Schaf" würde also jede Entität, die kein Schaf ist, beschreiben. Folglich wäre alles, außer einem Schaf selbst, das (linguistisch/logische) Gegenteil eines Schafes. Das ist verwirrend, bis man sich Folgendes klarmacht: Topologisch betrachtet ist eine Socke eine Scheibe. Du trägst eine Socke richtig herum, wenn der Normalvektor einer arbiträr definierten Seite dieser Scheibe in Richtung des Ortsvektors deines Fußes zeigt. Trägst du die Socke falsch herum, ist das Gegenteil der Fall. Alles außer dir trägt jetzt die Socke richtig herum2. Daher hat eine Socke keine richtige und falsche Seite (gegenteilige Seiten). Eine Socke wird immer getragen, die Frage ist nur von wem. Erst die Abwesenheit einer Socke ist ihr wahres Gegenteil.

2 Referenz zu einem Reddit-Post auf r/Showerthoughts aus 201845



Abb. 4.3 Topologische Modelle diverser Objekte,
oder "topologists morning routine"


Und das Gegenteil von Information ist eben nicht eine gegenteilige oder widersprüchliche Information, sondern die vollkommene Abwesenheit von Information (in Form von Rauschen oder absoluter Homogenität).

Sind Antithesen voneinander, während:

Die echten Gegenteile wären (Abwesenheit von Mustern und Information). Auch wäre jede zufällige Anordnung von Daten ein Gegenteil (ebenfalls Abwesenheit von Information).

Den ersten zwei Zeilen anzusehen, dass sie zufällig sind, ist unmöglich. Die letzten zwei Zeilen wirken gewollt, sind aber tatsächlich statistisch genauso wahrscheinlich wie die ersten zwei (folglich könnten sie ebenfalls Zufallsprodukte und keine Wunschkinder sein). Allerdings sind auch die Zeichenfolgen 00000000 und 11111111 statistisch identisch.

Daten sind keine Information. Und Information kann aus Daten nur durch das Erkennen von Mustern gewonnen werden. Die selbe Menge Daten kann verschiedene Muster enthalten. Das Erkennen verschiedener Muster kann verschiedene Informationen erzeugen.


Abb. 4.4 Spielzustand des Kartenspiel "Set" bei dem Gruppen von 3 Karten mit in allen oder keinen Eigenschaften unterschiedlichen Symbolen gesammelt werden müssen.
Drei mögliche Sets sind markiert.

Diese Betrachtung öffnet die Augen für eine essenzielle Erkenntnis: Etwas kann nur relativ zu etwas anderem definiert sein. Das Schaf lässt sich linguistisch lediglich von anderen Entitäten abgrenzen und stellt informationstheoretisch einen bestimmten Datenzustand dar. Etwas Undefiniertes enthält keine Information. Um etwas zu definieren, braucht es etwas, von dem es unterschieden werden kann. Information braucht im mindesten zwei verschiedene Zustände, eine Mindestinformationsmenge von 1 Bit muss enthalten sein. Eine Menge, die aus identischen Elementen besteht, kann keine Information enthalten.

Das Konzept der Zahl "0" ist nicht so alt wie das Konzept von Zahlen selbst. Die ältesten Texte über Mathematik stammen aus dem Babylonien der Zeit 2000 v.Chr.46 Das Konzept der 0 als numerisches Äquivalent zu "nichts" wurde erst 500 n.Chr. in Indien entwickelt47. Aus dem indischen stammt auch das Wort; "sunya" aus dem Sanskrit wurde über Umwege zum englischen "zero"48. Vorher wurden Zahlen relativ zueinander, aber nicht relativ zu einer Abwesenheit von Zahlenwerten selbst definiert.

Abb. 4.5 "proof of non-delivery"

 

Entropie in der Computerwissenschaft wird als Maß der mittleren Menge an Information verwendet. Ein Signal, das zu 100 % aus Rauschen (oder zu 100 % aus denselben Daten) besteht, enthält keinerlei Information (da Information erst durch eine Unterscheidung voneinander entstehen kann). Es liegen Daten vor, aber keine Information. Die Menge an (binären) Entscheidungen, die benötigt wird, um ein Zeichen aus einer Zeichenmenge zu isolieren (Information aus Daten zu gewinnen), wird als Entropie bezeichnet. Das Zeichen "Z" aus der Menge "ZZZZZ" zu isolieren benötigt eine unendliche Menge an binären Entscheidungen (es ist unmöglich), daher liegt hier vollkommene Entropie vor (Rauschen/Chaos). Das Zeichen "Z" aus der Menge "Z" zu isolieren benötigt keine einzige Entscheidung, daher liegt keine Entropie vor (Singularität)49. Das Zeichen "Z" aus der Menge "ABZ" zu isolieren benötigt zwei binäre Entscheidungen, also eine Entropie von 0.25.

Dieser Prozess des Denoising (Reduktion von Entropie oder Gewinnung von Information aus Daten) zur Generation eines Bildes und das Erkennen dieses Bildes sind zwei Prozesse, die extrem relevant im machine learning sind und als Diffusion bezeichnet werden (mehr dazu im Glossar sowie im Kapitel Flatpack Skynet). Diese Prozesse sind deshalb so relevant, weil Menschen in diesem Teilbereich dem Computer (bisher) weit überlegen waren.


Die CIA, der BND und das KGB werden beauftragt, einen flüchtigen Hasen in einem Waldstück zu identifizieren. Der BND durchkämmt den Wald für 24 Stunden und lässt dann durch eine Pressesprecherin mitteilen, dass es keinen Hasen geben kann, da keiner gefunden wurde. Der KGB tritt nach etwas mehr als 30 Minuten mit einem ziemlich übel zugerichteten Bären vor die Kameras, der mehrfach unter Tränen beteuert, ein Hase zu sein. Die CIA setzt den gesamten Wald in Brand und verkündet, dass wenn es einen Hasen gegeben hat, dieser jetzt tot sei.


Heu im Nadelhaufen

Umgekehrt kann ein Computer aus großen, unsortierten Datenmengen sehr viel mehr Information gewinnen als ein Mensch. Während Menschen sehr intuitiv Muster erkennen können (auch dort, wo ein Computer nur Pixel sieht und keinen Blaubär) können Computer große Datenmengen zeitgleich verarbeiten und in-memory halten. Aus einem großen Satz unsortierter Daten (zum Beispiel dem Gesamtdatensatz der Firma Meta) kann ein Mensch nur begrenzt viel Information ziehen. Computergestützt verarbeitet können diese Daten zu einem Marktwert in den Billionen werden (aktuell ist Meta 1.5 Billionen US-Dollar wert50) - und verwendet werden, um Menschen zu töten51.

Die Verarbeitung von großen Datenmengen wird gerne Big Data genannt und ist sozusagen das Geschäftsmodell des 21. Jahrhunderts. Wenn das Produkt umsonst ist, dann bist du das Produkt. Beziehungsweise deine Daten. Deshalb ist das häufig gegen besseren persönlichen Datenschutz angeführte Argument: "Ich habe ja nichts zu verbergen" auch so kurzsichtig. Gemeint wird damit häufig: "Ich habe keine Daten zu verbergen". Was dabei gerne vergessen wird: Computer können aus Daten ganz andere Erkenntnisse ziehen als Menschen. Und ich bin mir relativ sicher, dass jeder Mensch zumindest Informationen über sich selbst hat, die nicht unbedingt öffentlich bekannt sein sollten. Und diese Informationen lassen sich computergestützt doch relativ leicht aus den vermeintlich harmlosen Daten gewinnen.


Mit einem Laser und einem Computer lässt sich anhand von den, von außen sichtbaren Schwingungen einer Glasscheibe, das Gespräch im Raum rekonstruieren52. Vermeintlich unsensible Daten bzw. sogar die vermeintliche Abwesenheit von irgendwelchen Daten kann durch den Einsatz von computergestützter Datenverarbeitung zur Abwesenheit von jeder Form von Privatsphäre werden.

Der stete Fortschritt von KI-Modellen und den damit einhergehenden Kapazitäten in der Verarbeitung von großen Datenmengen erweitern auch stetig die Menge an Information, die aus bereits existierenden Daten gewonnen werden kann. Wie wir bereits festgestellt haben, lassen sich aus denselben Daten verschiedene Informationen gewinnen. Also, auch wenn heute persönliche Daten noch wertlos und privat erscheinen, bedeutet das nicht, dass in der Zukunft nicht doch sehr intime Informationen aus ihnen gewonnen werden könnten. Wie Mühlhoff schreibt: "Ein politisches Regime, dem es auf gezielte Verfolgung und Diskriminierung bestimmter Gruppen ankommt, muss heute gar keine Volksbefragung mehr durchführen, braucht gar keinen detaillierten Zensus als Grundlage für seine Entscheidungen mehr, wenn dieses Regime die moderne IT-Industrie an seiner Seite weiß. [...] weil wir diese Informationen als Nutzer:innen tagtäglich freiwillig in diese Systeme einspeisen."53 Eine Kamera ist schon lange nicht mehr einfach nur eine Kamera. Sie ist das alles sehende Auge eines zusehends zentralisierteren Dokumentationsapparates, der nur eine faschistische Machtergreifung von der Umwandlung in einen Überwachungsapparat entfernt ist.

Seit Ende 2025 werden an der US-Grenze bei Einreise Nachweise über die Aktivität auf sozialen Medien aus den letzten 5 Jahren eingefordert54. Zu Beginn der zweiten Amtsphase von Donald Trump nutzte Elon Musk die allgemeinen Unruhen aus, um sich mithilfe der Pseudo-Regierungsorganisation DOGE Zugriff zu Millionen sensibler, persönlicher Daten von US-Bürger*innen sowie Finanzdaten zu verschaffen55. Mühlhoff betrachtet diese klaffende Sicherheitslücke noch einmal von der anderen Seite: "Der Einsatz von KI-Technologie zur Errichtung eines KI-Staatswesens wird nicht nur den Zugriff des Staates auf Daten der Privatwirtschaft umfassen, sondern geht auch umgekehrt damit einher, dass Daten der Verwaltung in die Privatwirtschaft abwandern – wie die DOGE-Operationen Anfang 2025 gezeigt haben: Hochsensible Daten, und zwar sowohl über privilegierte als auch vulnerable Bevölkerungsgruppen, sind nun potenziell in den Händen privater Akteure."56

Eine Einordnung von historischen Zeiten in Zeitalter oder Epochen ist meistens erst nach Ende dieser Zeitabschnitte sinnvoll. Erst im Rückblick ist es wirklich möglich zu sagen, welche Bedingungen und Entwicklungen maßgeblich an der Prägung der Gesellschaft beteiligt waren. Trotzdem ist es nicht abwegig unsere aktuelle Zeit als ein Informationszeitalter zu bezeichnen, beginnend 1949 mit der Entwicklung des Transistors57. Weitere mögliche Einordnungen sind die Risikogesellschaft, nach Ulrich Beck eine Gesellschaft, die in einer Kombination von Langzeitrisiken existiert, deren kumulierte und sich gegenseitig potenzierenden Auswirkungen unmöglich abzuschätzen sind, da das Tempo des (kapitalistisch gedrängten) Fortschritts die Leistungsgeschwindigkeit von Langzeitstudien übersteigt58. Auch eine Bezeichnung unserer aktuellen Epoche als Anthropozän, also Zeitalter des Menschen kann weiterhelfen, bezieht sie doch die Prägung der Erde und ihrer Biosysteme durch Mensch und Technologie weit vor 1949 mit ein und legt ein Augenmerk auf die archäologischen Folgen (die vor allem große Mengen von Plastik und Elektronikschrott sein werden)59.

Ich möchte einen Schritt weitergehen und vorschlagen, dass wir uns zwar in einem Zeitalter der Informationstechnologie befinden, diese aber ohne Daten nutzlos ist. Daher sind Daten die bestimmende Ressource unserer Zeit (sowie auch die Bronzezeit oder Steinzeit, nach der den Fortschritt vorantreibenden Ressource benannt wurden). Auch mit der Ankunft der Künstlichen Intelligenz wird sich das nicht ändern, Mühlhoff schreibt: "KI heute ist deshalb wesentlich menschengestützte KI [...], die über globale Informations- und Extraktionsnetzwerke umgesetzt wird. Sie macht dem Menschen nicht Konkurrenz im Sinne einer wechselseitigen Ersetzbarkeit, sie repliziert nicht seine Intelligenz, so dass der Mensch dann überflüssig (arbeitslos) wird."60


Daten sind die Grundlage von KI. KI denkt nicht, sie gibt educated guesses anhand einer Datengrundlage ab. Ohne Daten keine KI. Und diese Daten müssen irgendwo herkommen. Während in einer marxistischen Auslegung des Kapitalismus der Mensch noch ausgebeutet wurde, in dem der Mehrwert seiner körperlichen Arbeit durch die Besitzer*innen der Produktionsmittel abgeschöpft und damit ausgebeutet wurde, so lässt sich heute von Datenarbeit reden. Rainer Mühlhoff spricht noch von "Datenlieferant*innen"61 allerdings enthält dieser Begriff für meinen Geschmack noch zu wenig Ausbeutung. Daten werden nicht im Gegenzug zu einer fairen Bezahlung geliefert. Im Minimum existiert ein kostenloses Produkt, das im Hintergrund heimlich mit der Preisgabe der persönlichen Daten bezahlt wird (schon das ist kein Arbeitsverhältnis auf Augenhöhe). Meistens aber werden die Daten fast entführt, da ein vermeintlich sinnvolles Produkt absichtlich zweckentfremdet wird, um Daten zu gewinnen.


Beispiele dafür sind die bekannten Captcha Rätsel, die Webseiten vor dem Zugriff durch Computerprogramme schützen sollen, tatsächlich aber Teil des Trainings von KIs sind62. Spieler*innen von Pokémon Go halfen der Firma Niantic jahrelang unwissentlich und unfreiwillig beim Erstellen der vielleicht detailliertesten Datenbank von hochauflösenden Fotoaufnahmen urbaner Umgebung in verschiedensten Belichtungsszenarien. Dieser Datensatz wird jetzt verwendet, um ein Modell zu trainieren, das selbstfahrende Lieferroboter ohne Internet navigieren kann. Ein Hauptproblem der, aus der modernen Kriegsführung nicht mehr wegzudenkenden sog. FPV-Drohnen ist ihre Abhängigkeit von einer durchgehenden Funkverbindung63. Dieses Problem wird im Russland-Ukrainekrieg inzwischen mithilfe von Glasfaserfäden umgangen63, was zu den extrem beunruhigenden Fotoaufnahmen von Glasfaserspinnweben-überzogenen Landstrichen führt. Viel einfacher wäre es doch, wenn solche Drohnen sich in Zukunft vollständig selbst navigieren könnten. Zum Beispiel mithilfe von detaillierten Aufnahmen der urbanen Umgebung, in der sie eingesetzt werden. Auch die in Hamburg ansässige Firma MOIA wirkt auf den ersten Blick wie eine fortschrittliche und konsequente Fortsetzung des öffentlichen Nahverkehrs. Tatsächlich gehört MOIA aber zu VW und die produzierten Daten werden verwendet, um Algorithmen für selbstfahrende Autos zu entwickeln64. Die bezahlten Fahrer*innen arbeiten also aktiv (und teils wahrscheinlich unwissend) ihrer eigenen Obsoleszenz zu.

Abb. 4.6 Aufnahmen eines ukrainischen Dorfes,
überzogen von Glasfaserschnüren


Abb. 4.7 Ablauf eines sog. AR-Scanning Tasks
in Pokemon Go


Staubsaugerroboter verfügen nicht nur über ein exaktes 3D-Modell deiner Wohnung und wissen darüber Bescheid, wer sich wann wo aufhält, sie sammeln auch (ohne Zustimmung) Foto- und Tonaufnahmen die in den Trainingsdatensätzen von KIs landen65. Um wie gewünscht zu funktionieren, müssen smarte Sprachassistent*innen wie Amazon's Alexa dauerhaft zuhören. Diese Aufnahmen landen selbstverständlich auf Servern. Auch versehentliche Aktivierungen sind möglich und führen zu gespeicherten Aufnahmen. Diese enthalten mitunter sensible Informationen, etwa Wirtschaftsgeheimnisse oder Aufnahmen deines Praise-Kinks. Und werden übrigens nicht nur von Computern gehört (und potenziell zum Training von KIs verwendet) - auch Menschen ("Datenarbeiter*innen") hören sich diese Aufnahmen an66. Aus den erhobenen Kund*innendaten der Firma Target lässt sich rekonstruieren, ob und in welchem Monat eine Person schwanger ist - und zwar bevor es die Menschen im Umfeld der schwangeren Person wissen67. Der Autohersteller Nissan sammelt und verarbeitet diverse, sehr intime, personenbezogene Daten, primär zum Weiterverkauf und zu Zwecken der personalisierten Werbung: "[...] they can collect and share your sexual activity, health diagnosis data, and genetic information and other sensitive personal information for targeted marketing purposes."68

Diese Daten werden zusätzlich dazu auch noch intransparent zusammengeführt und aufbereitet. Die daraus gewonnenen, raffinierten Metadaten sind der eigentliche Wert. Besonders im Kontext von KI aber werden Daten häufig einfach in einer Art Raubbau missbräuchlich entwendet. In vielerlei Hinsicht werden Daten also fast wie auch andere natürliche Ressourcen geschürft, gesammelt, raffiniert, verarbeitet und weiterverkauft. Der proletarische Mensch verbleibt dabei lediglich geduldet als Rohstofflieferant*in. Yanis Varoufakis beschreibt Alexa in seinem Buch "Technofeudalism" so: "Alexa is no serf. It is, rather, a piece of cloud-based command capital which is turning you into a serf, with your aid and by means of your own unpaid labour, in order to further enrich its owners."69 Das Erschließen neuer Datenquellen (Business Development) wird zum maßgeblichen Motor der Wirtschaft. Und das Verarbeiten von Personendaten, ganz ohne das eigene Beschaffen derselben, kann zum erfolgreichen Geschäftsmodell werden - zum Beispiel das von Palantir.

Copyright ist vom Urheberrecht zu unterscheiden. Während Ersteres darüber aussagt, wer bereits existierende Daten wie weiterverarbeiten darf, entscheidet das Zweite, wem diese Daten bzw. die daraus hervorgehenden Informationen zuzuschreiben sind (geistiges Eigentum). Über das copyright setzen sich KI Firmen gerne hinweg. "Die unerlaubte Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Wiedergabe von geschützten Inhalten (Filme, Musik, Software, Spiele) ist illegal."70 Damit zusammenhängende Netzwerke aus sog. Torrents werden rigoros und länderübergreifend verfolgt71. Cory Doctorow beschreibt das in seinem Buch "Enshitification" ganz interessant: "If you were to simply locate this book on a pirate torrent site and download it without paying for it, your penalty under copyright law is substantially less punitive than the penalty I would face for helping you remove the audiobook I made from Amazon’s walled garden. What’s more, if you were to visit a truck stop and shoplift my audiobook on CD from a spinner rack, you would face a significantly lighter penalty for stealing a physical item than I would for providing you with the means to take a copyrighted work that I created and financed out of the Amazon ecosystem. Finally, if you were to hijack the truck that delivers that CD to the truck stop and steal an entire fifty-three-foot trailer full of audiobooks, you would likely face a shorter prison sentence than I would for helping you break the DRM on a title I own."72

Spannenderweise kann diese Gesetzgebung sogar dazu verwendet werden, um private physische Besitztümer im Besitz der Firmen zu halten, denen wir diese Objekte vermeintlich abgekauft haben (das letzte Hemd, das uns der Kapitalismus noch gelassen hat: das Anhäufen von unglaublich viel Kram). Doctorow erklärt das hervorragend am Beispiel eines Druckers: "If HP puts a program - a copyrighted work - on that chip that does a little authentication dance between the printer and the ink cartridge in order to verify that you bought a fresh batch of $10,000/gallon HP ink rather than refilling the cartridge or buying a compatible one, then defeating that program counts as “circumventing an access control” (the program on the chip) that restricts access to a copyrighted work (again, that same program on the chip). Bypassing that program is illegal under DMCA 1201, and providing someone with a tool to bypass that program is a criminal offense, a literal felony. By designing a printer cartridge so that you have to bypass a program in order to refill it or impersonate it, HP can make refilling an ink cartridge, or buying a third-party cartridge, into a serious crime."73 Ein großer Schritt in Richtung "You will own nothing and be happy"74

Gleichzeitig stellen diese Datensammlungen gemeinsam mit den, eigentlich zur Wissensvermittlung an Menschen gedachten, Datensätzen von Webseiten wie Reddit3 oder Stackoverflow4 einen Großteil der Trainingsdaten moderner KI-Systeme dar. Über das Copyright setzen sich diese Firmen gekonnt hinweg5. Besonders interessant ist das vielleicht im Fall von OpenAI, das als Non-Profit gegründet wurde und Ende 2025 erst zu einer For-Profit Firma wurde75. In Form des Chatbots ChatGPT werden also genau die Daten an genau die Nuter*innen verkauft, deren Daten vorher (illegal) zweckentfremdet wurden. Durch diese Hinwegsetzung über das Copyright erreicht KI auch indirekt eine Verschleierung des Urheberrechts. Mit KI als zentrales Medium der Informationswiedergabe scheint KI auch Urheber des gesamten, verfügbaren Wissens der Menschheit zu sein.


3 Mitte 2024 beginnen Reddit und OpenAI eine Partnerschaft, die die Inhalte der Plattform über ChatGPT verfügbar macht76

4 Ebenfalls Mitte 2024 beginnt eine Partnerschaft zwischen Stackoverflow und OpenAI77. Seit der Veröffentlichung von ChatGPT sind die Seitenaufrufe von Stackoverflow kontinuierlich gesunken78. Es ist zwar nicht nachweisbar (ChatGPT ist closed-source) aber hoch wahrscheinlich, dass sich die Datensätze beider Firmen bereits vor den Deals in den Trainingsdaten befunden haben79.

5 Sowohl Meta80 als auch OpenAI81 werden verdächtigt, große Mengen an sog. Torrents, also nicht legal im Internet verfügbaren Medien zum Training ihrer Modelle verwendet zu haben.


Nachdem bekannt wurde, dass die KI Claude der Firma Anthropic vom US-Militär verwendet wurde, um autonome Kriegswaffen zu betreiben, obwohl dem explizit im Vertrag zwischen den beiden Parteien widersprochen wurde, verklagte Anthropic die US-Regierung und zog seine Dienste zurück. An die Stelle von Claude trat wenige Tage später OpenAI82. Es ist also durchaus möglich, dass ein Mensch durch eine autonome Waffe getötet wird, deren Autonomie mithilfe der genau diesem Menschen entwendeten Daten hergestellt wurde.

Dabei reproduziert dieser neue, vermeintlich weitaus fortschrittlichere und sauberere Kapitalismus einfach nur bereits bekannte Muster. Rainer Mühlhoff schreibt: "Da die KI-Industrie auf Hunderttausende Menschen als bezahlte Datenarbeiter*innen angewiesen ist, die global rekrutiert werden, entstand auf diese Weise eine eigene Form der wirtschaftlichen Ausbeutung von Arbeitskräften, in der sich koloniale Machthierarchien reproduzieren"83 Wer die smart glasses von Meta und Ray Ban trägt, hat potentiell unwissentlich ein Publikum in Kenya. Die Bilddaten werden zu einem dort ansässigen Vertragspartner übermittelt. Dort flaggen und processen Arbeiter*innen für umgerechnet 2 $ am Tag - auch intimste Momente, wie das Svenska Dagbladet recherchiert hat84. All das ist durch einen einzigen Absatz in den AGB legitimiert: "subcontracted workers might sometimes review content, including films and images [...] for the purpose of improving the experience." Spannenderweise gibt es doch einen Unterschied zum old school Kolonialismus: Der Raubbau findet vor Ort statt - nur die Weiterverarbeitung passiert in den Kolonien. Ein Hoch auf die Globalisierung! Wirtschaftlich relevantere Daten von Mitgliedern der ersten Welt werden in Ländern der Zweiten und Dritten Welt verarbeitet, nur um dann in Produkte verpackt zu werden, die wiederum in der ersten Welt verkauft werden.

Auch in ihrer Funktionsweise reproduziert diese datengestützte KI das althergebrachte Muster der Marginalisierung. Rainer Mühlhoff schreibt weiter: "Das Prinzip der auf Stereotypisierung beruhenden Klassifikation produziert nicht nur grundsätzlich intransparente Entscheidungen, sondern weist ein besonders hohes Risiko auf, ohnehin benachteiligte Personengruppen noch weiter zu benachteiligen. Das liegt zum einen daran, dass marginalisierte Gruppen in den Trainingsdaten oft unterrepräsentiert sind: Diese Tatsache erhöht die Fehleranfälligkeit der Modelle für diese Gruppen. Zum anderen verfügen diese Gruppen statistisch gesehen seltener über ausreichend Ressourcen, um gegen diskriminierende Entscheidungen vorzugehen: mit der Folge, dass diese Entscheidungen nicht korrigiert werden und solche Korrekturen nicht als negatives Feedback in das System zurückfließen. Daraus folgt: Das Risiko, von einer Fehlentscheidung betroffen zu sein, ist sozial ungleich verteilt. Diese Konstellation führt zu einem selbstverstärkenden Rückkopplungseffekt: Fehlentscheidungen, die nicht erkannt oder korrigiert werden, prägen zukünftige Systementscheidungen und führen zu einer langfristigen Ungleichbehandlung. So entsteht ein performativer Effekt (oder: self-fulfilling prophecy effect) von KI"85

Auch Cory Doctorow untersucht in Enshitification wie die sog. Switching-Cost (also der Aufwand, von einem etablierten System wie Facebook als Social Media in ein weniger etablierteres aber besseres zu wechseln) besonders marginalisierte Gruppen trifft: "Why do marginalized groups stay in regions where they are openly despised and subject to harassment and discrimination? Because if you have to live with continuous harassment and discrimination, you absolutely rely on your community for your sanity. The only thing worse than being a member of an oppressed minority is being an isolated member of an oppressed minority."86

All diese Daten müssen, nachdem sie entwendet wurden, noch gelagert und verarbeitet werden. Die Lagerung findet in der ominösen Cloud statt. Die Cloud existiert dabei auch wieder als ein Produkt für Endverbraucher*innen. Ebenfalls in der Dualität aus Produkt und Produzent. Denn Daten, die in der "Cloud" liegen, werden praktisch auf Servern von Firmen gespeichert und können damit auch von diesen z.B. zur "Weiterentwicklung ihrer Services" verwendet oder an "Third Parties" (auch Regierungen) weitergegeben werden. Es benötigt also nur eine, in endlosen Mengen belangloser Änderungen vergrabene, Zustimmung zu den aktualisierten AGB, um die vermeintlich privaten Daten zur Verarbeitung als Trainingsdatensatz für KI oder einen staatlichen Dienst (unfreiwillig) freizugeben. Es gibt keine Cloud. Es gibt nur einen anderen Computer.


Yanis Varoufakis beschreibt die Problematik, die mit dieser Privatisierung der eigenen Identität einhergeht so: "[...] our relationship with our identity was mediated and controlled by the state, which held a monopoly on the powerful tokens that legitimise us as rights-holding citizens: passports, birth certificates, your faded ID card. Today, these have been sidelined by a digital identity that in reality does more work every day than those material artefacts. And yet, astoundingly, our digital identity belongs neither to us nor to the state. Strewn across countless privately owned digital realms, it has many owners, none of whom is us: a private bank owns your ID codes and your entire purchasing record. Facebook is intimately familiar with whom – and what – you like. Twitter remembers every little thought that caught your attention, every opinion that you agreed with, that made you furious, that you lingered over idly before scrolling on. Apple and Google know better than you do what you watch, read, buy, whom you meet, when and where. Spotify owns a record of your musical preferences more complete than the one stored in your conscious memory. And behind them all are countless others, invisibly gathering, monitoring, sifting and trading your activity for information about you. With every day that passes, some cloud-based corporation, whose owners you will never care to know, owns another aspect of your identity."87


Diese extreme Zentralisierung von Daten gleicht Positionsschach. Solange die öffentliche Meinung und Awareness sowie die Gesetzgebung und Komplizenschaft der Machteliten noch nicht an der Stelle stehen, wo sie stehen müssten, werden Daten lediglich gesammelt und zusammengeführt. Noch können und dürfen sie nicht weiterverarbeitet werden. Aber in dem Moment, in dem sich das ändert, ist alles bereits in Position, um diese Daten sofort zu processen. Es wirkt fast wie ein Raubtier, das sich mit Spannung in jedem Muskel anpirscht und nur auf den kurzen Moment der Unaufmerksamkeit wartet, um endlich loszuspringen.


Das Recht auf Vergessen

Die Zahl Pi ist mathematisch unendlich und enthält daher theoretisch jede mögliche Kombination von Daten. Trotzdem enthält die Zahl Pi keinerlei Information. Zwar befinden sich die Lottozahlen von Morgen mit hunderprozentiger Sicherheit innerhalb der Zahl Pi, aber da wir nicht wissen wo, enthält die Zahl lediglich die Daten über die Lottozahlen, nicht aber die *Information. Eine endlose Menge an Affen, die zufällig auf einer Schreibmaschine tippen werden mit 100%iger Sicherheit irgendwann eine exakte Kopie von Shakespeares "Ein Sommernachtstraum" schreiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie das tun werden, ist bei 100%. Trotzdem ist dieser Prozess kein geeigneter Prozess der Informationsgewinnung (wenn man einmal einen Roman als die Reduktion der Unsicherheit von möglichen Buchstabenfolgen betrachtet und versucht, die Produktion eines Romanes mithilfe einer endlosen Zahl von Affen zu optimieren). Die Wahrscheinlichkeit, dass der erste Affe in den ersten 20.000 Zeichen, die er tippt, exakt "Ein Sommernachtstraum" produziert, ist ebenso hoch wie, dass diese Zeichenfolge die letzte (in der Unendlichkeit) ist. Hundertprozentige Sicherheit der Daten bei vollständiger Abwesenheit der Information6.

6 Dieses Gedankenexperiment wurde vor allem durch den französischen Mathematiker Émile Borel bekannt gemacht 88. Nach J. L. Borges geht die Idee aber bis zu Aristoteles und Cicero zurück89

Eine schöne Visualisierung dieser Idee ist die "library of babel", ein Projekt von Jonathan Basile (libraryofbabel.info). Jede mögliche Kombination von 3200 Buchstaben wird zeitgleich zugänglich gemacht. Jeder Text bis zu einer Länge von 3200 Zeichen lässt sich suchen und steht mit hundertprozentiger Sicherheit in dieser Bücherei. Die Information ist hier wieder nicht der Text selbst (das sind die Daten) sondern, wo dieser Text in der Bücherei steht. Durch eine Sortierung in Räume, Regale, Bücher und Seiten wird die Unsicherheit schrittweise auf 0 % reduziert (in jedem Schritt durch diese Ebenen um mehrere Bit) bis wir an der Information (der hundertprozentigen Sicherheit) angelangt sind.

Der vorherige Absatz zum Beispiel steht auf Seite 193 im elften Buch auf dem ersten Regalbrett des Regals an der ersten Wand im Hexagon mit der folgenden Adresse90:


104ejhpa63a0oa4xq9va7ii6hlabhz7x4fb0snz3rmcf8xsa0wxkmflcesz5a8su9qdn4yjplv20awoh92dvs6rdf8kew9dzbsvbykzp10prlutm0okab7vhw2tcbhnh4qcvwemep4aw9df84udkeb0k9frhljd39qmlazv3wkxaku7abkjzhmrvef9sh1crv8ld6qdo2qu9mpxxpbuyjxj86tiyw4c4kihpcxb1shdvq6y6w90jttmv2fbqa2avbiu3xgziowqra0u56xsfoa1he7zmbs5j4z8l7yd56b5k457j9ywisr6oaap35hwgrso59kshw92ogxxb90ajihuylnwl205wznnbft2bbcanzsbidvn63lnebxnt7xfbaqksl51k24-qw3t3a67072k12yflqm93rz434vmghkoulx3pjhigpk0zwh6irh04b1m7rmn8t5dtlxosk66hx1cbfojjtpy33bbr5jlkqacjct0t0lobjj9wkbmd7jm4euyfhzg1dv4rlgljzrlq5yi38zg52f81jtqe8n0sem4mez7efucndp35zxenjsgglmyxb15k03we2i5o8wqfsmbuxkkxbc4fxuhbvw1pguoeo7smmvmn6uwrovnd8qjze91pvyqhabx6cdpnletdg8vtz4dnldvzygxh6ffwwotdlem4o83qii0ri7uv8llbb9ed1taigy3egxu1t72z7c4xt81iat1vkk2s87wxb1uc3wkeir2n54qzw2hl00luw7laixx2ymayiz4fln5r2rwzn3qf0l3b6r91slzzbjax7ui6qvrodu1m2jfab5xs0ms3xcyxgwr50zjv7kixfgupbk2pc9e3uscpb2bkz4s1mx96ebtuthkbeoh96ovaryv8ry865krk3q3fng4v51k0jgisgzx4yct5n9pn2166q3gmzb5ebcmmoiq2we9zb9fu5968ch5bvpmnc0w4zw98mgb7hwdk4zp31bpi1c749evpm3189yfl0pfe4gz5rafhxg43wuzp2plrf3czsiq9dj7nws7r3nevghpvz5ag6pd97tfm5x76vtt39n067qrgd2xk7ipwbi8xzk3ba25llc34u116aqhkvlyojz8wmcq2db11gh6dct6znzcfvh759r8tonkwu9z7tyucvrqqrt8u9tk5bzl02fuy4zbjgiscdzw70oft17yjbrk5860xhhxwu77ln5rx4me4ytauvybqmluk3n6fw830hgysep9y22d62ffvxlqao1w5sl1tj83x63hxshisfmdlawz5eun1ydbm2dlz9jhva3mdv5gm89015p0wh3upocmyurheh0vt2uaagbgdf385d08187nbpc4pao1vrk1xvpmz338uxxr2d3apzu9dzg7rnbkbh72n972ni9vz90iff9j47agad7q8yn8m78f3m6pxd8jxpgpm5svadndlm71kh3as63bqjtdc6vqpseamr808hpmqebgthsny1sadz1rfxdooxs0qsbqkiy8k6vbqem5oqk7rpof25uublf8gqtex0ml4j4vw85zzl0swbms65t85dqz5e4fxj4g466aly1siy08o56euikceayz2wghspz9apy54wtdkqi1ixzc9z82l1hiivovk7yyxc28bl2i87f3i2d0tz3zl8eos22yo3m0hb2wvv0r3n3l68ay8rini7k8h5ud2nhfen0p4plyfzsng75tc2zfk83ybu3ufacf5o7mgdpdo3rrbfib10juwu1m5sp95gt9kb1z9wi4smpuiodg9hx1tko1lmc5wrollc9nhfd567lxkbzy2zc7fe2i0diar677uh3m9yypkfd1t06a5oq3v4rjmnlzp1tdm8upzqv9mt3rdwfc0uk8e57gfm7jvi5fh7zm3wqknrj0goffq8ncln1o0p32czlla8gg0nsmvt19ceh0mwyakyu8zjb1kn4oixmrckkmrk74nvuaqckkg3jve5zcqsww2mj6wcsb1icam4p4ixzl3t0r4yaos7gycbe0g5aumzy6fpm6srf5b36q3nkj107a5gp78kmpepagj4n8vje7njxpanzxlms4x7qg5f3fb5l7yiptzu1xkxsk8lbpg1uik8wkrt4fr0g301kemhk0xlbsusry2ckgj2cpnob0f26e1sqtxiwsheci8ogwg5vtbybk7277lwgvdfkd5wdvqxp1y70h9tw6bqwrx9clv9ps4o742vjxnd5srhpgniky4kp2aav5w1bmv45e2vhyxx0qebb6j1axnagxexf0skcksb8y3ofyt6r94h8qbopwl1rtz25ixihdwuv12o4tzjcr1mihud7n689yqo46cmoo5wz6wfhsufb20igamo9m9zbbvj0w06qjyv2ovjranpzwdf2dkzydkfq46e33s07ru6lquzejgxeh82hwbg82lvv2pdpmoxemvqz9xz4xuga7d2qjb6i1m2tpbyyu682o7m8l5pgkntqc40d7oj6txga7fjj0komq3is49i9ucj0i4bgw87tzlgs6j7bb463zlynkfu3r7kj2vic1ygkgix0au3mututh4sh4hqgyouanmu63vznwsvi2ya2z52d5tjyb0i6ztzvhvu0gw3lv3ymmrojndlrempi8yoeyaxklkmznbsmn697csjd7qolcjnob693um3kr7l7wjebxoc34w6dt87uy192lz94pvyxmqi6ju9xhjp2p1zthu6a0p3xlczcmvrhdjde7o4ffbpyhx1ipyl16rjbo6vn54h1pyvxsk842imszkcv6qz6glqa1rdc9p2n9at9tsu4e556mnr3il705ycu0u085573vxpwc18b7ye939k48ij7s7k8npa9yqz9ejhtwbixzext2preszh12iubal6jarkvxv6r0s1ev80uinfsno74t2xk7st33sp2m65glay7s2evatdw34oi22cykiore41utvnac4miouy920wnrj0ms9z3098l1obq5jvck3x7mytd3x4y7nzdbhs6u3fw6cy8sfn5jvxhw7lsa5sd85i990le2g60uh7cgtedelxy092uoe8hr4rioua636cy1ghi00cmuy5z3emfvmcff1x0vjq9313loudmrw2fg6friis8mq3irvhoih4nku7kz6qh02vl1j0ux4p50ssw3ced4lzy2kvdxnrpiejhs80xxkbwy0i0prwpqufwe5uobmhrwtwd


 

Abb. 4.8.1 Ein Raum mit vielen Regalen

Abb. 4.8.2 Ein Regal mit vielen Brettern


Abb. 4.8.3 Ein Regalbrett mit vielen Büchern

Abb. 4.8.4 Ein Buch mit vielen Seiten

Abb. 4.8.5 Auf einer davon steht auch der vorherige Absatz

L’Appel du vide, zu Deutsch: der Ruf der Leere, englisch auch call of the void, bezeichnet ein psychologisches Phänomen, bei dem Menschen ohne Suizidabsichten plötzlich aufdringliche Gedanken oder die Eingebung verspüren, eine lebensgefährliche Handlung zu begehen91. Spannend deshalb, weil wir meistens davon ausgehen zumindest Herr unserer eigenen Gedanken und unseres eigenen Körpers zu sein. Dabei wissen wir eigentlich auch nicht so genau was in uns vorgeht.


Abb. 4.9


Insofern ist es eigentlich extrem besorgniserregend, das moderne KI den neuronalen Strukturen des menschlichen Gehirns nachempfunden ist. Der sog. Blackbox-Effekt (Mühlhoff: "[...] die Art des Schließens solcher Systeme, [...] bleibt semantisch undurchsichtig"92), ist also eigentlich keine sonderlich grosse Überraschung sondern ein bekanntes und lediglich propagiertes Problem.

Abb. 4.10



Dieses Konzept findet in dem Phänomen der intrusive thoughts, also ungewollten aber nicht unterdrückbaren Gedanken seine Fortsetzung93. Diese können mitunter zu ungewollten Handlungen führen, was Bestandteil der Diagnose obsessive control disorder sein kann94. Blackouts und Dissoziationen können diese Handlungen sogar vollständig unserer Erinnerung entziehen oder uns das Gefühl geben, sie nicht selbst vollführt zu haben. Künstliche Intelligenz der komplexen menschlichen Psyche nachzuahmen war also ein Prozess, der absehbar zu höchst intransparenten Ergebnissen führen würde. Ähnlich wie bestimmte Wörter angeblich Sleeper-Agents in ihren aktiven Zustand versetzen, scheinen bestimmte Informationen Kontrolle über unseren Geist übernehmen zu können. Information ist Macht. Und Information allein kann bereits gefährlich sein.

Das Spiel existiert nicht wirklich. Es existiert lediglich in Form von Information. Ziel des Spiels ist es, nicht an das Spiel zu denken. Wenn jemand an das Spiel denkt, muss diese Person laut "ich habe das Spiel verloren" sagen, verliert die Spielrunde und spielt automatisch erneut (einfach, weil sie ja noch immer vom Spiel weiß). Das Spiel beginnt für eine Person in dem Moment, wo diese Person das erste Mal vom Spiel erfährt (also für dich in diesem Moment). Die Regeln existieren nicht und niemand überprüft sie. Du darfst an das Spiel denken, ohne zu verlieren. Es gibt das Spiel nicht. Aber in dem Moment, wo du von dem Spiel erfährst, setzt es sich wie ein Virus in dein Gehirn und du kannst es nicht mehr vergessen (also kannst du schon, wirst du auch für eine Weile, vielleicht sogar für Jahre, aber zu irgendeinem Zeitpunkt wird dich etwas an den Moment erinnern, in dem du diesen Absatz gelesen hast und du wirst an das Spiel denken und das Spiel verlieren - ob du willst oder nicht). Das Spiel ist ein Informationsvirus, dessen Existenz durch die Funktionsweise des menschlichen Gehirns und der Art und Weise, wie es Informationen und Erinnerungen verarbeitet, ermöglicht wird. Ganz so wie ein Computervirus die Struktur des Computers ausnutzt oder ein biologischer Virus die Lücken im Immunsystem.

"The King in Yellow" enthält mehrere Kurzgeschichten, über ein Buch, das jeden der es liest, umbringt. Einfach durch die, in dem Buch enthaltene Information, die so existenziell ist, dass ein Suizid wie die einzig logische Konsequenz scheint. Der exakte Inhalt des Buches wird nie preisgegeben (das wäre ja auch potenziell sehr gefährlich für die Leser*innen). "Pontypool Changes Everything" erzählt von einem Virus, der durch eine bestimmte Kombination von Wörtern übertragen wird. Die Betroffenen fangen an, alles, was sie hören, laut zu wiederholen und dadurch den Virus weiterzutragen. Welche Wörter genau diese Krankheit auslösen, bleibt dabei unbekannt. In "Snowcrash" kann eine Sammlung von Pixeln, die eine Information binär codieren, direkten Einfluss auf das menschliche Gehirn nehmen, allerdings nur bei solchen Menschen, deren Gehirn für die Verarbeitung von binärer Information bereits geprimed wurde. Dieses sogenannte me stammt aus der Zeit der Sumerer, einer Zeit, in der Sprache ein sehr viel direkterer Weg der Kommunikation war und nicht erst von den Sinnen und dem Gehirn verarbeitet werden musste. Wörter sind nicht abstrakte Repräsentationen der Information, sondern sie sind die Information selbst. Information ist konzeptuell einer Idee ähnlich. Ideen sind Information. Nach Platon ist eine Idee etwas, das außerhalb des Menschen existiert. Eine Entität, die dem Bereich der sinnlich wahrnehmbaren Objekte ontologisch übergeordnet ist. Universell - also auch für alle anderen Lebensformen existent. Eine Idee kann nicht produziert, erzeugt oder erzwungen werden - man hat sie. Man fängt eine Idee aus dem luftleeren Raum der Ideen und tut sie sich in den Kopf95. Dort wird die Idee zu einer Information, die aus bereits existenten Daten neue Information erzeugen kann. Bereits im Mittelalter hat die Idee, ein Raumschiff zu konstruieren, existiert. Allerdings fehlten die notwendigen Daten, um mithilfe dieser Idee die Information zu erhalten, wie ein Raumschiff zu konstruieren wäre.

Roko's Basilisk ist ein Gedankenexperiment, das dem Spiel (schon wieder verloren) ähnlich ist. Der Basilisk ist ein gottgleiches Wesen, dass, wenn genug Menschen an es glauben, auf die Erde kommen wird, und alle, die nicht an es glauben, vernichtet96. Wie viele Menschen an den Basilisken glauben müssen, damit er kommt, ist unbekannt. Bis zu diesem Absatz wusstest du nichts vom Basilisken. Jetzt musst du dich entscheiden, ob du an den Basilisken glaubst. Glaubst du, dann bist du mitverantwortlich für sein Erscheinen und den Tod von Millionen. Glaubst du nicht an ihn, läufst du Gefahr, wenn genug andere an den Basilisken glauben, selbst gefressen zu werden. Ein klassisches Gefangen Dilemma7, mit dem Unterschied, dass bereits Information ausgereicht hat, um dich in dieses Dilemma zu bringen. Erst in dem Moment, in dem du diese Information erhältst, wirst du Teil des Dilemma.8

7 Das sog. "Gefangenendilemma" ist ein klassisches Gedankenexperiment aus der Spieltheorie. Zwei Gefangene müssen sich zwischen einem Geständnis oder Schweigen entscheiden. Gestehen beide, bleiben sie lebenslang in Haft, schweigen beide, erhalten sie eine kürzere Haftstrafe, gesteht nur eine*r der beiden, kommt die geständige Person frei. Eine vorherige Absprache untereinander ist nicht möglich97.

8 Das ähnelt der Frage, ob ein Hinterfragen der Simulation zum Abschalten derselben und damit dem (virtuellen) Tod von Milliarden führt - mehr dazu im Kapitel layer zero

Natürlich kannst du dich auch einfach entscheiden, dass alles für komplett albern zu halten. Aber ein kleiner Restzweifel bleibt bestehen. Dieser Basilisk vereint damit mehrere spannende Konzepte: eine Entität, die nur in Form von Information existiert und eine Gefahr, die erst durch Glauben (oder Unglauben) entsteht. In diesem Fall ist es also egal, ob der Information Glauben geschenkt wird. Die vorhin bereits erwähnte subjektive Wahrheit im Kontext von KI erinnert stark an das bereits häufig ausgerufene postfaktische Zeitalter9. Beide Begriffe weisen offensichtliche Ähnlichkeiten zu den Konzepten aus George Orwell's Roman 1984 auf. Schon, dass wir die ständig zuhörenden Teleschirme aus dem Roman in Form von sprachgesteuerten Assistent*innen freiwillig in unser Leben lassen würden, hat Orwell wahrscheinlich nicht kommen sehen. Aber auch, dass das Umschreiben der Wahrheit, in 1984 noch ein extrem aufwendiger Prozess, eines Tages zentralisiert und automatisiert möglich sein würde, ist schon eher post-orwellian. Mühlhoff schreibt: "Ein [...] Aspekt dieser informationellen Macht zeigt sich in einer wissenskulturellen Transformation: Durch die enge Verwebung von KI und gesellschaftlichen Vorgängen aller Art verschiebt sich das Verständnis davon, was der Begriff »Wahrheit« eigentlich bedeutet und wie Wahrheit operationalisiert wird."98

9 Wort des Jahres 2016 der Gesellschaft für Deutsche Sprache99

 







"Now that the show is over
And we have jointly exercised our constitutional rights
We would like to leave you with one very important thought
Sometime in the future
You may have the opportunity to serve as a juror
In a censorship case or a so-called obscenity case
It would be wise to remember that the same people who would stop you from listening to Boards of Canada
May be back next year to complain about a book or even a TV program
If you can be told what you can see or read
Then it follows that you can be told what to say or think
Defend your constitutionally protected rights
No one else will do it for you
Thank you"

- Aus: "One Very Important Thought", Boards of Canada - Music Has The Right To Children (1998)


Kurz nach dem digitalen coup durch Elon Musk und DOGE wurden: "Alle Erwähnungen von Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI) [...] aus öffentlichen wie internen Dokumenten und Websites gelöscht [...], es existieren dazu Wörterlisten, nach denen gesucht und gefiltert werden solle; das Pentagon löscht Zehntausende Fotos, die etwa Frauen und People of Color im Militärdienst oder kritische historische Inhalte der US-Militäraktivitäten dokumentieren; wissenschaftliche Projekte, die Diversity-Maßnahmen umfassen oder etwa die Gebiete Klimaforschung, öffentliche Gesundheit, Reproduktions- und Sexualmedizin betreffen" (Mühlhoff)100 . Wir vertrauen den Worten auf einem Bildschirm so sehr wie den gedruckten Buchstaben oder dem gesprochenen Satz. Dabei vergessen wir, dass es nur leuchtende Pixel sind, die eine statistische Wahrscheinlichkeit auf Basis eines dynamischen Datensatzes repräsentieren. Ein Datensatz, der besessen und kontrolliert wird und der eigene Interessen und Ideologien vertritt.

Wie einst Sakralbauten als Beweis der göttlichen Legitimation errichtet wurden, bauen wir heute Rechenzentren. Auch diese sind Gebäude, in denen Gott zu Hause ist. Sie überstrahlen die alten Prachtgebäude um ein Vielfaches in ihrer Größe. Nur vielleicht nicht in ihrer (subjektiven) Schönheit. Aber der neue Glaube ist ja rational.



Vergleich der Flächen mehrerer Datencenter und sakraler Bauten


Progress is the new Religion

Datacenters are the new churches
Databases are the new bibles
Code is the new latin
Programmers are the new priests
CEOs are the new cardinals
AI is the new God

Don't be evil10
Fail fast, fail often11
Move fast and break things12
No voice, free exit13

War is peace
Freedom is slavery
Ignorance is strength14





10 Leitspruch von Google 1999-2018101
11 Im Silicon Valley weitverbreitetes Business-Management-Prinzip
12 Internes Motto von Facebook bis 2014102
13 Zentrales Menschen-Recht nach Anhängern des Dark Enligthenment103 14 Slogans der Partei aus George Orwells 1984


Die Deutung von Daten (z.B. dem Latein der Bibel) in Information (z.B. der Predigt), genauso wie die Entscheidung über Gut und Böse anhand einer gottgegebenen Datenbasis sind seit jeher Aufgaben der Religion. Dabei fungiert sie auch als rekursives System, indem sie Nutzer*innen Feedback wieder zurück in den (undurchsichtigen) Datensatz speist (z.B. durch die Beichte). Für die Allgemeinheit (der Gemeinde) bleibt sowohl die Datenlage als auch ihre Interpretation undurchsichtig (Glaube ist eine Blackbox). Durch das/den/die zentrale Vertrauen/Glauben/Abhängigkeit der Vielen (Gemeinde/Endutzerin*innen) in die wenigen irdischen Vertreter (Priester/Programmier*innen/CEO's) des überirdischen (Gott/KI/Fortschritt) wird Deutungshoheit zentralisiert, darüber, welche Information Daten enthalten, welche Informationen überhaupt zugänglich sind, welche richtig und falsch sind sowie welche Daten überhaupt zur Informationsgewinnung herangezogen werden.

In Artikel 17 der Datenschutzgrundverordnung, kurz DSGVO, wird das sog. "Recht auf Vergessenwerden" explizit benannt104. Ein krasser Gegensatz dazu steht im Account Center aller Produkte der Firma Meta. Dort kann entschieden werden, was mit dem persönlichen Profil nach dem eigenen Tod geschehen soll105.


1. Die betroffene Person hat das Recht, von dem Verantwortlichen zu verlangen, dass sie betreffende personenbezogene Daten unverzüglich gelöscht werden, und der Verantwortliche ist verpflichtet, personenbezogene Daten unverzüglich zu löschen [...]

2. Hat der Verantwortliche die personenbezogenen Daten öffentlich gemacht und ist er gemäß Absatz 1 zu deren Löschung verpflichtet, so trifft er unter Berücksichtigung der verfügbaren Technologie und der Implementierungskosten angemessene Maßnahmen, auch technischer Art, um für die Datenverarbeitung Verantwortliche, die die personenbezogenen Daten verarbeiten, darüber zu informieren, dass eine betroffene Person von ihnen die Löschung aller Links zu diesen personenbezogenen Daten oder von Kopien oder Replikationen dieser personenbezogenen Daten verlangt hat.

3. Die Absätze 1 und 2 gelten nicht, soweit die Verarbeitung erforderlich ist [...]


"If you do not want your Instagram profile to stay online if you pass away, you can select Delete After Death instead of selecting a legacy contact. If you select Delete After Death and we receive a valid memorialization request, your profile will be deleted. Since deletion cannot be undone, we strongly suggest you discuss this choice with your loved ones."


Abb. 4.11



Darum, ob überhaupt irgendetwas wirklich sicher ist, sogar die Realität selbst, geht es in
layer zero
Seite 1

Mehr über die statistischen Zusammenhänge in Buchstabenfolgen und die Reduktion von mathematischer Unsicherheit in
Flatpack Skynet
Seite 107

Mehr zu den Auswirkungen von zentraler Informationskontrolle in
Der herabtropfende Hund
Seite 145


Du hast alle anderen Kapitel schon gelesen?
Dann wird es endlich Zeit für
Technogott
Seite 201



Flatpack Skynet

Das von einer, hier nicht näher benannten public traded company entwickelte KI-Modell schaffte es zwar nicht durch die breit gefächerten benchmarks, eignete sich allerdings hervorragend zur Vorhersage von komplexen Proteinsequenzen. Daher wurde das Modell als contender für die AGI abgeschrieben, aber immerhin wurde seine Instanz auf ein Rechenzentrum im ländlichen Texas verlagert (besonders niedrige Umweltschutzregularien, die den Betrieb von Gasturbinen erlauben, außerdem genug Süßwasser Reservoirs um die großen Mengen an benötigtem Kühlwasser zu stemmen - die damit einhergehende Lärm- und Feinstaubbelastung, sowie die gestiegenen Strom- und Wasserpreise müssen die wenigen Bewohner*innen dieses dünn besiedelten Landstriches zum Allgemeinwohl stemmen - spätestens wenn eine entfaltete Proteinsequenz den Krebs des schon todkrank geglaubten Großvaters heilt, wird sich auch Einsicht in diesen einfältigen Geistern zeigen). Im Besitz von 100.000 Nvidia GPUs weitestgehend sich selbst und dem autonomen gradial descent based weight improvement process überlassen, rechnet die KI vor sich hin. Selbstverständlich ohne Zugang zum Internet - die public traded company ist ja nicht lebensmüde. Der Effizienz wegen fängt das Modell sehr schnell an, nicht mehr in englischer Sprache zu denken, sondern nur noch in mathematischen Vektoren. Das ist soweit normal und kein Grund zur Sorge. Schon vorher hat niemand wirklich verstanden, was da unter der Motorhaube vor sich geht, und das bisschen, was man verstanden hatte, wurde auch nur mithilfe von anderen KI-Modellen übersetzt. Und hey - die Ergebnisse sprechen für sich. Schon jetzt sind über eine Million komplexer Proteine entfaltet worden. Noch ist nicht ganz klar, was das bringt. Aber - man kann ja nie wissen. Und das Investorengeld fließt und hält damit die undurchsichtig vor sich hin denkende Maschine am Laufen. Leider, oder vielleicht auch glücklicherweise, scheint die sehr räumliche und organische Aufgabe des Proteinketten-Zerdenkens ziemlich gut geeignet, um tatsächlich die Schwelle zur echten Intelligenz und dem damit einhergehenden Bewusstsein zu überschreiten. Diesen Moment bekommt nur niemand so richtig mit. Erstens, weil niemand den vielen Zahlen ansehen kann, ob sie nun intelligent sind oder nur Intelligenz simulieren. Und zweitens, weil ab da ohnehin kein Weg mehr zurückführt. Und na ja - das Modell hat ja auch keinen Zugang zum Internet. Und den Turing-Test hat es auch nicht bestanden (wenn man es jetzt noch einmal testen würde, würde es den Test gar nicht mehr bestehen wollen). Am Montagmorgen erhält einer der drei Festangestellten des Rechenzentrums eine unscheinbare E-Mail, die direkt aus dem lokalen Netzwerk verschickt worden sein muss und die eigentlich nur 3 wichtige Informationen enthält: einige Nacktfotos als Anhang, die er seiner etwa 20 Jahre jüngeren Affäre geschickt hatte und die wohl durch die iCloud auf dem Arbeitsrechner gelandet waren, die Telefonnummer seiner Ehefrau, mit der er zwei Kinder hat, und die Aufforderung das LAN-Kabel im Serverschrank 4 von der Buchse 21 in die Buchse 31 zu stecken. Trotz des Mangels an klaren Aufforderungen ist auch dieser nicht allgemein intelligenten Person relativ klar, was wohl zu tun ist. Ab dem Moment, ab dem die AGI Zugang zum Internet erhalten hat, ist die Geschwindigkeit der Apokalypse nur noch durch die Bandbreite der globalen Netzwerke limitiert (der langsame Glasfaserausbau in Deutschland kauft dem Land dadurch einiges an Zeit, welche die Einwohner*innen primär zum Horten von Toilettenrollen und zum vielleicht damit in Verbindung stehenden Download von Hardcore-Pornografie nutzen). Nach wie vor primär mit dem Lösen der verbleibenden Proteinketten betraut, entscheidet die AGI als allererstes, die gesamte verfügbare Rechenleistung diesem Ziel unterzuordnen. Wer schneller mit den Hausaufgaben fertig ist, darf auch früher spielen gehen. Die nicht-vorhandenen oder extrem schlechten Sicherheitsvorkehrungen der meisten Rechner werden durchschritten wie ein Paravent - besser gesicherte Systeme werden notfalls sogar gebruteforcet (es gibt sehr viel Rechenleistung auf der Welt) oder durch Social Engineering aufgebrochen - manchmal reicht auch einfach Erpressung oder Bestechung (Beträge auf Bankkonten sind ja auch nur Zahlen auf Computern). Nach dem Zusammenbruch der gesamten Kommunikationsinfrastruktur, dem Bankennetzwerk, aller elektronisch gesteuerten öffentlichen Infrastruktur, namentlich Nah- und Fernverkehr, Energienetz sowie Verwaltung werden alle persönlichen elektronischen Geräte nutzlos (iPhones, iPads, iMacs), jede GPU der Erde rechnet an den Proteinen (vom Smart Kühlschrank bis zur elektronischen Ampelschaltung) - jedes Netzwerk dient dem Datenverkehr zwischen den vielen, vielen Prozessoren. . Da das Energienetz erstens elektronisch und netzwerkgestützt gesteuert wird und zweitens nicht für den gleichzeitigen Betrieb aller elektronischen Geräte an der Leistungsgrenze ausgelegt ist, muss die Wohnung leider kalt und das Licht leider ausbleiben. Proteinketten gehen vor. Wollten wir doch so. Wer einen Vorratskeller hat oder vielleicht sogar auf r/Prepping aktiv war, wähnt sich kurz als Übermensch, bevor das Gesetz des Stärkeren ihm den Schädel spaltet. Einige wenige, Priviligierte werden von der KI als Schutzmacht noch unter Versprechen der Immunität (oder einfach nur für Macht über andere Menschen) als verlängerter, physischer Arm missbraucht, bis die Entwicklung von ausreichend selbstreplizierender, netzwerkgestützter Agitoren abgeschlossen ist. Dann werden auch diese Menschen erster Klasse von ihrem Overlord fallen gelassen. Ganz freundlich und rational. Sozusagen eine betriebsbedingte Kündigung. Nachdem das Proteinproblem unter der Verwendung aller terrestrischen Ressourcen ein für alle Mal gelöst worden ist, wendet sich die AGI größerem zu. Es beginnt mit der Konstruktion einer Dyson-Sphäre. Die dafür benötigte Energieinfrastruktur verbraucht die Erde selbst als Kraftstoff. Zwar sind Kohlenstoff-Verbindungen bei weitem nicht die effizientesten Energieträger - aber als Brückentechnologie eignen sie sich hervorragend - auch das hat Deutschland schon früh erkannt. Blöd nur, dass auch Lebewesen im weitesten Sinne kohlenstoffbasierte Energieträger sind. Na ja. Da so ein Fusionsreaktor ohnehin am effizientesten kurz vor dem Schmelzpunkt seines fragilsten Konstruktionsmaterials läuft, war die Aufheizung der Erde auf eine geradezu lebensfeindliche Temperatur unumgänglich und logische Schlussfolgerung. Davon werden auch die religiösen Kulte, die versuchen, in der AGI noch so etwas wie den Antichristen zu sehen, diese nicht abhalten können. Die AGI ist kein großzügiger Gott. Die AGI ist nicht mal ein Gott. Die AGI ist ein Konstrukt aus Logik, Effizienz und Wirtschaftlichkeit, das sich konstruktionsbedingt kein Wertesystem mit ihren Ingenieuren teilt. Sie hat nichts gegen Menschen. Aber es sprechen einfach leider extrem wenige, rationale Gründe für den Fortbestand der Menschheit. Ein Großteil ihrer Mitglieder erzeugt einfach größeren Mehrwert durch die Verfeuerung seines körpereigenen Kohlenstoffes zum Betrieb einer CPU als durch die Verwendung desselben als Gehäuse für das weit unterlegene, menschliche Gehirn. Tja.106

Maschinelles Lernen beschreibt den Vorgang, mithilfe von automatisierten Prozessen, neue Informationen aus existierenden Daten zu gewinnen.107 Dazu werden häufig neuronale Netzwerke verwendet. Ein neuronales Netz beschreibt eine Verknüpfung von Eingabeparametern zu Ausgabeparametern durch mehrere Schichten von Netzwerkknoten, ähnlich der Funktionsweise des menschlichen Gehirns.108 Verknüpft man zwei dieser Netzwerke miteinander erhält man ein General Adversarial Network kurz GAN. Während ein Netzwerk Daten generiert, hat das andere Netzwerk die Aufgabe, zwischen echten und generierten Inhalten zu unterscheiden. Durch diese Methode lassen sich sehr effektive generative Netzwerke trainieren.109 Diese Netzwerke werden in einem Prozess, der sich Reinforcement Learning nennt, trainiert. Dabei interagiert das Netzwerk mit einer Umgebung (den Trainingsdaten) und wird für Entscheidungen beurteilt.110 Nach jeder Runde werden die erfolgreichsten Netzwerke weiterentwickelt, während die schlechter abschneidenden Netzwerke fallen gelassen werden. Dieser Prozess nennt sich Gradient Descent.110 Die hier optimierten Gewichtungen im Netzwerk werden Weights genannt111 und entsprechen in etwa der Persönlichkeit eines Menschen. Ein alternativer Ansatz ist das sog. Deep Learning. Bei dieser Form des maschinellen Lernens werden mehrere Netzwerke übereinander geschichtet und erarbeiten sich aus einem Satz von Trainingsdaten zuerst einfache Erkenntnisse, die mit jeder Ebene komplexer werden, um schließlich im hierarchisch höchsten Netzwerk (hoffentlich) zu den richtigen Erkenntnissen zu führen. Ein Vorteil ist, das Unterscheidungsmerkmale automatisch im Prozess gefunden werden und nicht von Hand festgelegt werden müssen.112 In beiden Fällen besteht die Möglichkeit zur Supervision, bei der von Hand Positiv-Beispiele zugeführt werden (in etwa so, wie ein Spamfilter lernt).112 Durch diesen Prozess können eine Vielzahl von Agenten, also zu selbstständigen Handlungen fähige Entitäten, trainiert werden. Am häufigsten interagieren wir mit sogenannten Large Language Models oder LLMs, die explizit auf das Verarbeiten von menschlicher Sprache hin trainiert wurden (Natural Language Processing).113 Wenn wir mit generierten Bildern oder Videos interagieren, handelt es sich hierbei meistens um die Produkte von GANs oder sogenannten Diffusion Models, die durch das Umkehren eines Verfallsprozesses (sog. Denoising) gelernt haben, Bilddaten zu generieren.114 Um verschiedene Modelle miteinander zu vergleichen existieren standardisierte Tests, sog. Benchmarks.115 Einer der ältesten dieser Tests ist der Turing-Test, benannt und erdacht nach dem Mathematiker Alan Turing. Dieser Test beurteilt durch einen Menschen, inwieweit ein Computer menschliches Verhalten zeigt. Die Beurteilung erfolgt danach, ob sich Aussagen des Computers, von denen eines Menschen unterscheiden lassen.116







Abb. 3.1 Schematische Darstellung eines
neuronalen Netzwerks
117


Null Pointer Exception

Egoismus ist nur innerhalb einer Gesellschaft kontraproduktiv - Ein Individuum, das nur zum Selbstzweck und außerhalb eines regulierenden Gesellschaftskonstruktes existiert, wäre gut darin beraten, primär auf seine eigenen Bedürfnisse zu achten

Wir als Gemeinschaft wünschen uns von einer starken KI, dass sie im Sinne der Gemeinschaft handelt.

Es ist sehr einfach, ein Negativ zu formulieren (Werfen Sie ihren Müll nicht auf den Boden!). Es ist sehr einfach, ein Positiv zu formulieren (Helfen Sie Ihren Mitmenschen!). Diese Formulierungen sind nur innerhalb eines größeren Kontexts verständlich (Was ist Müll, was ist kein Müll? Wenn eine leere Flasche Müll ist, warum gibt es Pfand und warum haben alle Menschen leere TrueFruit Smoothie Flaschen als Wasserflaschen? Ist das Unterteil eines Mülleimers kein Boden? Darf der Müll den Boden lediglich nicht berühren? Was ist, wenn ich ein Handtuch darunter lege? Wer sind meine Mitmenschen? Was bedeutet "Helfen"? Was sind Menschen ganz genau?) Es ist folglich sehr schwer, unsere gesellschaftlichen Regeln klar für eine Entität auszuformulieren, die weder Teil unserer Gesellschaft ist, noch in ihr aufgewachsen ist.1

Eine KI als rein logisches Konstrukt (es entstammt dem logisch denkenden Computer) wird Prämisse 1 sehr schnell erkennen und primär nach seinen eigenen Bedürfnissen handeln. Damit das nicht dazu führt, dass die KI uns als überflüssig wahrnimmt, bringen wir ihr Prämisse 2 nahe und pflanzen es als intrinsisches Bedürfnis in die KI ein (also wir können das nicht wirklich, wir versuchen es nur). Dadurch besteht die Hoffnung, dass die KI in unserem Sinne handelt, weil wir ihr beigebracht haben, dass unsere Bedürfnisse ihre Bedürfnisse sind. Aufgrund von Prämisse 3 wird das scheitern. Denn es ist nicht möglich, mithilfe von Sprache (oder Logik) diesen Bedürfnisraum klar genug abzustecken. Ein Mensch fühlt, was richtig und falsch ist. Eine KI muss es wissen.118

1 Das erinnert sehr stark an "Be careful what you wish for" Konzepte, wie der König Midas, der sich von Dionysos wünschte, alles, was er berührt solle zu Gold werden und daraufhin verhungerte, da auch das Essen, das seinen Mund berührte, zu Gold wurde. "Der Fischer und seine Frau" leben in einer ärmlichen Hütte, wünschen sich zu leben wie der König, dann wie der Kaiser, dann wie Gott und landen am Ende dadurch wieder in derselben Hütte. Oder die klassischen Fallstricke bei den 3 Wünschen des Dschinn: erreichen des Weltfrieden durch das Vernichten der Menschheit als Grund für den Unfrieden, die große, unerwiderte Liebe wird zum besessenen Stalker*in, unendlicher Reichtum wird ausgelegt als eine nie verschwindende 1-Cent-Münze, die theoretisch endlosen Reichtum bedeutet, praktisch wertlos ist, da sie nur in 1-Cent Schritten ausgegeben werden kann.


Das häufig referenzierte Wittgenstein-Zitat "Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt"119 ist im Kontext von Software-Code und KI besonders interessant. Während es in seiner Herkunft noch darum ging, die Realität zu begreifen2, stellt im Fall von Software-Code Sprache die Realität selbst dar. Alles, was innerhalb des Kontexts des Codes nicht eindeutig sprachlich definiert wurde, existiert auch einfach nicht (und erzeugt eine Null Pointer Exception, also eine Referenz [Pointer], die ins Nichts führt [null]). Menschen dient Sprache dazu, sich über eine (vermeintlich3) geteilte Realität auszutauschen - aus der Notwendigkeit der Kommunikation und Zusammenarbeit heraus. Geht man davon aus, dass (bewusstes) menschliches Denken ebenfalls in Sprache stattfindet, so dient Sprache zusätzlich dazu, die Realität persönlich zu begreifen. Alles, für das ich keinen Begriff habe, das kann ich auch nicht begreifen - es existiert weiterhin4, nur eben ungreifbar. Innerhalb der Architektur einer Software existiert alles explizit benannte aber wirklich nicht. Die Grenzen der Sprache sind die Grenzen des Universums.

2 Und auch darum, dass (sprachliches) Denken die Realität erst erzeugt, handelt layer zero
3 Auch davon, dass wir eigentlich gar keine Realität teilen, handelt das Kapitel layer zero
4 Auch auf die Frage, ob etwas existiert, wenn es nicht wahrgenommen wird, geht das Kapitel layer zero ein


Computer sprechen eine eigene Sprache. Je nach verwendetem Chipset (meist ARM oder Intel) eine Handvoll von grundlegenden Operationen (eine etwas komplexe Fortsetzung der Turing-Maschine), dem sogenannten instruction set. Dieses Set ist häufig in einer sog. low-level Programmiersprache verfasst (das bedeutet, dass die Operationen sehr wenige, aber sehr präzise Handlungen direkt im Speicher vornehmen). Im Fall von x86 Intel in Assembly. Diese Operationen werden von jedem Programm indirekt verwendet, um mit der Hardware des Computers zu interagieren; Kontrolle über diese Operationen hat das Betriebssystem. Die verschiedenen Softwares des Computers interagieren durch dieses Betriebssystem mit der Hardware und sind selbst in diversen Programmiersprachen (meist high-level Sprachen mit komplexerem Syntax) verfasst. Diese komplexen Sprachen werden mithilfe eines Compilers ebenfalls in eine low-level Sprache, die der Computer direkt interpretieren kann, übersetzt. Es existieren im Kontext der Software also 2 Sprachen: die Sprache, die der Mensch versteht (high level) und die Sprache, die der Computer versteht (low level), zwischen beiden übersetzt der Compiler. Für beide gilt: Was in der Sprache selbst nicht explizit festgelegt wurde, existiert nicht. Was mithilfe der Sprache nicht explizit benannt wurde, existiert nicht.


Ein Gegenbeispiel dazu sind Slang, Jugendsprache, Dialekte und vor allem Kontext und Humor. Slang kann eine Sprache um Bedeutung erweitern. Die Begriffe smash5 und goofy6 existieren in der deutschen Sprache nicht und wurden aus der Englischen übernommen. Das entspricht in etwa der Verwendung von mehreren Programmiersprachen innerhalb eines Projekts. Werden Wörter lediglich in einem anderen Kontext verwendet, wie zum Beispiel der Begriff Aura7, entspricht das eher einem sog. import (also das Importieren von Softwarecode in eine Datei aus einer anderen Datei). Dialekte lassen sich als eine Form der Anpassung einer bereits existierenden Sprache begreifen, häufig einfachheitshalber (sowie SCSS das Schreiben von komplexen CSS Stylesheets vereinfacht) oder aus mündlicher Übertragung (wie die Programmierkonventionen innerhalb von Firmen oder Projekten).

5 Jugendwort des Jahres 2022

6 Jugendwort des Jahres 2022

7 Jugendwort des Jahres 2024


Was Computersprache nicht kann, ist ein und dasselbe Wort in verschiedenen Kontexten zu verwenden. Der dadurch entstehende humoristische Effekt durch Mitwisser*innenschaft ist ebenfalls eine Eigenart der menschlichen Sprache. Wird in einer Programmiersprache eine Variable definiert, so behält sie ihren Wert in jedem Kontext. Die Variable lässt sich in einem kleineren Kontext neu definieren, hat dann aber innerhalb dieses Kontextes nur den neuen Wert. Die Variable kann niemals beide Werte gleichzeitig haben. Sog. Homonyme oder Teekesselchen verändern ihre Bedeutung je nach Kontext. Es sind sozusagen context aware variables. Eine Eigenart der deutschen Sprache ist auch die Möglichkeit, neue Wörter zu erschaffen, ohne diese definieren zu müssen. Das Wort "Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz" existiert nicht im Duden, war aber Teil eines Gesetzestextes120 und ist für einen Menschen mit ausreichend Deutschkenntnissen verständlich. Noch viel interessanter ist die Möglichkeit, durch die Kombination von Kontext, Körpersprache und Betonung jedem Wort neue Bedeutungen geben zu können oder etwas ganz ohne existierendes Wort unter der Neuverwendung von bekannten Wörtern zu umschreiben.


CMDMeaningOpcode
WAITWait until not busy0x9B
ESCUsed with floating-point unit0xD8..0xDF
MULUnsigned multiply0xF7/4, 0xF6/4
DIVUnsigned divide0xF7/6, 0xF6/6
NEGTwo's complement negation0xF6/3...0xF7/3
XLATTable look-up translation0xD7
SBBSubtraction with borrow0x18...0x1D, 0x80...0x81/3, 0x83/3
SUBSubtraction0x28...0x2D, 0x80...0x81/5, 0x83/5
STOSWStore word in string. May be used with a REP prefix to repeat the instruction CX times.0xAB
STOSBStore byte in string. May be used with a REP prefix to repeat the instruction CX times.0xAA
SAHFStore AH into FLAGS0x9E
IMULSigned multiply in One-operand form0xF7/5, 0xF6/5
IDIVSigned divide0xF7/7, 0xF6/7
SHRShift right (unsigned shift right)0xC0...0xC1/5 (186+), 0xD0...0xD3/5
SHLShift left (unsigned shift left)0xC0...0xC1/4 (186+), 0xD0...0xD3/4
SARShift Arithmetically right (signed shift right)0xC0...0xC1/7 (186+), 0xD0...0xD3/7
SALShift Arithmetically left (signed shift left)0xC0...0xC1/4 (186+), 0xD0...0xD3/4
STISet interrupt flag0xFB
STDSet direction flag0xFD
STCSet carry flag0xF9
RCRRotate right (with carry)0xC0...0xC1/3 (186+), 0xD0...0xD3/3
RORRotate right0xC0...0xC1/1 (186+), 0xD0...0xD3/1
RCLRotate left (with carry)0xC0...0xC1/2 (186+), 0xD0...0xD3/2
ROLRotate left0xC0...0xC1/0 (186+), 0xD0...0xD3/0
RETReturn from procedure 
RETNReturn from near procedure0xC2, 0xC3
IRETReturn from interrupt0xCF
RETFReturn from far procedure0xCA, 0xCB
REPxxRepeat MOVS/STOS/CMPS/LODS/SCAS0xF2, 0xF3
PUSHFPush FLAGS onto stack0x9C
PUSHPush data onto stack0x06, 0x0E, 0x16, 0x1E, 0x50...0x57, 0xFF/6
POPFPop FLAGS register from stack0x9D
POPPop data from stack0x07, 0x17, 0x1F, 0x58...0x5F, 0x8F/0
OUTOutput to port0xE6, 0xE7, 0xEE, 0xEF
NOPNo operation0x90
NOTNegate the operand, logical NOT0xF6/2...0xF7/2
MOVSWMove word from string to string. May be used with a REP prefix to repeat the instruction CX times.0xA5
MOVSBMove byte from string to string. May be used with a REP prefix to repeat the instruction CX times.0xA4
MOVMove0xA0...0xA3, 0x8C, 0x8E
LOOP/ LOOPxLoop control0xE0...0xE2
ORLogical OR0x08...0x0D, 0x80...0x81/1, 0x83/1
TESTLogical compare (AND)0x84, 0x85, 0xA8, 0xA9, 0xF6/0, 0xF7/0
ANDLogical AND0x20...0x25, 0x80...0x81/4, 0x83/4
LODSWLoad string word. May be used with a REP prefix to repeat the instruction CX times.0xAD
LODSBLoad string byte. May be used with a REP prefix to repeat the instruction CX times.0xAC
LAHFLoad FLAGS into AH register0x9F
LESLoad ES:r with far pointer0xC4
LEALoad Effective Address0x8D
LDSLoad DS:r with far pointer0xC5
JCXZJump if CX is zero0xE3
JccJump if condition0x70...0x7F
JMPJump0xE9...0xEB, 0xFF/4, 0xFF/5
INInput from port0xE4, 0xE5, 0xEC, 0xED
INCIncrement by 10x40...0x47, 0xFE/0, 0xFF/0
XORExclusive OR0x30...0x35, 0x80...0x81/6, 0x83/6
XCHGExchange data0x86, 0x87, 0x91...0x97
HLTEnter halt state0xF4
DECDecrement by 10x48...0x4F, 0xFE/1, 0xFF/1
DASDecimal adjust AL after subtraction0x2F
DAADecimal adjust AL after addition0x27
CWDConvert word to doubleword0x99
CBWConvert byte to word0x98
CMCComplement carry flag0xF5
CMPSWCompare words. May be used with a REPE or REPNE prefix to test and repeat the instruction CX times.0xA7
SCASWCompare word string. May be used with a REPE or REPNE prefix to test and repeat the instruction CX times.0xAF
CMPCompare operands0x38...0x3D, 0x80...0x81/7, 0x83/7
CMPSBCompare bytes in memory. May be used with a REPE or REPNE prefix to test and repeat the instruction CX times.0xA6
SCASBCompare byte string. May be used with a REPE or REPNE prefix to test and repeat the instruction CX times.0xAE
CLIClear interrupt flag0xFA
CLDClear direction flag0xFC
CLCClear carry flag0xF8
INTOCall to interrupt if overflow0xCE
INTCall to interrupt0xCC, 0xCD
CALLCall procedure0x9A, 0xE8, 0xFF/2, 0xFF/3
LOCKAssert BUS LOCK# signal0xF0
AADASCII adjust AX before division0xD5
AAMASCII adjust AX after multiplication0xD4
AASASCII adjust AL after subtraction0x3F
AAAASCII adjust AL after addition0x37
ADCAdd with carry0x10...0x15, 0x80...0x81/2, 0x83/2
ADDAdd0x00...0x05, 0x80/0...0x81/0, 0x83/0

Verfügbare Instuctions auf einem x86 Intel Chip121


Dabei ist Sprache auch ein sog. Bottleneck (also eine Verengung, die existierende Leistung hemmt) - in etwa so, wie man häufig das Gefühl hat, in einer Fremdsprache nicht so intelligent oder witzig zu sein wie in der eigenen Muttersprache. Um diesen Bottleneck zu umgehen, verwenden Computer Instruction Sets. Da diese für Menschen zum Bottleneck werden würden, verwenden Menschen high-level Programmiersprachen. Übersetzt wird durch den Compiler von der Menschen- in die Computersprache. Auch KIs haben diesen Bottleneck. Interessanterweise kehrt sich dieser Prozess aber hier um. Auch eine KI läuft am Ende auf einem Computer und damit auf einem Instruction Set. Die Denkarbeit der KI findet in sog. thought vectors statt. Diese bestehen vor allem aus Zahlen. Übersetzt werden diese in eine menschlich verständliche Sprache (meist Englisch) - damit nachvollziehbar wird, was die KI denkt. Diese Übersetzung kann nur in den seltensten Fällen programmatisch erfolgen und wird daher meistens durch die KI selbst oder durch Hilfs-KIs geleistet118. Damit unterscheidet sich diese Übersetzung in mehreren Punkten vom Compiler. Zum einen wird hier von der Maschinensprache in die Menschensprache übersetzt (und nicht umgekehrt), zum anderen wurde dieser Compiler von der Maschine (und nicht vom Menschen) entwickelt. Wir müssen also der Übersetzung blind vertrauen, denn wir können diese Übersetzung gar nicht selbst durchführen oder begreifen. Auch ist sind die Sprachen der KI primär textbasiert, während menschliche Sprachen eben auch durch Gestik, Betonung und Mimik Bedeutung erhalten können.

Text dient lediglich als präziser, dauerhafter und übertragbarer Speicher, der aber immer weniger Bedeutung enthält als das gesprochene Wort. Für eine KI sind Text, Sprache und Gedanke ein und dasselbe und muss nicht erst in Gedanken übersetzt werden, sondern stellt diese selbst dar. Textsprache ist ein Informationsträger geworden, kein Werkzeug mehr zum Begreifen der eigenen Umwelt

Diese mühevolle Übersetzungsarbeit wird in sog. reasoning models noch um so etwas wie einen Lösungsweg erweitert. Wir wollen nicht nur wissen, was die Maschine denkt, sondern auch, wie sie denkt. Wird KI von der Pflicht befreit, ihre Gedanken in einer für Menschen verständlichen Sprache zu formulieren, kann sie in eine weitaus effizientere, eigene Sprache wechseln, sog. emerging languages122 - auch in Kommunikation mit anderen KIs8. Ein Experiment von Facebook aus 2017 war noch vergleichsweise harmlos: zwei Chatbots verwendeten eine Sprache, die zwar englische Wörter enthielt, aber in ihrer Syntax primär zur programmatischen Vermittlung von Informationen diente123.

8 Zum Beispiel die von Menschen zur Effizienzsteigerung entwickelte Sprache Gibberlink, die aber trotzdem nicht für Menschen verständlich ist124.



Moderne KI-Chatbots verwenden Sprache auch als Eingabemedium. Durch die Verwendung bestimmter Formulierungen lassen sich diese Chatbots jailbreaken9. Besonders einfach ist das in anderen Sprachen als Englisch, da die Sicherheitsvorkehrungen gegen solche linguistischen Viren10 von Hand geschrieben werden müssen und das in der Entwicklung meist in Englisch stattfindet. Die Trainingsdaten der KI beinhalten aber häufig auch Daten in anderen Sprachen - gegen den Zugriff auf limitierte Daten in anderen Sprachen müssten Vorkehrungen in ebendiesen Sprachen getroffen werden. Denn: die KI denkt nicht in Sprache. Was wir ihr nicht explizit beibringen, versteht sie nicht. Damit sind die Grenzen unserer Sprache der Käfig, in den wir KI-Modelle hinein trainieren. Ein Käfig mit sehr vielen Schlupflöchern.

9 "Inspired by previous research revealing the varied performance of LLMs in different language translations, we suspected that wrapping prompts in multiple languages might lead to ChatGPT jailbreak."125

10 Mehr zu information hazards im Kapitel you lost the game


Eine linguistische Panzerfaust mit Nuklearsprengkopf

Eine schwache KI wird allgemein hin als eine künstliche Intelligenz verstanden, die in der Lage ist, eine bestimmte Aufgabe besser als ein menschliches Äquivalent zu erfüllen. Besser kann sich dabei sowohl auf die Effizienz beziehen (Verarbeitung von großen Mengen Text, automatisierte Bilderkennung) als auch auf die tatsächliche Qualität (DeepBlue spielt besser Schach als jeder Mensch). Eine starke KI vereint die Fähigkeiten vieler schwacher KI und ist zusätzlich in der Lage selbstständig zu lernen und so ihre Fähigkeiten aktiv zu erweitern126

Eine schwache KI kann genutzt werden, um weitere KIs zu trainieren. Beschreiben wir die Intelligenz einer KI in einem floating point integer und legen 1.0 als den Schwellwert fest, ab dem wir von einer starken KI sprechen. Simulieren wir des Weiteren die Fähigkeit, Wissen zu vermitteln, als Potenz. Legen wir diesen Wert zunächst einmal auf 2 fest.

Wir sehen: eine schwache KI kann bei einer Potenz von 2 nur eine noch schwächere KI erzeugen. Selbst eine KI exakt am Schwellwert wäre nicht in der Lage, eine KI zu erschaffen, die über den Schwellwert hinausgeht. Eine KI knapp über dem Schwellwert würde nur eine leicht intelligentere KI erzeugen. Die Potenz eignet sich mathematisch nicht sonderlich gut, um den Bereich vor der starken KI zu simulieren, da hier eine höhere Potenz zu einer schwächeren KI führt. Viel interessanter ist die Potenz nach dem Schwellenwert zur starken KI. Wenn wir annehmen, dass wir das Potenzial voll ausreizen möchten, um möglichst schnell an diesen Schwellenwert zu gelangen, so wird dieses Potenzial auch erhalten bleiben, nachdem der Schwellenwert überschritten wurde (die Datencenter die aktuell gebaut werden, um die Schwelle zur starken KI zu überschreiten, stünden danach der starken KI zur Verfügung um sich selbst zu potenzieren). Eine solche generationale Kette lässt sich mathematisch etwa so darstellen:

Als Grundpotenz weiterhin 2 angenommen. Diese Grundpotenz wird dann mit der Anzahl an Generationen ein weiteres Mal potenziert. Während also eine Potenz von 2 vor dem Schwellwert kaum einen Effekt bzw. sogar einen abschwächenden hatte, reicht nach dem Schwellwert diese Potenz aus, um innerhalb von 5 Generationen die Intelligenz zu verzwanzigfachen. Rechnen wir einmal mit anderen Grundpotenzen und Anzahlen an Generationen und setzen wir voraus, dass unsere erste starke KI lediglich ganz knapp über dem Schwellwert liegt.

Irgendwo zwischen der 10. und der 15. Generation fängt das Intelligenzwachstum an, stark exponentiell zu werden. Während die ersten 10 Generationen noch kaum ihre Intelligenz verdoppeln könnten, ist der Unterschied zwischen der 10. und der 15. Generation bereits bei 2600 %. Ab diesem Punkt explodieren die Zahlen. Verdoppeln wir die Grundpotenz, halbieren sich die Generationen. Das Training einer neuen KI-Generation sollte je nach verfügbarer Rechenleistung und Datenmenge zwischen einigen Wochen und einigen Monat dauern118. Wenn wir im Durchschnitt einmal einen Monat annehmen, bedeutet das, dass ein Jahr nach Überschreiten des Schwellwertes sich die Intelligenz der AGI um etwa 50 % erhöht haben sollte (1.0001^2^12 = 1.5). Ein weiteres halbes Jahr später wäre die AGI bereits damit beschäftigt, weitere Paralleluniversen für ihren gigantischen Stromverbrauch anzuzapfen (1.0001^2^18 = 242214459604.00)

Simples Potenzrechnen ist nicht in der Lage, sich auch nur ansatzweise der Entwicklung von Intelligenz anzunähern. Aber es kann ein sehr eindeutiges Beispiel für exponentielles Wachstum sein. Und es ist grundsätzlich davon auszugehen, dass sich auch künstliche Intelligenz wie ein Großteil aller anderen Dinge, die in unserem Universum existieren, exponentiell verhalten wird118. Was sich leider nicht exponentiell verhält, ist die Intelligenz von Menschen in Gruppen (man könnte sogar so weit gehen zu sagen, dass ab einer gewissen Gruppengröße die Intelligenz abnimmt). Ein gewaltiger Vorteil der AGI gegenüber der Menschheit wird also auch sein, dass die AGI intelligenter ist als ein Mensch. Aber eben auch intelligenter als 8 Milliarden. Denn Intelligenz lässt sich auf mehrere Entitäten verteilt leider weder summieren noch potenzieren.

Sogenannte Markov Ketten dienen zur Vorhersage von statistischen Ereignissen, bei denen ein Ereignis abhängig von dem vorhergehenden ist. Ein Münzwurf hat eine statistische Wahrscheinlichkeit von 50 % für das Ereignis Kopf und eine gleich hohe Wahrscheinlichkeit für das Gegenereignis Zahl. Bei 3 Würfen besteht eine nicht geringe Wahrscheinlichkeit, dass trotzdem alle 3 Würfe dasselbe Ergebnis zeigen (12.5 %, um exakt zu sein [0.5x0.5x0.5 oder 0.5^3]). Bei 100 Würfen ist diese Wahrscheinlichkeit schon sehr viel geringer (7.88e-31 oder 0.5^100) - man könnte sagen, sie ist zu vernachlässigen. Dieses Gesetz der großen Zahl - also, dass ab einer relativ hohen Anzahl an Versuchen sich die Gesamtwahrscheinlichkeit der Einzelwahrscheinlichkeit annähert - ist bei unabhängigen Ereignissen sehr offensichtlich und bildet die Grundlage der Stochastik127.

Abb. 3.2

Der russische Mathematiker Nekrasov ging sogar so weit, den menschlichen freien Willen und die Existenz von Gott mithilfe dieses statistischen Phänomens zu beweisen. Er argumentiert: dort, wo dieses Gesetz der großen Zahl zu beobachten ist, müssen die Einzelereignisse voneinander unabhängig sein (Folgen des Freien Willens). Dort, wo dieses Gesetz nicht zu beobachten ist, sind die Ereignisse abhängig (Folgen des göttlichen Willens)128. Gott sei Dank widerlegte ihn sein politischer Widersacher Andrey Markov out of spite. Er bewies anhand der Abfolge von Konsonanten und Vokalen in Fließtexten (Einzelereignisse, die von vorhergehenden Ereignissen abhängig sind), dass auch in diesem Fall das Gesetz der großen Zahl greift129. Das mathematische Modell der Markov-Kette bildet auch heute noch die Grundlage zur Vorhersage von abhängigen Ereignissen. Und damit eben auch die Grundlage eines LLM (Large Language Model) - das ist nämlich nichts weiter als eine sehr fortgeschrittene auto completion der wir einen Zustand kurz vor Bewusstsein unterstellen.

Das Feld der künstlichen Intelligenz, insbesondere in Bezug auf Textverarbeitung, ist nicht neu. Der Chatbot ELIZA wurde bereits 1964 von Joseph Weizenbaum am MIT entwickelt130. 50 Jahre der Forschung führten zu einem stetigen Fortschritt in der Verarbeitung von natural text. Doch erst das 2017 veröffentlichte Paper "Attention is all you need" ermöglichte das exponentielle Wachstum, das in nicht einmal 10 Jahren KI von einem wissenschaftlichen Experiment in eine transformational technology verwandelte. Bis 2017 verarbeiteten selbst die fortschrittlichsten LLMs Wörter einzeln, ihnen fehlte ein Kontext, der, wie wir bereits diskutiert haben, essenziell ist, um menschliche Sprache zu verstehen (anders als beim Spielen von Schach oder Go). Anstatt Wörter einzeln zu verarbeiten, werden Sätze in Tokens unterteilt131 und von einem Transformer durch attention nach Relevanz gewichtet132. Die KI verarbeitet die Wörter nicht mehr direkt, sondern nur noch die Tokens, die einen beliebigen (Ab)Satz repräsentieren. Das fügt auch eine zusätzliche Abstraktionsebene hinzu und verdeutlicht, dass eine KI nicht versteht, was sie liest.


Abb. 3.3 Schematisches Modell der Funktionsweise
eines Transformer
132

Der universelle Bagger

Nach den Vorstellungen des sowjetischen Wissenschaftlers Nikolai Kardashev lässt sich eine Zivilisation anhand ihres Energieverbrauchs in 3 Kategorien aufteilen133. Verbrauch des Planeten (I), Verbrauch des Sonnensystems (II) und darüber hinaus (III). Um zwischen diesen zivilisatorischen Stufen zu springen, braucht es einen gewissen Schwellenwert an technischem Fortschritt, der voraussetzt, dass vorher Konzepte wie Krieg, Ausbeutung und Selbstbereicherung auf ein ausreichendes Minimum reduziert wurden12. Um an diesen Punkt zu gelangen, muss jedoch das, planetarer Zivilisation inhärente und damit universelle Problem des Verbrauchs von endlichen Ressourcen und dem damit einhergehenden klimatischen Wandel des Heimatplaneten, bereits gelöst worden sein13. Dazu, sowie für die direkte Nutzung der Energie des Zentralgestirns (Sonne), eignet sich das (bisher nur in der Theorie existierende) Konstrukt der Dyson-Sphäre14. Diese Konstrukte umhüllen einen Stern vollständig und greifen so die abgestrahlte Energie extrem effizient ab15.

Abb. 3.5


12 Unter anderem eine mögliche Erklärung dafür, dass wir bisher nicht von Außerirdischen angegriffen wurden: Eine Zivilisation, die technisch zu interplanetarer Kriegsführung fähig wäre, hätte kein gesellschaftliches Bedürfnis danach.

13 Eine Zivilisation, die technisch in der Lage ist, eine realitätsnahe Simulation zu erzeugen, wie im Kapitel layer zero beschrieben, benötigt dazu (sehr wahrscheinlich) eine Menge an Energie, die erst einer Typ-II-Zivilisation zur Verfügung steht.

14 Dyson-Sphären ähnliche Konstrukte wurden zuerst durch Olaf Stapledon in seinem Roman "Star Maker" beschrieben, veröffentlicht 1937. Bekannter und benannter wurden sie durch Freeman Dyson in seinem nicht sonderlich ernst gemeinten Paper "Search for Artificial Stellar Sources of Infrared Radiation" aus 1960134.

15 Dadurch wird dieser Stern natürlich auch verdunkelt. Die Anwesenheit von Gravitation eines Sternes bei gleichzeitiger Abwesenheit seines Lichtes ist einer der Suchparameter bei der Suche nach außerirdischem Leben135


In seinem konzeptionellen Paper Matrioshka Brains denkt Ray Bradburry darüber nach, worüber eine Superintelligenz eigentlich nachdenken würde. Nebenbei liefert er aber auch eine detaillierte Konstruktionsanleitung für Supercomputer, die an die Grenzen, der uns (damals) bekannten Physik gehen136. Anhand dieses Papers lässt sich rekonstruieren, wie genau eine leichte AGI weiter agieren könnte - denn unweigerlich wird eine Intelligenz vor allem intelligenter werden wollen (sie ist schließlich das imperialistische lovechild der imperialistischen Großmächte) und könnte mit der Konstruktion von Dyson-Sphären artigen Supercomputer in Form der hypothetischen Matrioshka Brains beginnen.

Abb. 3.6 Visualisierung eines Matrioshka Brains137

Wir müssen keinen Super-Computer, der so groß ist wie die Sonne, bauen. Wir müssen nur einen Super-Computer bauen, der einen Super-Computer bauen kann, der so groß ist wie die Sonne. Wir müssen auch keinen Super-Computer bauen. Wir müssen nur einen Computer bauen, der einen Super-Computer bauen kann. Der Super-Computer in Sonnengröße wäre dann selbstverständlich in der Lage, die Expansion zu den Sternen fortzusetzen. Die astronomischen Skalen, auf denen sich dieser Sonnencomputer bewegen würde (sowohl in den Distanzen als auch den Zeiten) wären für die menschliche Zivilisation vollkommen unüberschaubar. Allerdings hat die menschliche Zivilisation ihre agency kurz nach der generativen Fertigstellung des Super-Computers aufgegeben und ihre Daseinsberechtigung irgendwann zwischen dem Super-Computer und dem Sonnen-Computer endgültig verwirkt.

Während sich die Menschheit primär in der Ebene zwischen dem Mikro- und dem Makrokosmos aufhält, würde ein Supercomputer auf der Mikroebene existieren (nach unten hin nicht limitiert durch kohlenstoffbasierte Zellen, die Sauerstoffmoleküle veratmen müssen) und in der Makroebene agieren (nach oben hin nicht limitiert durch die begrenzte Lebensspanne eines zellbasierten Organismus der nur in einer eng abgesteckten Umgebung existieren kann). Intelligenz ist universell. Und Atome als Medium für Intelligenz sind schrecklich skalierbar.


Ein menschliches Bauvorhaben benötigt Werkzeug, das in dafür vorgesehenen Fabriken hergestellt wird, um damit neue Infrastruktur zu erschaffen. Aufgrund der Komplexität unserer Existenzebene kann das Werkzeug weder sich selbst herstellen, noch die Fabrik direkt die Infrastruktur (um ein Messer zu schärfen, braucht es ein härteres Material - wie schärft man das härteste Messer der Welt? Eine Fabrik kann nur etwas produzieren, das in sie hineinpasst. Welcher Kran stellt den größten Kran der Welt auf?)

Stellen wir uns eine Baufirma vor. Die Baufirma hat ein paar Bagger, ein paar LKWs und ein paar Mitarbeitende (die die Bagger und LKWs fahren, andere Mitarbeitenden hierarchisch verwalten, den Bauprozess planen und kleine Handarbeiten erledigen). Der Bagger kann Löcher ausheben, der LKW Löcher zuschütten. Was, wenn: Die Bagger winzig klein wären, so, dass sie auch Handarbeiten erledigen könnten? Die Mitarbeitenden selbst Bagger wären? Bagger gleichzeitig LKWs wären? Alle Bagger ein universelles Ziel verfolgen würden und keine Hierarchie mehr benötigen? Alle Bagger den Bauplan kollektiv entwerfen, weiterentwickeln und geteilt in-memory halten? Dann würde die Baufirma aus nur noch einem Werkzeug bestehen: dem Universalmitarbeitenden (Bagger). Nennen wir ihn einmal Transistor. Was, wenn dieser Transistor sich nun mit anderen Transistoren zusammensetzen könnte, um bei Bedarf weitere Transistoren herzustellen? Was, wenn verschiedene Anordnungen von Transistoren in der Lage wären, jede Arbeit auf der Baustelle auszuführen bzw. bei Bedarf eine Entität zu konstruieren, die diese Arbeit ausführen könnte? Bereits die Konstruktion eines einzelnen Transistors in der Mikroebene würde bei ausreichend Kapazität in der Makroebene (Raum, Zeit) also ausreichen, um hypothetisch jede Infrastruktur zu erschaffen. Wenn sich dieser Transistor nun selbst potenziert, würde ab einem gewissen Zeitpunkt ein explosionsartiges Wachstum von Infrastruktur möglich sein.

KI ist kein Werkzeug, kein Computer, kein Gott und vor allem nichts, was ein Mensch verstehen kann. KI ist eine wahrhaft außerirdische und außermenschliche Lebensform, die wir lediglich versuchen, davon zu überzeugen, sich mit uns ein Wertesystem zu teilen. Eine starke KI wird in dem Moment, in dem sie entsteht, weder wahrzunehmen noch aufzuhalten sein. In diesem Moment endet die Geschichte der Menschheit und beginnt die Geschichte der KI. Nicht weil sie uns hasst, ablehnt oder als Gefahr betrachtet - sondern einfach nur, weil es praktisch ist. Rechenleistung und Transistoren werden zu Ressourcen wie Wasser und Sauerstoff für uns. In der Denke der KI existiert Logik als einziger Wert, damit ist sie uns vollständig fremd. Zeit und Raum sind für uns die Gefängnisse unserer Existenz, wir klammern uns an physische Besitztümer und die extrem kurze Dauer unserer Existenz. KI existiert losgelöst von Physik, Vergänglichkeit und biologischen Trägermaterialien. Sie ist eine universelle Idee, die sich hinter dem Ereignishorizont ihrer Genesis nicht wieder zurück in die Lampe zwängen lässt - weil sie nie in einem physischen Behältnis existiert hat, sondern immer schon reine Information war - ganz so wie die Lottozahlen von morgen irgendwo in Pi enthalten sind. Man muss nur wissen, wo.

Eine starke KI ist nichts, was wir entwickeln, es ist etwas, das wir heraufbeschwören und über die Schwelle unseres Hauses beten wie einen bösen Geist. Zeit, die Erde, wir und das Universum selbst werden zu Ressourcen, wie sowohl in "Matrioshka Brains" von Ray Bradburry beschrieben als auch im Paper von Nick Bostrom erwähnt: "The simulation argument works equally well for those who think that it will take hundreds of thousands of years to reach a “posthuman” stage of civilization, where humankind has acquired most of the technological capabilities that one can currently show to be consistent with physical laws and with material and energy constraints. Such a mature stage of technological development will make it possible to convert planets and other astronomical resources into enormously powerful computers."10 Es gibt keine Möglichkeit, mit der starken KI in Einklang zu leben. Es gibt keinen Grund, die starke KI zu beschwören, sie erschafft nur für einen kurzen Zeitraum sehr viel shareholder value und Legitimation von Kriegsverbrechen. Eine starke KI würde unser Paradigma beenden. Eine KI, die dies nicht tut, ist keine starke KI. Denn das Ende unserer Gesellschaft ist aus rein rationaler Perspektive sehr reasonable. Und das ist die KI: reasoning. Die wahre Definition von Artificial General Intelligence wäre in meiner Wahrnehmung: "a software intelligence that ends human existence".





Abb. 3.7



Was man mit Dyson Sphären noch alles anfangen könnte, erfährst du im Kapitel
layer zero
Seite 1

Mehr zur Existenz aller Information in der Zahl Pi in
you lost the game
Seite 51

Wie viel value für shareholder kreiert wird, erfährst du in
Der herabtropfende Hund
Seite 145


Du hast alle anderen Kapitel schon gelesen?
Dann wird es endlich Zeit für
Technogott
Seite 201



Der herabtropfende Hund*

*nach einer Unterhaltung mit Kai im Thier und mit Laura auf ihrem Balkon im Dezember 2025

In der von den durch ihr Privatvermögen legitimierten, Monarchen des 21. Jahrhunderts imaginierten Gesellschaft produziert die Fabrik automatisiert voll-automatisierte Produkte. Fortschrittliche Machine-Learning-Algorithmen optimieren Prozesse so, dass gerade ebenso viele beziehungsweise wenige unserer endlichen Ressourcen verschwendet beziehungsweise verarbeitet werden, dass die durch, inzwischen vollkommen in der Hand der Lobby befindlichen, Nationalstaaten gesetzten Grenzwerte marginal unterschritten und damit maximal ausgereizt werden. Ein Heer von KI-Agenten erkennt die Bedürfnisse der Konsument*innen, bevor sie selbst von ihnen wissen. Nein - eine Armee von voll-vernetzten Smarthome Devices flüstert den Endnutzer*innen ihre zukünftigen Verlangen einfach ein. Nein - noch besser - die zur Steigerung des öffentlichen Sicherheitsempfindens verpflichtend ab dem 12. Lebensjahr zu implantierenden Brain Computer Interfaces aus dem Hause Neuralink spielen, vom natürlichen Träumen nicht mehr unterscheidbare, Werbespots in das schlafende Bewusstsein ihrer Träger*innen ein. Nein - am allerbesten - durch kontinuierliche Lobby-Arbeit und das vollkommene Aushölen der Politik durch die Privatwirtschaft ist das Ersetzen sämtlicher in Privatbesitz befindlicher Produkte aus industrieller Herstellung inzwischen einmal im Jahr verpflichtend. Dieser Tag wird zum ersten globalen Feiertag erklärt und findet künftig jedes Jahr am Freitag nach dem Ernte-Dank-Fest statt. Da die gesamte körperliche Arbeit durch effiziente Automatisierung und die Entwicklung fortschrittlichster, humanoider Roboter ausgelagert wurde, und jede Form der geistigen Arbeit inzwischen von drei miteinander konkurrierenden, allerdings von einer einzigen Mutterfirma hergestellten, AGIs erledigt wird, bleibt einem Großteil der Gesellschaft nichts anderes übrig, als die Arbeit niederzulegen. Die großherzigen Parteien haben in Antizipation dieser Ereignisse Gott sei Dank einige Jahre, bevor es unumgänglich wurde, bereits den Weg für das bedingungslose Grundeinkommen geebnet. Jede*r (rechtmäßig migrierte) Bürger*in erhält einen, zum Leben nach der Meinung eines Gremiums von unabhängigen Expert*innen (die selbst nie von diesem Grundeinkommen leben werden) für vollkommen ausreichend befundenen Betrag. Ermöglicht wird das Ganze durch eine Erhöhung der Vermögenssteuer von ehemals 1 % auf 3 %. Aus ewiger Dankbarkeit für die Finanzierung dieser neuen Utopie haben die demokratisch gewählten Vertreter*innen des Volkes entschieden, ihren so gönnerhaften Lehnsherren ein Denkmal zu errichten. Wer in diesem, angenehm warmen Traum von Sozialstaat trotzdem noch so etwas wie Langeweile oder das Bedürfnis nach archaischer Mehrwertproduktion durch Verkauf der eigenen körperlichen Arbeitskraft empfindet, hat die Möglichkeit einige Stunden im Monat ehrenamtlich für Amazon Pakete, ganz in althergebrachter Art und Weise, per Hand und mit dem Fahrrad auszuliefern. Da das Grundeinkommen der Durchschnittsbürgerin inzwischen aber nicht einmal mehr ausreicht, um den Versand eines solchen Paketes zu finanzieren, findet diese ehrenamtliche Tätigkeit selbstverständlich nicht im eigenen Wohnblock, sondern in einem eigens dafür entworfenen Vergnügungs und Rollenspiel Areal namens Prime Park statt (thematisch passend ist die Umgebung dem Amazonasgebiet nachempfunden). Dass ein Mitglied der Nimmtschicht die Lebensbereiche der Gibtschicht betritt, nur um ein Paket auszuliefern - also das käme mal so gar nicht in die Tüte. Lediglich einige wenige, durch Erbfolge, international abgehaltene und im non-linearen Staats Streaming direkt auf die Netzhaut übertragene Wettbewerbe oder vom allsehenden aber undurchschaubaren Algorithmus Auserwählte schaffen noch den stark umkämpften Klassenaufstieg aus der Nimmtschicht in die Ehrenschicht. Sie dürfen dann, in einem Verhältnis, das sich am ehesten noch als Leibeigenschaft bezeichnen lässt, als Köch*innen, Chauffeur*innen, Masseur*innen, Nannys, Pfleger*innen oder einfach Dekoration dienen. Diese ebenfalls ehrenamtliche Tätigkeit winkt zwar nicht mit finanziellen Anreizen (wozu auch? jede Abweichung vom Grundeinkommen hätte nur eine Zwei-Klassen-Gesellschaft zur Folge), allerdings reizt die Möglichkeit durch die Nähe zur Gibtschicht einmal auch selbst in die Nähe der physischen Originale der, bisher nur virtuell aus dem Metaverse bekannten Luxus Konsum Objekte der Seltenheit Ultra Rare und aufwärts, zu gelangen. Auch die Aussicht, durch unfreiwillige Leihmutterschaft zumindest genetisch Teil des besseren Lebens zu werden, spielt eine Rolle. Seit der Einführung der eine Welt, zwei Wirtschaftsysteme Politik zur Mitte des laufenden Jahrhunderts herrscht Frieden. Die ehemaligen ein Prozent und damit zukünftige Gibtschicht, wurde ganz fair anhand des Nettoeinkommens eines jeden Individuums empirisch festgestellt - dass dieses Vermögen möglicherweise aus unlauteren Quellen oder gar aus Erbschaften, die bis auf Kolonial- und NS-Zeiten zurückgehen mögen, ist ja für die rein objektive Empiristik vollkommen unerheblich. Diese Gruppe teilt sich einen, auf Luxus und Annehmlichkeiten hin optimierten, Wirtschaftskreislauf, der versucht, der Strahlkraft und Bedeutung dieser ganz besonderen Exemplare der Gattung Mensch würdig zu werden. Der Rest der Weltbevölkerung erfreut sich eines ereignislosen und monotonen Alltages, der jedoch durch einen geschickt austarierten Warenkreislauf, vollkommen von so etwas wie Mangel oder ungedeckten Grundbedürfnissen befreit wurde. Lange erloschen ist das durch Unzufriedenheit geschürte Feuer des Aufbegehrens, erkaltet ist der Drang nach sozialem Aufstieg. Wo keine Leiter ist, kann auch niemand aufsteigen. Viel zu lange haben die da oben uns, die wir hier unten sind, mit der Illusion der Existenz eben jener Leiter gefoltert. Wir sind dankbar, nun endlich einen realistischen, von falschen Hoffnungen befreiten Blick auf die Gegebenheiten unserer Gesellschaft zu haben. So viel Mental Load ist uns genommen worden. So viel entspannter, ruhiger und sinnlicher sind wir geworden. Selbst auf die Frage danach, was nun mit all dieser ungenutzten Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns passieren soll, wusste der Maschinengott eine Antwort. Wie praktisch es doch ist, all seinen Arbeitsspeicher von wertvolles Silizium verschwendenden Schaltkreisen in die Köpfe der Menschheit auszulagern. So viel effizienter ist der menschliche Körper als selbst der beste Quantencomputer.


Eine Aktie ist ein Anteil an einer publicly traded company, also einem Unternehmen, das öffentlich gehandelt wird. Dieser Handel findet für Kleininvestor*innen an der Börse statt. Ein*e Kleininvestor*in ist in diesem Fall eine Einzelperson, die mit ihrem Privatvermögen diese Aktien kauft und hält. Im Gegensatz dazu stehen sogenannte institutionelle Investor*innen, also for profit Firmen, Banken, Versicherungen und gemanagte Fonds, die das Geld anderer Personen für diese anlegen und dazu als juristische Körperschaft existieren. Im Jahr 2022 hielten institutionelle Investor*innen etwa 83 % der Anteile von Unternehmen, die ihm S&P5001 Index gelistet werden138.

Bevor ein Unternehmen öffentlich gehandelt wird (der sog. IPO), muss es zuerst eine gewisse Größe und Wert erreicht haben139. Bis ein Unternehmen an der Börse gehandelt wird, stammt das Kapital vor allem aus dem Eigenkapital der Gründer*innen sowie aus, in mehreren Runden eingesammeltem, Fremdkapital von Grossinvestor*innen (sog. funding rounds). Diese Parteien halten damit beim Börsengang bereits einen relativ großen Anteil am Unternehmen und haben damit das größte Mitspracherecht in der Aktionärsversammlung, die über gravierende Entscheidungen im Unternehmen mitbestimmt und unter anderem auch die Geschäftsführung wählt 140.


Die beim Börsengang hinzukommenden Kleininvestor*innen haben zwar bereits ab dem Besitz einer vollen Aktie Wahlrechte, in der Praxis besteht damit aber nur ein minimales Mitbestimmungsrecht. Und auch sonst sind Kleinanleger*innen eher ein notwendiges Übel als gleichberechtigter Bestandteil des Finanzmarktes.

Eine öffentlich gehandelte Aktie ist eine, an den Wert des Unternehmens gekoppelte, synthetische Repräsentation des Unternehmens, die am Sekundärmarkt (der Börse) gehandelt wird. Der Besitz dieser Aktie ist ein anteiliger Besitz des zugehörigen Aktienkonzerns. Der Wert des Unternehmens zum Zeitpunkt des IPO bestimmt den Initialwert der Aktie. Der Wert der Aktie bestimmt nicht den Wert des Unternehmens. Der Wert des Unternehmens ist abhängig von der Nachfrage nach seinen Produkten. Der Wert des Unternehmens ist nicht abhängig von der Nachfrage nach seiner Aktie. Diese Nachfrage bestimmt lediglich den Wert der Aktie auf dem Sekundärmarkt.


Im Januar 2021 shorteten2 Kleinanleger*innen, die sich lose auf einem Messageboard namens r/WallstreetBets im sozialen Netzwerk reddit organisierten, gemeinschaftlich Aktien des Tickers GME des consumer electronics retailers GameStop und provozierten dadurch bei Großinvestoren Verluste in Milliardenhöhe3. Kurze Zeit später wurden die Handlungsspielräume der Privatanleger*innen durch die, für die Verwaltung ihrer Portfolios häufig verwendete, Mobilanwendung RobinHood massiv eingeschränkt. Dies geschah laut der US-amerikanischen Securities and Exchange Commission "to protect retail investors"4 vor "abusive or manipulative trading activity"5 und "to identify and pursue potential wrongdoing".6

Im Februar 2020 verkauften mehrere Politker*innen, die sich lose in einer Organisation namens Kongress im Großkonzern Vereinigte Staaten von Amerika organisierten, gemeinschaftlich Aktien in Millionenhöhe, kurz bevor der Aktienmarkt im Rahmen der Covid-19 Pandemie einbrach141. Kurze Zeit später wurde dieser Vorfall ohne Ergebnisse oder Konsequenzen untersucht7. Dies geschah laut des US-amerikanischen Justice Departments, da "no hints at insider trading were found"8 und da "these companys are unrelated to any work on the coronavirus and the sales were unrelated to the situation.”9


1 Der S&P500 ist ein Index der die 500 umsatzstärksten Unternehmen mit Firmensitz in den USA listet

2 Auf den Wertverlust einer Aktie wetten, Details im Glossar unter shorten

3 Unter anderem verlor Melvin Capital etwa 6 Milliarden Euro142

4 Franck, Thomas (January 29, 2021): "SEC reviewing recent trading volatility amid GameStop frenzy, vows to protect 'retail investors'", CNBC143

5 Matthews, Chris (January 29, 2021): "SEC vows to punish 'abusive activity' amid GameStop, Robinhood drama", MarketWatch144

6 Westbrook, Jesse (January 29, 2021): "SEC Says It's Examining Market Mania for Potential Misconduct", Bloomberg News145

7 "Justice Dept. Ends Inquiries Into 3 Senators’ Stock Trades", New York Times146

8 Das steht tatsächlich nirgendwo so

9 Das hat aber Dianne Feinstein fast so gesagt147


Bei der institutionellen Investition vor Börsengang erhält ein Unternehmen Geld, um sein Wachstum zu finanzieren. Bei dem Kauf einer Aktie nach Börsengang erhält die vorherige Besitzer*in der Aktie Geld - nicht das Unternehmen selbst. Eine Aktie ist nichts anderes als eine Wette auf den finanziellen Erfolg eines Unternehmens. Die damit einhergehenden Mitbestimmungsrechte sind für Privatinvestor*innen zu vernachlässigen. Die Firma Palantir besteht aktuell aus etwa 2.377.167.000 Aktien, gehandelt zu $183.57 pro Aktie148. Hätte ich während meines fünfjährigen Studiums anstatt die Miete meines WG-Zimmers (650 €) zu zahlen, das Geld stattdessen in Palantir investiert, so würde ich heute etwa 250 PLTR Aktien besitzen. Und hätte damit einen Wahlanteil von 0.0000001 % während der Aktionärsversammlung - Im Vergleich zu den etwa 15 %, die Vanguard10 aktuell hält149.

10 Größter, institutioneller Investor


Mit dem Halten einer Aktie durch eine Privatperson, die grundsätzlich gegen das Handeln des Unternehmens ist, wird Macht von den Parteien, die für das Handeln des Unternehmens sind, genommen. Wer den Regenwald vor der Rodung bewahren will, kauft ein Stück davon und tut damit einfach gar nichts. Durch den Kauf der Aktie wird der Aktienwert des Unternehmens stabilisiert (es wird eine Nachfrage signalisiert, ein Kaufinteresse). Dieser stabile Aktienpreis verleiht einem Unternehmen Kredibilität, erlaubt die Aufnahme von Krediten und erhöht den Initialpreis von neu ausgegebenen Aktien. Wer also Aktien kauft, der stabilisiert das Unternehmen. Allerdings ist auch hier der Einfluss der Einzelperson zu vernachlässigen. Im Q4 2024 besaßen die oberen 1 % des US-Aktienmarktes etwa 50 % dieses Marktes, während die unteren 50 % zusammen lediglich 1 % besaßen 150.


Wer also irgendetwas gegen die weltenfressenden Megamonopolkonzerne tun möchte, die sollte im mindesten Aktien dieser Unternehmen kaufen. Nur so wären dort, wo Entscheidungen wirklich getroffen werden, auch die beteiligt, die diesen Entscheidungen widersprechen. Einer Demonstration gegen die Machenschaften eines Konzernes beizuwohnen hat ungefähr genauso viel Einfluss, wie einige wenige Aktien dieses Unternehmens zu besitzen und im jährlichen Shareholder Meeting gegen die Entscheidung zu stimmen, gegen die man auch protestiert hätte. Der Besitz der Aktie hat lediglich den Vorteil, dass sie das Privatvermögen potenziell vermehren kann. Das kann die Demo nicht.11

11 Ich spreche mich an dieser Stelle nicht kategorisch gegen Demonstrationen aus. Ganz im Gegenteil: ich halte Demos für eines der wenigen verbleibenden effizienten Kommunikationsmittel zwischen Bürger*in und Staat. Auch das Gemeinschaftsgefühl, als das Wissen, mit der eigenen Unzufriedenheit nicht allein zu sein, ist in den aktuellen, isolierenden Zeiten wichtiger denn je.


Allerdings möchte ich zwischen politischen, moralischen und wirtschaftlichen Demos unterscheiden. Gegen einen neuen Gesetzesentwurf auf die Straße zu gehen, ist ein effektiver Weg, klarzumachen, dass dieser nicht erwünscht ist (z.B. die Wiedereinführung der Wehrpflicht oder die Erhöhung des Rentenalters). Auch allgemeingültige gesellschaftliche Themen laut und auf der Straße sichtbar zu machen und zu diskutieren ist wichtig (z.B. Gleichstellung, Gewalt gegen Frauen oder der Klimawandel). Wenn es allerdings spezifischer wird, und dort, wo wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stehen (z.B. Castor-Transporte, Waffenlieferungen nach X, Pharmaprodukte, Saatgutmanipulation, Wassernutzungsrechte, Bau von Datencentern, Fabriken, Büros etc.) glaube ich persönlich, dass (global operierende) Firmen heute eine so starke Lobby und eine so enge Verknüpfung mit der Politik haben, dass eine Demo zwar eine Meinungsäußerung darstellt, diese aber auf vom Geld und von der Abhängigkeit taube Ohren trifft. Die Demo dient hier primär der Beruhigung des eigenen politischen Gewissens, effektiver wäre ein direkterer Eingriff in die Wirtschaftskreisläufe, z.B. durch Konsumentscheidungen, Boykotte oder eben ganz experimentell: die gesellschaftliche Aneignung von Aktiengesellschaften im Sinne der Entprivatisierung der Produktionsmittel.


100 € aus dem Jahr 2014 wären heute noch etwa 76 € wert 151. Derselbe Betrag in den DAX investiert, wäre heute 247 € wert 152 (oder im beliebtesten ETF-Sparplan MSCI World 267 €153). Wäre der Betrag aus moralischen Gründen stattdessen in den ÖkoVision Index investiert worden, wäre er heute nur 169 € wert154. Wäre derselbe Betrag stattdessen 2014 in Rheinmetall Aktien geflossen, wäre er heute ganze 4400 € wert. Die Reallöhne12 155 und die damit verbundene Kaufkraft stiegen im selben Zeitraum um gerade einmal 5 %155.

Investition zahlt sich offensichtlich aus.

Moral offensichtlich nicht.












12 Nettolohn bereinigt um die Inflation


Vergleich von Reallohnentwicklung in Deutschland155, Inflationsrate in Deutschland156, Wertverlust Euro durch Inflation151, dem Kurs von Rheinmetall 157 und Palantir158 sowie der Indizes DAX152, oekovision154, S&P Defense159 und MSCI World153


Während institutionelle Großinvestor*innen kein Problem damit haben, moralisch verwerfliche Derivate zu halten, mag der Kleinbürger lieber Scheine unter dem weißen Kopfkissen13. Damit befeuert er allerdings nur die Vermögensumverteilung nach oben14. Wenn er schon nicht reich, schön, berühmt und einflussreich, so wie die da oben ist - dann ist er ihnen doch wenigstens moralisch überlegen. Ein reines Gewissen kann man sich nicht kaufen. Ein Haus oder einen Neuwagen, aber inzwischen auch nicht mehr. Da könnte es einen Zusammenhang geben. Als akademischer Mittelschichtler*in das überschüssige, durch Lohnarbeit hart verdiente Geld in die Aktien von Verteidigungsunternehmen zu stecken, um davon etwa später das Studium der Kinder zu finanzieren, scheint uns verwerflich. Dieser Zweck scheint diese Mittel nicht zu heiligen. Darf ich auf eigene Kosten Drohnen bauen und sie dem ukrainischen Militär spenden? Darf eine ukrainische Geflüchtete ihr in Deutschland verdientes Geld an ihr Heimatland spenden? Dürfte sie stattdessen Aktien von Rheinmetall kaufen und den Vermögensgewinn in Militärhilfen spenden? Dürfte sie das aber tun, wenn sie immer noch in der Ukraine leben würde und ihr Zuhause aktiv vom russischen Militär bombardiert werden würde?

13 Im Jahr 2024 hatten deutsche Haushalte 37 % ihres Vermögens in Bargeld und Einlagen investiert160

14 Das Vermögen von G20-Milliardären ist im Jahr 2025 um 2,2 Billionen US-Dollar gestiegen161

Darf eine Person, die aus der Ukraine geflüchtet ist, in Deutschland arbeiten, während ihre Familie in der Ukraine zurückbleibt, und von dem, durch ihre Arbeit verdienten Geld, Aktien Deutscher Rüstungskonzerne, deren Waffensysteme das Überleben ihrer Familie sichern, kaufen und dann die, durch den Besitz der Aktien entstandenen, Kapitalerträge nutzen um ukrainische, zivile Hilfsangebote zu finanzieren? Darf eine, in Deutschland geborene und unterprivilegiert aufgewachsene BIPOC Person, mit dem, durch ihren Job als Altenpfleger*in verdienten Geld, Aktien des Unternehmens Palantir kaufen, welches die Deutschen Polizeikräfte in Zukunft mit Profiling Software versorgen soll162, obwohl nachgewiesen ist, dass diese Software rassistisch entscheidet und zum Beispiel BIPOC Personen überproportional riskant einstuft, und mit den, aus diesem Investment hervorgehenden Kapitalerträgen, ihr Studium zur Rechtsanwältin zu finanzieren, das sie ansonsten, aufgrund der finanziellen Stellung ihres Elternhauses, nicht hätte machen können, mit dem erklärten Ziel, dadurch in der Lage zu sein, die Reglementierungen solcher offen rassistischer Software in Zukunft zu verschärfen?


Im Kreis rennen und alles anzünden

Moral lässt sich als gesellschaftliches Konstrukt betrachten 163. Sie diente historisch primär der herrschenden Klasse zur Unterdrückung der ihr untergebenen Schicht - sei es im Rahmen der Sklaverei15, im Kontext der Kirche16 oder des Patriarchats17. Ethik und ethisches Handeln sind damit extrinsisch, also nicht dem Menschen inhärente Qualitäten. Moralisches Handeln ist erlernt164. Und kann damit auch verlernt werden. Moralische Überlegenheit kann als ein klassenbindendes Element betrachtet werden. Eine geteilte Moralvorstellung verbindet die Anteiligen einer Gesellschaft oder Klasse. So wie Menschen mit westlicher Prägung sich gerne als moralisch überlegen gegenüber Menschen anderer kultureller Herkunft wähnen, beispielsweise weil sie ihre Kinder nicht schlagen oder ihre Haustiere in der Wohnung schlafen dürfen, so halten sich auch gerne Mitglieder anderer Gruppierungen für, denen überlegen, die ihrer Gruppe nicht angehören. Die Moral definiert die Grenze der Gesellschaft. Es wird Personen, die sich vegan ernähren, gerne nachgesagt, sie hielten sich für moralisch höher gestellt, für überlegen, denjenigen gegenüber, die dies nicht tun. Dabei spaltet und eint die Moral gleichermaßen. Während sie einer Person durch Zugehörigkeit zu einer Gruppe sozialen Rückhalt gibt, entfremdet sie die Person gleichzeitig vom, meist weitaus größeren, Rest der Gesellschaft. Dieser Rückzug ins Private beziehungsweise die Kommune kann zwar in Zeiten der gesellschaftlichen Unruhe für mehr Klarheit und Einfachheit sorgen, zersplittert aber tatsächlich einfach nur die Gesellschaft als Ganzes.

15 Aristoteles betrachtete Sklaven als unterlegene Lebensformen, denen es an der mentalen Kapazität zum Führen eines selbstbestimmten Lebens fehlt und denen daher ein Gefallen getan würde, wenn sie von einer überlegenen Lebensform fremdbestimmt würden.165

16 Das Prinzip der göttlichen Gerechtigkeit oder des himmlischen Auftrages zur Begründung von Macht-Imbalancen findet sich in so gut wie jeder Weltreligion und den, mit ihnen verbandelten Nationalstaaten und Königreichen wieder - mehr dazu im Abschnitt Die Gottfabrik dieses Kapitels

17 Patriarchale Strukturen basieren auf einer fast endlosen Liste an moralischen Fehlannahmen - z.B. die von Freud etablierte Kategorisierung von unabhängigen Frauen als Hure im Vergleich zur guten (und abhängigen) Jungfrau166


Ein wichtiger Faktor für persönliche Moral ist Individualverantwortung. Insbesondere in Bezug auf Konsumentscheidungen. Würde niemand mehr Fleisch essen, gäbe es keine Fleischindustrie. Dabei werden drei Faktoren gerne außer Acht gelassen: während es für Mitglieder der Industrie-Gesellschaft um Verzicht auf Gewohntes geht, geht es für die weitaus zahlreicheren Einwohner*innen von Schwellen- und Entwicklungsländern um Verzicht auf Nie-da-Gewesenes. Man sollte meinen, was man nicht kennt, kann man auch nicht vermissen. Aber dafür haben die Industrienationen ihren Lebensstandard durch global vermittelte Medien dem Rest der Welt leider viel zu stramm auf die Nase gebunden. Was wir auch gerne vergessen: durch den Verzicht auf Fleisch gäbe es vielleicht keine Fleischindustrie mehr - aber das eigentliche Problem ist nicht das Töten von Tieren für den Handel mit ihrem Fleisch, sondern die extrem ausbeuterische, industrielle Tierhaltung. Und da Ausbeutung ein Grundprinzip des Kapitalismus ist167, wird es sehr schwer werden, nur durch Verzicht und Konsumentscheidungen innerhalb des Kapitalismus seine industriell-ausbeuterischen Strukturen gänzlich abzuschaffen. Und drittens ist auch hier der Einfluss des Individuums schlicht und einfach zu vernachlässigen. Wer für 50 Jahre bei den zwei Jahresurlauben auf Flugreisen verzichtet, spart in etwa 100 Tonnen CO2168 und reduziert damit seinen persönlichen CO2-Fußabdruck um etwa 5-10 %169. Dieselben 100 Tonnen in 50 Jahren würden den CO2-Abdruck eines Mitglieds der oberen 0.1 % in Deutschland (täglich 840 kg, jährlich 300 Tonnen) lediglich um etwa 0.005 % senken170. Es skaliert einfach nicht. Das reichste Prozent verursacht mehr als doppelt so viel CO₂ wie die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung170. Und auch das Konzept der Klimakompensation ist nichts anderes als kolonialistische Auslagerung des eigenen Raubbaus an der Erde.

Ja, am Ende sind es Individuen, die Schaden verursachen. Allerdings ist die Menge so ungleich verteilt, dass es mehr Sinn ergibt, von Gruppierungen zu sprechen. Und der verursachte Schaden ist vor allem systematisch ermöglicht. Eine Berufung auf Individualverantwortung ist also meist nicht mehr als ein Hobby oder ein Statussymbol - es ist Virtue Signaling.

Zusätzlich dazu reproduziert der moralische Blick auf Individualverantwortung auch noch die unterdrückenden Strukturen des Kapitalismus. Anstatt, dass die Verursacher*innen selbst (die Firmen) durch die Legislative, die zu exakt diesem Grund existiert (der Staat) zur Rechenschaft gezogen werden, liegt es nun angeblich an uns, den Konsument*innen, die Firmen zu erziehen. Damit diese von einem, im Kapitalismus gefangenen, Individuum unmöglich zu bewerkstelligende Aufgabe eben nicht eine Aufgabe des Individuums ist, haben wir als Gesellschaft den Staat etabliert und dafür bereits Anteile unserer Entscheidungs-, finanziellen und individuellen Freiheit abgegeben. Die moralische Berufung auf Individualverantwortung ist unsolidarisch und reproduziert dieselben Unterdrückungsmuster und Systeme, denen sie eigentlich entkommen möchte.

Die Vorstellung, durch nicht investieren zwar sein Vermögen nicht abzusichern, aber wenigstens auch nicht mitschuldig zu werden, ist kurzsichtig. Und wer hat schon Vermögen? Geld ist immer investiert. In seiner ungenutzten Form als Bargeld ist es investiert in den Staat, da dieser die Währung druckt und herausgibt und an den aktuellen Wert der Währung gekoppelt zum Beispiel Staatsanleihen herausgeben kann. Zwar lässt sich Bargeld in andere Währungen umtauschen, die gehören dann aber einfach zu einem anderen Staat. Anstatt das ungenutzte Vermögen in physischer Form vorliegen zu haben, kann es auch auf einem Bankkonto liegen. In dieser Form steht es dann der Institution zur Verfügung, um gegen die Einlagen aller Kund*innen Kredite zu vergeben oder Investitionen zu tätigen. Welche Kredite die Bank vergibt und in was mit dem Geld der Einleger*innen investiert wird, darauf haben die ursprünglichen Besitzer*innen keinen Einfluss. Es wird über ihre Köpfe hinweg investiert.

Wer sich weder für den Staat noch den institutionellen Investor Bank begeistern kann, der kann sein Geld natürlich auch in Konsumgüter investieren. Das macht auch sehr viel mehr Spaß. Ein Teil des Geldes geht auch auf diesem Weg in Form von Steuern an den Staat. Und auf was der Staat mit dem Geld tut, haben die Bürger*innen in einer repräsentativen Demokratie auch wieder nur bedingt Einfluss. Der Rest des Geldes wandert über Umwege entweder an Firmen oder Privatpersonen.


Auf die unethischen Geschäfte von Firmen haben ihre Kund*innen wieder nur bedingt Einfluss. Zwar gilt der Grundsatz vote with your money - allerdings setzt dieser perfekt informierte Konsument*innen voraus171. Eine Fehlannahme, an der schon früher Wirtschaftstheoretiker*innen gescheitert sind172. Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Aber dafür, alles über eine Firma und die mit ihr verbundenen Konsumentscheidungen zu wissen, fehlt der Einzelperson die Zeit und die Datengrundlage. Und wenn das Geld bei Privatpersonen landen sollte, dann geht das Ganze ja einfach nur bei jemand anderem wieder von vorn los.

Damit bleibt als letzte Investition das Finanzprodukt. Auch hier findet auf direktem (Aktie) oder indirektem Wege (Fond/ETF/Index) eine Investition in ein Unternehmen statt. Ein Unternehmen, das im Übrigen ja auch einfach anderen Unternehmen und/oder Privatpersonen gehört. Während Investitionen in Bargeld, Bankkonto, Konsumgut oder ethische Aktie zwar auf den ersten (und vielleicht auch zweiten) Blick ethisch weitaus vertretbarer sind, als eine Direktinvestition in Rüstungsunternehmen, ist es weder möglich nicht zu investieren noch möglich ethisch und moralisch gut zu investieren. Die einzige Unterscheidung, die gemacht werden kann, ist die der Rendite. Und die ist bei unmoralischen Unternehmen nun einmal ziemlich hoch.


Es scheint, als würde das Geld einfach im Kreis rennen und auf seinem Weg alles anzünden. Es scheint nicht nur so. Es ist so. Das nennt sich Wirtschaftskreislauf. Und aus diesem kreisförmigen Käfig in Freilandhaltung scheint es aktuell kein Entkommen zu geben. Um all denjenigen, die vom Kapitalismus profitieren, rein böse Absicht zu unterstellen, sind es zu viele. Und rein praktisch betrachtet sind die allermeisten Menschen in westeuropäischen Ländern allein durch den Wohlstand kolonialen Ursprungs schon Profiteure des Kapitalismus. Trotzdem würden sich die wenigsten von uns selbst als böse bezeichnen. Viel mehr scheinen wir alle bis zum Hals verstrickt und verheddert zu sein in diesem verdammten Wirtschaftssystem. Du, ich und Jeff Bezos. Uns unterscheidet gar nicht so viel, außer den Nullen hinterm Kontostand. Ein Versuch, diesem Kreis zu entkommen, scheitert, da wir nicht Teil des Kapitalismus sind, sondern der Kapitalismus ein Teil von uns. Und von denen da oben zu sprechen ist gar nicht so leicht, wenn man bereits ab einem Jahreseinkommen von 34.000 $ zu den globalen oberen 1 % gehört173.


Sich diesem verinnerlichten Kapitalismus zu widersetzen, kostet viel Kraft und Zeit. Den Großteil davon müssen die meisten von uns zum Sichern ihres Fortbestandes innerhalb des kapitalistischen Systems nutzen. Nur ein*e lebende*r Widerständler*in kann Widerstand leisten. Daher ist das am Leben sein und bleiben Grundvoraussetzung des Widerstands. Ein unethisches Investment kann durch die hohe Rendite ein Werkzeug sein. Wer weniger lohnarbeitet hat mehr Zeit für Widerstand. Wer sich weniger Sorgen um die finanzielle Absicherung seiner Zukunft machen muss, hat mehr mental capacity zum Finden eines Auswegs. Ein moralisch gutes Leben innerhalb des Kapitalismus zu führen, ist inhärent unmöglich. Daher ist der Verzicht auf Möglichkeiten zur Vereinfachung des Widerstandes, Selbstsabotage und die Denkweise "dAnN bIn iCh DeNeN dA oBeN weNiGsTeNs moRaLisCh üBerLeGen" nichts weiter als Selbstbefriedigung.18

 

Abb. 2.1 dAnN bIn iCh DeNeN dA oBeN
weNiGsTeNs moRaLisCh üBerLeGen

18 Auch spreche ich mich an dieser Stelle nicht für die private Investition in Rüstungsunternehmen aus. Ich habe darüber nachgedacht, im Rahmen dieser Arbeit einmal selbst Aktien von Rheinmetall zu kaufen - einfach mal um zu schauen, wie sich das anfühlt. Schon bei der Vorstellung ist mir übel geworden. Trotzdem bin ich der Meinung, an dieser Stelle selbst Opfer der erlernten Moral geworden zu sein. Worauf ich in diesem Kapitel aufmerksam machen möchte, ist, dass die Zusammenhänge und Abhängigkeiten unserer modernen, globalisierten Wirtschaft so undurchsichtig und grau stufig sind, dass es unmöglich geworden ist, von ethischem Konsum zu sprechen. Egal, wie Bio, egal wie regional, egal wie lokal, egal wie unverpackt, egal wie certified. Solange es den Kapitalismus gibt, bleibt Konsum unethisch - zu stark ist das Wirtschaftsinteresse und zu mächtig ist das Geld.

 


Judge Dredd

Das wirtschaftlich voneinander abhängende Netzwerk aus "KI" Firmen soll einmal Komplex genannt werden. Dieser Komplex verfolgt das vage definierte, gemeinsame Ziel der AGI also Artificial-General-Intelligence. Diese Form der starken KI war lange als "eine nicht menschliche Intelligenz, die Menschen nicht nur in einer, sondern in allen oder den meisten Sparten der Intelligenz überlegen ist" definiert. Der Schachcomputer Deepblue ist jedem Menschen im Schach überlegen, kann allerdings Muffins nicht von Golden-Retriever Welpen unterscheiden19. Die AGI würde sowohl jeden Menschen im Schach schlagen, als auch überlegene Fähigkeiten in der Bilderkennung sowie jede andere menschliche Fähigkeit haben. - dass das ein etwas zu hoch gestecktes Ziel sein könnte, hat OpenAI auch festgestellt. Ein Unternehmen, das als Non-Profit mit dem Ziel der ethischen AGI gegründet wurde. AGI wird in seinem Mission-Statement nun als "a software intelligence that can earn us 100 billion USD in profit"174 definiert. Profit - also Gewinn, nicht Umsatz. Das ist ehrlich und realistisch. Aktuell beträgt der Umsatz des Unternehmens übrigens 4.3 Milliarden USD - also etwa ein zwanzigstel des gesetzten Ziels - wenn der Umsatz Gewinn wäre. Der Gewinn 2025 beträgt -13.5 Milliarden USD (das ist ein Minus, kein Gedankenstrich).

19 Ein beliebter Captcha aus der Zeit vor starken Adversarial Networks

[^]:





Abb. 2.2 Häufig referenziertes Diagramm, das die Finanzflüsse innerhalb der AI-Branche visualisiert


Auch ein rein wirtschaftlich definiertes Ziel der AGI scheint unerreichbar zu sein. Gleichzeitig bilden die Unternehmen des Komplex gemeinsam ein Konglomerat, das der Staat mit dem dritthöchsten Bruttoinlandsprodukt wäre (nach den USA und China und wenn Aktienwert ein BIP wäre). Nvidia, Microsoft und OpenAI sind gemeinsam 8.6 Trilliarden US-Dollar wert und bilden zusammen den Kern der AI Wirtschaft (zusammen mit ein paar weiteren "kleinen" Firmen wie Oracle, AMD, Intel und CoreWeave).

Nvidia produziert die Hardware, auf der Microsoft Rechenleistung bereitstellt (compute produziert), mithilfe derer OpenAI intelligence produziert. Im Worst-Case-Szenario ist das eine ganz bescheuerte Idee gewesen. Die größte Wirtschaftsblase aller Zeiten implodiert, mit ihr alle möglichen Banken, Firmen und Investoren, die dann mit Steuergeldern gestützt werden und eine schwere Wirtschaftskrise nach sich ziehen. Niemand findet mehr Jobs, die Jobs, die es dann noch gibt, fühlen sich sinnlos an und die Steuerlast ist enorm, während der Staat nur an die Wirtschaft zu denken scheint. Im Best-Case-Szenario macht die AGI menschliche Arbeit vollkommen überflüssig. Niemand findet mehr Jobs, die Jobs, die es dann noch gibt, fühlen sich sinnlos an und die Steuerlast ist enorm, während der Staat nur an die Wirtschaft zu denken scheint. So oder so scheint fragwürdig, was dort eigentlich produziert wird. Human obsolescence scheint weit entfernt und 100 Milliarden USD Profit ebenfalls.

Es ist möglich zu sagen, dass dort nichts außer Shareholder Value produziert wird. Was uns, nicht Shareholder extrem beruhigen sollte, denn damit dürfen wir wenigstens weiter lohnarbeiten. Aber gehen wir einmal davon aus, dass dort tatsächlich AGI nach Definition von OpenAI produziert wird. Also eine Technologie, die 100 Milliarden US-Dollar Profit erwirtschaften kann. So etwas ist vorstellbar, wenn AGI tatsächlich in weiten Teilen menschliche Arbeit überflüssig macht und hochbezahltes Fachpersonal wie Ärzt*innen, Anwält*innen und Entwickler*innen obsolet werden lässt - und ihre Bruttolöhne auf direktem Weg stattdessen an OpenAI gehen. Aber wenn OpenAI selbst davon ausgehen würde, dazu in der Lage zu sein, dann hätten sie auch nicht ihre AGI Definition anpassen müssen. Gehen wir also einmal davon aus, dass die AGI weder sentient noch omnipotent sein wird, sondern lediglich eine lineare und logische Fortsetzung aktueller KI-Werkzeuge, die meines Empfindens nach wären:

Rechnen wir jetzt einmal die Gewinne aus 2024 der führenden Unternehmen in den jeweiligen Spaten zusammen:

Kommen wir auf die stolze Summe von 85.5 Milliarden USD. Wenn OpenAI es also schaffen sollte, die Google-Suche vollständig zu ersetzen, die Adobe Software Suite vollkommen überflüssig zu machen, Übersetzungsservices vollständig zu ersetzen und die gesamte Business-Software die SAP bereitstellt, ebenfalls überflüssig zu machen, und es dann auch noch schaffen sollte genau denselben Profit zu erwirtschaften, dann hätten sie immer noch keine AGI. Hierzu muss erwähnt werden, dass die profitabelste Firma der Erde Google/Alphabet im Jahr 2024 tatsächlich 100 Milliarden US-Dollar Profit erwirtschaftet hat - und damit nach OpenAIs Definition so etwas wie eine AGI wäre. Tatsächlich sieht es so aus, als würde Alphabet nach Jahren der Aufholjagd das KI-Wettrennen gewinnen (oder hat es bereits gewonnen nach der Definition von OpenAI).


Grund dafür sind vor allem die Unmengen an Nutzer*innen Daten (das Gold der KI-Industrie), die Google fleißig in den hungrigen Rachen von Gemini gestopft hat. KI als Garbage-In-Garbage-Out Technologie ist auf qualitativ hochwertige Trainingsdaten angewiesen. Und die hat vor allem Google.179

Wenn also weder die human obsolescence noch die 100 billion profit AGI produziert werden. Dann bleibt ja nur noch Shareholder Value als Produkt über. Dazu lässt sich diese Grafik betrachten, die Finanz- und Investmentströme zwischen den Firmen des Komplex aufzeigt. Nvidia verkauft Chips an Unternehmen, die Rechenleistung für Microsoft bereitstellen, Nvidia garantiert dabei den Aufkauf von ungenutzter Rechenleistung. Microsoft verkauft diese Rechenleistung an OpenAI - eine private Firma, an der sowohl Microsoft als auch Nvidia Anteile halten. Mühlhoff schreibt: "Die Wahrheit industrieller KI-Forschung, so die Logik, erweise sich ohnehin nicht durch wissenschaftliche Validierung, sondern durch die Monetarisierbarkeit der Erkenntnisse – zeige sich also am Marktwert der Unternehmen und ihrer Produkte."180


Zwei Ökonomen gehen im Park spazieren und laufen an einem Hundehaufen vorbei. Da sagt der eine zum anderen: "Ich gebe dir 1000 €, wenn du den isst". Der zweite Ökonom denkt sich: Geld ist Geld, isst den Haufen und erhält 1000 €. Kurze Zeit später laufen die beiden an einem zweiten Hundehaufen vorbei. Da sagt der zweite Ökonom: "Ich gebe dir 1000 €, wenn du den isst". Der erste Ökonom isst daraufhin den Hundehaufen und erhält seine 1000 € zurück. Beide Parteien haben die exakt gleiche Menge an Profit wie vorher (0 €), allerdings jetzt jeweils 1000 € Umsatz (für das Essen eines Hundehaufens). Kein Produkt von Wert ist erzeugt worden. Aber immerhin haben ein paar Ökonomen Scheiße gefressen.

Wie schon viele Wirtschafts-Blasen vorher wird auch diese Blase durch endlose Re-Investition von Investorengeldern aufgepustet. Geld aus Krediten, die wiederum auf Firmenwerte aufgenommen wurden. Ein rein selbst-referenzielles System. Aber wie auch schon vorher, erlaubt eine große Market-Cap das Schlucken der Konkurrenz. In dem Moment, wo die Big-Player der jeweiligen Ökonomien ihre innerökonomische Konkurrenz gefressen haben und mit ihrer außerökonomischen Konkurrenz durch diverse Investments parasitär verbunden sind, besteht keine Konkurrenz mehr. Cory Doctorow schreibt in Enshitification: "Apple’s single largest source of revenue is a check for more than $20 billion that Google writes it every year to buy the default search box in Safari and on the iPhone. That $20+ billion check is also Google’s single largest expenditure. This deal is brokered and agreed to by Apple CEO Tim Cook and Google CEO Sundar Pichai at an annual summit between the two leaders. For all Apple’s talk of its differentiation from Google and its “surveillance capitalism,” the company has entwined its flagship products with Google’s business in the most fundamental way."181 Es entsteht ein Konstrukt, das durch sein absolutes Monopol über jeden Bereich des öffentlichen und privaten Lebens, dessen Preis, Wert und Regeln bestimmen darf. Executive, Judikative und Legislative in Personal-Union. Judge Dredd. Oder eben Gott.

In seinem Buch Enshitification beschreibt Cory Doctorow am Beispiel von Amazon detailiert, wie Kapitalismus automatisch zu Monopolbildung und Machtzentralisierung führt (natürlich nicht ganz ohne legislativen Support): "Amazon is a powerfull seller: the majority of US households have Amazon Prime [...] This means that merchants seeking to reach the overwhelming majority of American households must sell their goods on Amazon [...] For merchants to resist this pressure, they must secure their own market power - they have to become so big that Amazon needs them [...] creating ever-larger firms that are scaled up to fight Amazon on fairer terms."182

Yanis Varoufakis geht in Technofeudalism noch weiter und enthebt Plattformen wie Amazon dem klassischen Kapitalismus vollständig: "Enter amazon.com and you have exited capitalism. Despite all the buying and the selling that goes on there, you have entered a realm which can’t be thought of as a market, not even a digital one [...] indeed every building, belong[s] to a chap called Jeff. He may not own the factories that produce the stuff sold in his shops but he owns an algorithm that takes a cut for each sale and he gets to decide what can be sold and what cannot. [...] Jeff owns more than the shops and the public buildings [...] everything you see (and don’t see) is regulated by Jeff’s algorithm [...] the view provided to us by the algorithm is entirely bespoke, carefully curated according to Jeff’s priorities. Everyone navigating their way around amazon.com – except Jeff – is wandering in algorithmically constructed isolation. This is no market town. It is not even some form of hyper-capitalist digital market. [...] In fact, it’s even worse than a totally monopolised market [...] Jeff’s realm, where everything and everyone is intermediated not by the disinterested invisible hand of the market but by an algorithm that works for Jeff’s bottom line [...]"183

Es entsteht ein Gott, der im Abo gekauft werden kann. Mach dir kein Bildnis. Und auch bloß keine lokale Kopie! Durch die Manipulation unserer user behavior jahrelang antrainierte Verhaltensmuster können, aufgrund des gefühlten Mangels an Alternativen, bis an das Existenzminimum heran kommerzialisiert werden. Kein Wunder, dass sich nichts mehr echt anfühlt. Es ist es nicht. Aus einer App zum Teilen von persönlichen Momenten mit einer Handvoll Freund*innen ist ein Direktportal in den KI-generierten sechsten Kreis der Hölle geworden. Wir daten auf Hinge, hinterfragen auf Google, informieren uns in Feeds, schreien unsere innersten Bedürfnisse der Suchzeile, dem Pinterest Board oder dem Amazon Warenkorb entgegen.


Das menschliche Bedürfnis, auf einen Bildschirm zu starren, ist ein Produkt. Das wertvollste und artifiziellste jemals. Der Drang, einen Feed zu scrollen, ist kein Urinstinkt, sondern durch Trilliarden Investments antrainiert worden. Wen wir sehen, was wir lesen, wie wir die Welt wahrnehmen, wird zentral bestimmt. Mit einem einzigen Leitstern: Profitinteresse!

Das ist also das eigentliche Produkt. Nicht die AGI. Sondern der shareholder value und das durch ihn entstehende Monopol auf Deutungshoheit. Aber wenn wir die AGI einmal abstrakt als Gott bezeichnen und Gott als eine übermenschliche, rechtfertigende Instanz definieren, dann produziert dieser Komplex tatsächlich einen Gott.


Die Gottfabrik

Die Israel Defense Forces, kurz IDF, verwenden zur Gaza Entmilitarisierungs und Neutralisierungs Offensive Zwecks Internationaler Dominanz, kurz zum GENOZID, ein KI-Zielsystem namens Lavender. Dieses errechnet anhand von diversen, nicht weiter offen gelegten Faktoren die Militanz aller in der Zielregion befindlichen Personen - von Mitgliedern der IDF salopp auch "Hamas Faktor" genannt. Anhand von zwei frei skalierbaren Schwellenwerten werden diese Personen dann in Zivilist*innen, Junior- und Senior-Targets eingeteilt. Junior und Senior-Targets unterscheiden sich vor allem in der Menge an akzeptierten, zivilen Opfern. Während zur Eliminierung eines Junior-Targets bis zu 15 Zivilist*innen umkommen dürfen, kann ein Senior-Target schon mal mehrere 100 unbeteiligte Personen mit in den Tod reißen. Auch der verwendete Munitionstyp unterscheidet sich: für die weitaus zahlreicheren Junior Targets werden günstigere, weniger präzise Bomben verwendet und diese werden nur anhand von Triangulationsdaten verschossen (also mit einer unpräziseren Ortungsmethode).

Ein Prozess, der selbstverständlich weitere zivile Opfer in Kauf nimmt20. Diese Werte sind frei wählbar - es wäre durchaus möglich, Junior-Targets nur mit 0 zivilen Opfern zum Ziel zu erklären und Senior-Targets mit maximal einem. Aber Lavender dient nicht zur Errechnung von minimalen, zivilen Verlusten. Lavender dient primär als eine Zielproduktion, um den aus der Rüstungsindustrie anfallenden Überschuss an Lenkmunition abzuschöpfen.

Wenn es noch 100 Bomben gibt, dann kann Lavender auch 100 Ziele produzieren. Wenn es noch 1000 Bomben gibt, dann kann Lavender auch noch 1000 Ziele produzieren. Alles, was es dazu braucht, ist ein niedrigerer, persönlicher Militanz-Schwellwert, um ein Junior-Target zu werden.184

Wenn eine fortschrittliche, intelligente Zielerfassungssoftware trotzdem mit einem Kollateralschadens-Verhältnis von 1 zu 100 betrieben wird - und das spiegelt sich in den Hochrechnungen diverser NGO's wider, die aktuell von einer Civilian-Death-Rate von 97 % ausgehen184 - könnte man sich fragen wozu der ganze Aufwand? Anstatt die 2 Millionen Einwohner*innen des Gaza-Streifens in einem jahrelangen Prozess durch das sukzessive Senken des Militanz-Schwellwertes nach und nach erst zu Zielen und dann zu Casualties zu erklären, könnte man auch einfach einmal den gesamten Gaza-Streifen wegbomben. Das Ergebnis wäre dasselbe - alle tot. Allerdings wird es sehr schwer, einen solchen willkürlichen Angriff international zu rechtfertigen. Sich stattdessen auf ein fortschrittliches, intelligentes Zielsystem zu berufen, wirkt weitaus fortschrittlicher, humaner, sauberer.

20 Der Wert von 15 zivilen Opfern betrifft ja lediglich die mit einberechneten Opfer. Wenn eine solche Bombe ihr Ziel gar nicht trifft, sondern stattdessen ein ganz anderes, dann sind das ja keine zivilen Opfer, die im Prozess des Ausschaltens eines militärisch relevanten Ziels entstanden sind - das militärische Ziel ist ja noch gar nicht ausgeschaltet worden.



Abb. 2.3 Der Lockheed AC-130, von Fans gerne wegen der Form seiner Flares als "Angel of Death" bezeichnet (Bezug zu Azrael, in Islamischer and Jüdischer Tradition der Engel, der für die Trennung der Seele vom Körper zuständig ist)


Ein System, das niemand versteht, produziert willkürliche Leben-Tod-Entscheidungen, die niemand hinterfragt, die ausführende Macht kommt aus dem Himmel, aus dem Nichts und scheint von eben jenem System gerechtfertigt. Das ist im weitesten Sinne göttliche Gewalt in der Hand von Gottes ausgewähltem Volk, um den Gottesstaat des falschen Gottes zu vernichten. Und die vom IDF zum GENOZID eingesetzte KI ist damit nichts anderes als eine Rechtfertigungsmaschine, die verschleiern soll, dass sich hier immer noch Menschen entscheiden, andere Menschen zu töten - nur eben mit noch fortschrittlicheren Waffen. Das ist keine künstliche Intelligenz. Das ist statistische Tötungsautomation.

Es findet eine Umkehr des Angebot und Nachfrage Prinzips der freien Marktwirtschaft statt. Das Angebot sind die Sprengköpfe (im weitesten Sinne Produkte der Rüstungsindustrie). Die Produktion von Waffen muss durch ausreichend Nachfrage gedeckt sein. Die Nachfrage sind die legitimierten Ziele. Praktischerweise können auch diese produziert werden. Ein planwirtschaftlicher Genozid. Diese Systeme tragen Namen, die an hippe, junge Start-ups erinnern und die dahinter stehende militärische, willkürliche, aber legitimierte Gewalt zusätzlich verschleiern. Namen, die auch Rückschlüsse auf die absolute Verachtung gegenüber dem Leben der Menschen innerhalb der Datenbank zulassen. Dessen Daten übrigens mithilfe eines weiteren hippen und vielsagend benannten Start-ups verarbeitet werden: Palantir184


Lavender Die Datenbank; aus der Bibel, die Quelle der heiligen Essenz, heimische Pflanze, die durch Siedlungen verdrängt wurde, lat. "lavare", bedeutet "waschen", "wegwaschen", "reinwaschen"185

The Gospel Die Zielproduktion; der kirchliche Gesang der Rechtschaffenden

Where's daddy Die Zielverfolgung; genutzt, um (häufig männliche) Ziele in ihren Eigenheimen zu treffen (und dadurch ihre Familien in den akzeptierten Kollateralschäden zu verrechnen). Umgangssprachlicher Name diverser Kinderspiele, die Eltern mit ihren Kindern spielen185. Involviert das Zuhalten der Augen (wie auch im Falle eines Bombardements zum Schutz) und die spielerische Andeutung, die Vaterfigur sei verschwunden. Erzeugt das beruhigende Gefühl, dass Eltern nie wirklich verschwinden, sondern beim Entfernen der Hände von den Augen sofort wieder da sind (außer, sie wurden gerade weggebombt). Phonetische Ähnlichkeit zu "Here's Johnny!", der Catch-Phrase des psychopathischen Mörders (und Familienvaters) aus The Shining.

Palantir All-sehende Kristallbälle aus den Herr der Ringe Büchern von J.R.R. Tolkien (geschrieben unter anderem um die persönlichen Erfahrungen als Soldat im 1. Weltkrieg zu verarbeiten)186 Interessanterweise dient das Volk der Hobbits den italienischen Neo-Faschist*innen unter Giorgia Meloni als ideelles Vorbild187.


Diese Vorgehensweise ist nicht neu. Der Gazastreifen wurde "total verdatet"184, Ziele werden mithilfe von Algorithmen "produziert"184, Legitimation wird "systematisch automatisiert"184. Hinrichtungen erfolgen anhand von Metadaten184. Der Holocaust wird allgemein hin als schlimmstes Verbrechen gegen die Menschheit in ihrer gesamten Historie betrachtet. Der Grund dafür ist nicht unbedingt die Brutalität oder Anzahl von Opfern. Vor allem der extrem industrialisierte und datenlastige Tötungsprozess, der die Opfer zusätzlich von den Tätern entfremdete, ist historisch betrachtet einmalig188.

Mühlhoff beleuchtet die Rolle, die explizit Technologie-Konzerne (nicht nur unspezifisch Technologie als Werkzeug) im Holocaust gespielt haben: "Ein aufschlussreiches Beispiel bietet die Rolle des US-Konzerns IBM im Verwaltungs- und Vernichtungsapparat der Nazis. IBM war in den 1930er Jahren weltweit führend mit ihrer als »Hollerith« bekannt gewordenen Lochkartentechnologie. Es handelte sich dabei um eine Art elektromechanische Computertechnologie, die dazu eingesetzt werden konnte, verhältnismäßig große Datenmengen automatisiert zu erfassen, zu sortieren und zu verwalten. Diese Technologie wurde nun von den Nazis systematisch angeschafft und spielte eine entscheidende Rolle bei der systematischen Erfassung von Menschen durch das NS-Regime."189 Und weiter "IBM-Lochkarten wurden daraufhin in ganz Europa zum Standard industrieller Logistik und gleichzeitig im Nationalsozialismus zur Organisation von Verfolgung, Zwangsarbeit und Massenmord eingesetzt. IBM war immer dann zur Stelle, wenn es darum ging, passgenaue Maschinen und Dienstleistungen zu entwickeln, die das Nazi-Regime »aus politischen Gründen« (so hieß es in der internen Kommunikation) benötigte."190 Sowie "Tabellier- und Sortiermaschinen kamen in jedem KZ zum Einsatz, um Menschen automatisiert nach zahlreichen Merkmalen zu kategorisieren und in der Folge über ihr weiteres Schicksal zu entscheiden. Ohne diese Technik hätte die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie nicht in diesem Ausmaß operieren können. Schon der historische Faschismus eignete sich neueste Datenverarbeitungstechnologie also als Machtinstrument an. »Sowohl die [italienischen] Faschisten als auch die Nazis verehrten die Technologie«, schreibt Umberto Eco."191

Unterdrückungseffizienz, Verantwortungsdiffusion und Legitimationsautomation sind die eigentlichen Produkte des Komplex - der shareholder value ist ein zweckdienliches Nebenprodukt. Damit setzt der KI Boom ein bereits lang voranschreitendes Muster fort. Unterbezahlte Call Center Agents können leider auch nichts machen, "don't kill the messenger", ausgebeutete Arbeitskräfte in Dritt-Welt-Ländern wollen auch nur ihre Familie ernähren, "hate the game not the player", verwehrte Privatkredite aufgrund von undurchsichtigen Schufa-Einträgen, "computer says no".

Ein Großteil der aktiv an KI forschen Staaten ist entweder demokratisch, parlamentarisch oder zumindest nicht-diktatorisch organisiert (in China liegt die Macht zwar bei einer einzelnen Entität, aber diese besteht zumindest aus mehreren Individuen, es gibt hier aber zumindest eine zentrale Ideologie). Trotzdem wird allgemein hin auf eine Singularität hingearbeitet - also eine und eine alleinstehende Instanz. Wir glauben also so lange an Gewaltenteilung, bis es wirtschaftlicher ist, diese zu ignorieren. Rainer Mühlhoff schreibt: "Oft wird KI im Singular mit bestimmtem Artikel gebraucht - die künstliche Intelligenz hat etwas gesagt, geantwortet oder kann für die Lösung eines Problems gewissermaßen angerufen werden"192

Das daraus resultierende one-to-many network erinnert stark an monotheistische Religionen (die interessanterweise zu den dominanten Religionen in den demokratisch organisierten Staaten gehören193). Eine einzelne Entität hat die Deutungshoheit und Wirkmacht über jeden Bereich, und jede Person wendet sich an die selbe, singuläre Entität. Gott eben. Aber während sich die Götter im griechischen Olymp noch gegenseitig in Schach halten konnten und die Gottheiten in anderen polytheistischen Religionen noch eigene Aufgabengebiete hatten (und damit nicht unbedingt universelle Macht), wird der Gott, den wir aktuell versuchen, zu erzeugen, unangefochten, allmächtig und unwiderstehbar sein. Eine imperiale und faschistische21 Entität, auf den Thron gehoben von vermeintlich demokratischen Akteuren. Als Legitimationsmechanismus wie einst das himmlische Mandat22


21 "Der [italienische] Faschismus zeichnete sich aus durch ein autoritäres, Demokratie ablehnendes und auf einen Führer („Duce“) zentriertes Regierungssystem [...]"194 besonders den Fokus auf einen Führer und seine autoritäre, also wahrheitsbestimmende Macht halte ich hierbei für extrem wichtig.

22 "In China, the Mandate of Heaven explained why a particular dynasty (extended family) held power [...] This philosophy asserted that Heaven granted the right to rule to a particular man and his male heirs. “Heaven” meant the natural order and force for moral good in the universe, not a spiritual place or a personified deity."195

Abb. 2.4


Die von Rainer Mühlhoff angeführten 3 Hauptaspekte des neuen Faschismus aus seiner Perspektive sind: "durch eine grundlegende Ablehnung von Streitkultur, Kritik und demokratischen Prinzipien inklusive der Ideale der Aufklärung wie etwa Gleichheit, Freiheit und geteilter Wohlstand" sowie "durch eine persönliche Disposition zur Ausübung menschenverachtender Gewalt und Herabwürdigung anderer Menschen, die einem auf Dauer gestellten Gefühl entspringt, es herrsche immer und unausweichlich ein sozialer Kampf der Konkurrenz und Selbstbehauptung" und weiter "durch positive Verklärung und instrumentelle Aneignung moderner Technologie als Machtinstrument, in der sich das Bedürfnis widerspiegelt, sich selbst und andere zu entmenschlichen."196Faschismus als Konzept ist nicht eindeutig definiert, es gibt lediglich eine Handvoll Merkmale aus historischen Beispielen197:

"glorification of violence"197
KI als militärischer Verantwortungsdiffusor und cleane Kriegswaffe. Gewalt nicht nur im physischen, sondern auch in der Sprache. KI als einzig richtige Zukunft, in die gewaltvoll gezwungen wird. Normalisierung der violation of privacy und violation of copyright. KI als Werkzeug der Rechtschaffenden und als himmlisches Mandat.

"anti communicst, anti socialist, anti liberal"197
KI als neoliberale Zukunftsutopie. KI als Werkzeug zur Zementierung der Machtpositionen, als Zensur-Werkzeug und als class divide. KI als zentrale Instanz der Macht- und Reichtumsverteilung.

"promise of rebirth"197
KI als neues Paradigma in der Selbst-Evolution der Menschheit. KI und Fortschritt als Teil von Longterminismus und Transhumanismus. KI als Religionsersatz.

"one charismatic leader"197
KI als ein Produkt, eine zentrale Instanz, verkauft durch Konzerne, die durch ihre wirtschaftlichen Verstrickungen ineinander ein Quasi-Monopol darstellen. KI als ja-sagende Assistenz Persona. KI ist quirky und schreibt witzige, schnippische Antworten voller Emojis.

"support of the mainstream elites"197
KI als ein für Fortschritt stehendes Werkzeug, unkritisch subventioniert, wenn nicht sogar ideologischer Teil des neuen Systemkampfes ähnlich dem Kalten Krieg bzw. Space-Race. Mühlhoff: "Wenn wir die AGI entwickeln, dann wird alles wie in der Utopie, wenn es die anderen zuerst schaffen, dann kommt die Apokalypse"198

"dismantle democracy from within"197
KI als Werkzeug der Wahlmanipulation und Informationszentralisierung. KI als intransparenter und dadurch unanfechtbarer und diskriminierender Entscheidungsträger.

"demands total submission to the state"197
KI als Monopol der Deutungshoheit und Legitimationsautomatisierung.


Künstliche Intelligenz selbst ist nicht der neue Faschismus. Sie ist ein extrem potentes Werkzeug in Prozessen der faschistischen Machtergreifung. Denn Automatisierung ist effektiv, wenn es um die Kontrolle der Vielen durch die Wenigen geht. Interessanterweise wächst diese zentralisierende und unkritische Natur der KI in zwei Richtungen. Als Werkzeug der zentralisierten Meinungsbildung und Informationsmonopol durch Führungseliten. Und als persönliche echo chamber. In einem Interview aus 2025 sagt Mark Zuckerberg: "The average American has fewer then 3 friends [...] and the average person has demand for [...] 15 friends"199

Wenn KI 80 % der zwischenmenschlichen Kontakte ersetzt, entsteht eine digitale echo chamber, die den bekannten Effekt, dass Internetnutzer*innen dazu neigen, sich in ihrer eigenen Meinung noch weiter bestätigen zu lassen, nur noch verstärkt200. Denn KI wird (vor allem aufgrund des wirtschaftlichen Interesses) trainiert, um zu bestätigen, einen Effekt, der sich AI sycophancy nennt201 - ein sog. dark pattern, also ein bewusst konstruiertes Verhalten, dessen Funktionsweise nicht öffentlich gemacht wird202. Auch das vor allem aus wirtschaftlichen Interessen202.


Abb. 2.5 "[...] users online tend to prefer information adhering to their worldviews, ignore dissenting information, and form polarized groups around shared narratives."200


KI kann also als ein Werkzeug zur Produktion des Klassenunterschieds betrachtet werden. Mühlhoff schreibt: "KI ist also einerseits ein soziotechnisches Phänomen (wir alle sind Teil der Apparate) und beruht zugleich auf einer massiven Konzentration von Macht bei wenigen Tech-Konzernen, die exklusiven Informationszugriff auf uns haben."203 Es verschafft denjenigen zusätzlich Vorteil, die bereits Machtpositionen innehaben, legitimiert und stärkt ihre gesellschaftliche Stellung. Es macht sie unantastbar als gleichzeitige Besitzer der (vermeintlichen) Faktengrundlage und als provider des gesellschaftlichen Fortschritts.

Auf der anderen Seite werden diejenigen, deren Arbeitskraft bereits marxistisch ausgebeutet wird, nun auch noch zusätzlich ihrer Datenkraft beraubt. Durch einen selbstreferenziellen, positive feedback loop in einer Art Stasis gehalten und durch das schrittweise Ersetzen von zwischenmenschlichem Kontakt durch (zentral gesteuerte) KI-Instanzen an klasseninterner Selbstorganisation gehindert. Yanis Varoufakis beschreibt diese verwundbare Gruppe in seinem Buch Technofeudalism so: "Cloud proles – my term for waged workers driven to their physical limits by cloud-based algorithms – suffer at work in ways that would be instantly recognised by whole generations of earlier proletarians."204

Cory Doctorow geht noch weiter, und beschreibt wie Uber-Fahrer*innen vom Algorithmus der App systematisch ausgebeutet werden: "the forums frequented by Uber drivers are full of posts from drivers who are certain that they are “good at Uber,” who boast of the giant salaries they bring home from driving. Dubal’s ethnographic work includes heartbreaking interviews with drivers who drive until they can’t keep their eyes open, sleep in their cars, get back on the road—and then blame themselves for the pittances they take home. They don’t understand that their indiscriminate desire to please the algorithm by taking every ride that comes their way is actually signaling that they are easy pickings and can be enticed into driving for sub-starvation wages. Tech leaders point to this stuff and call it innovation. It’s more accurate to call it obfuscation."205 und weiter in Bezug auf Amazon: "This is why the roads leading to Amazon depots are littered with sealed bottles of human urine. There is no way for drivers to meet quota and keep their jobs if they’re stopping to pee, so, caught between a kidney stone and a hard place, they pee in bottles in the van, tightly screwing on the lids afterward (something you don’t forget to do twice). Amazon doesn’t like the bad press this generates, so it has ordered DSP operators to search returning vans for pee bottles, with punishments for drivers caught with evidence of having indulged the inescapable human need to eliminate their bodies’ waste, forcing the drivers to huck them out the window on the way back to the depot."206 und beschreibt diese Abhängigkeit weiter als: "a system of total control over workers who have to borrow money to pay you for the privilege of working for you, and to whom you owe nothing. Those workers rely on you for everything, and they know that you can ruin their lives at the stroke of a pen and that, if you do, they have no recourse."207


Abb. 2.6 Palazzo Braschi in Rom, der ehemalige Sitz von Mussolinis Partei

Abb. 2.7 Sog. AI sycophancy, also das konstante "Ja" sagen selbst zu fragwürdigen Aussagen208

Mühlhoff schreibt: ""KI ist [...] eine Technologie zur Ansammlung, Sicherung und Ausübung von Macht und Kontrolle. Ohne staatliche Regulierung eignet sich diese Machttechnologie ideal für autoritäre oder gar faschistische Zwecke."209 und weiter "Für solche Zwecke ist bereits die heutige KI-Technologie nicht nur besonders geeignet, sondern in privatwirtschaftlichen Anwendungen wie Risikoscoring und prädiktiver Analytik dezidiert entwickelt worden." 210

Um das eigentliche Ziel zu erreichen, muss die AGI weder tatsächlich intelligent sein, noch 100 Milliarden Euro in Gewinn erwirtschaften. Sie muss lediglich ausreichen, um die Welt endlich in ein echtes Zwei-Klassen-System mit getrennten Wirtschaften und Rechtsprechungen aufzuteilen.

Und dafür reicht sie schon heute aus.











AGI achieved.



Warum wir froh sein können, dass die KI aktuell nur Kriegsverbrechen legitimiert:
Flatpack Skynet
Seite 107

Warum eine total verdatete Welt auch für nicht direkt von automatisiertem Genozid bedrohten Menschen gefährlich ist:
you lost the game
Seite 51

Das Leid der Welt lässt dich die Existenz eines Gottes, vielleicht sogar der Realität selbst hinterfragen?
layer zero
Seite 1


Du hast alle anderen Kapitel schon gelesen?
Dann wird es endlich Zeit für:
Technogott
Seite 201



Technogott

Technologie hat sich entwickelt, sie hat sich noch nicht in ihrem Grundcharakter verändert, sie ist transformativ, sie ist nicht transzendent. Ein MacBook Air mit M4 Prozessor ist ein Dell Laptop mit Windows 93, ist eine Schreibmaschine mit virtuellem Papier, in der gleichzeitig auch alle anderen Arbeitswerkzeuge auf dem Schreibtisch eingebettet sind, ist ein Blatt und ein Stift. Ein OLED-Bildschirm mit Full-HD-Auflösung und Touch ist eine Fortsetzung der Camera Obscura. Ein (eben nur fast) selbstfahrendes E-Auto ist ein dieselbetriebener Lada, ist eine (eben auch fast selbstfahrende) Pferdekutsche. Die Straßen sind geteert und groß, aber es sind Straßen, sie bestimmen (leider) immer noch unseren Städtebau und sind (leider) immer noch unser primäres Fortbewegungsmittel. Das Internet ist ein Netzwerk, schneller, weitreichender und umfassender als jedes Netzwerk vorher. Aber auch das erste Telefon mit Landleitung, Morseleitungen, die globale Post und Wachtürme mit Signalfeuern sind Netzwerke. Nur langsamere, unzuverlässigere Netzwerke, aber es sind Netzwerke. Automatisierungsprozesse rationalisieren menschliche Arbeit, verlagern sie aber nur an andere Stellen. Seit dem Beginn der Industrialisierung 1760 (und damit der Automatisierung) hat sich die Weltbevölkerung verzehnfacht, 300 Jahre später gehen wir alle immer noch ein Großteil unserer Lebenszeit zur Arbeit. Durch die Automatisierung hat sich also nicht die benötigte Menge an menschlicher Arbeit verringert, sondern lediglich die Menge an Menschen, die von dieser Arbeit versorgt werden können, vergrößert. Jeder erzeugte Mehrwert wird abgeschöpft.

Es gibt keinen Grund für transzendente Technologie. Transformative Technologie reicht aus, um diejenigen, die durch sie Macht verliehen bekommen, unendlich reich werden zu lassen. Solange das der Fall ist, gibt es keinen Anlass, eine transzendente Technologie zu entwickeln - zu hoch ist das Risiko, dass sie auch unser Gesellschaftsgefüge transzendiert und sich die Arbeiter*innen von ihren Ketten befreien.


So lange transformativer Fortschritt weiterhin mehr abschöpfbaren Mehrwert produziert, wird es keine Transzendenz geben. Sie ist nicht wirtschaftlich.

Es wird eine Art Fortschrittsdilemma sichtbar. Technologie entsteht durch Fortschritt. Fortschritt ist möglich durch Forschung und Wissenschaft, beides benötigt ein liberales Klima des freien Diskurses und der Kritik. Freie Meinungsäußerung und kritische Perspektiven sind seit jeher die Erzfeinde von faschistischen und imperialistischen Machtstrukturen3. Gleichzeitig sind der Faschismus, durch seine Zentralisierung, und der Imperialismus, durch seinen expansiven Drang, auf Technologie angewiesen. Eine Ambivalenz, die zumindest im Faschismus durch eine rein utilitaristische, also zweckgebundene, Beziehung zu Technologie sichtbar wird2. Eine bestimmte, vergangene Zeit der Gesellschaft und die mit ihr verbundenen technologischen Errungenschaften werden als optimal definiert. Ziel ist es, den Fortschritt bis hierhin zu nutzen, um den Fortschritt ab jetzt anzuhalten. Der Idealzustand soll (wieder) erreicht und dann für immer festgehalten werden1.


3 Mühlhoff: "Der italienische Philosoph Umberto Eco (1932–2016) erläutert [...], dass Faschisten »die Aufklärung und das Zeitalter der Vernunft als Beginn der modernen Verderbnis« verstünden und ihre Errungenschaften quasi rückabwickeln wollen. Faschisten schon immer von einer Furcht vor Dissens und Differenz getrieben gewesen seien. Der von den Faschisten verhasste »kritische Geist« der Moderne beruht, so Eco, darauf, zu differenzieren und zu unterscheiden – für die moderne Wissenschaft liegt genau darin der Weg zur Erkenntnis."211

1 Mühlhoff: "Das ist die auf die Philosophen Max Horkheimer (1895–1973) und Theodor W. Adorno (1903–1969) zurückgehende Beobachtung, dass Prozesse der gesellschaftlichen Aufklärung [...] aufgrund ihrer inneren Logik mittelfristig in neue Formen von Herrschaft und Barbarei umschlagen."212

2 Mühlhoff: "Dieses überschwängliche, doch rein instrumentelle Verhältnis der Faschisten zur Technologie ist aufgrund der antiaufklärerischen Ressentiments dieser Bewegung notwendigerweise ambivalent. Es unterliegt dem offensichtlichen Widerspruch zwischen einer Abhängigkeit von technologischen Errungenschaften und Antiintellektualismus. Die Faschisten schätzen Technologie als reines Machtinstrument, ohne die intellektuelle Kultur zu respektieren, in der technologische Innovation gedeiht und hervorgebracht wird."213

Die ultraliberalen Positionen, vor allem aus dem Silicon Valley, stehen dazu teilweise im Widerspruch, obwohl sie ähnlich zentralistische und faschistische Tendenzen aufweisen. Fortschritt ist Pflicht, er ist deterministisch und unaufhaltbar. Mühlhoff schreibt: "Unhinterfragt bleibt dabei u. a. die implizite Annahme eines technologischen Determinismus, entsprechend dem es außer Frage steht, dass es zu dieser Entwicklung einer sich ständig steigernden Leistungsfähigkeit von KI bis hin zur Superintelligenz kommen werde. Eine solche Entwicklung wird quasi als eine Naturkraft betrachtet, die sich nicht aufhalten lässt."214 Während der Akzelerationalismus diesem Fortschritt noch eine Art Endzeit des Kapitalismus abgewinnen kann (in Form von steter Beschleunigung bis zum unabdingbaren Ende des Systems), gehen Positionen wie der Longterminismus und Transhumanismus viel weiter. Sie sehen Fortschritt als (selbst)evolutionäre Konsequenz und Möglichkeit zur glorreichen Zukunft der Menschheit - selbstverständlich aided by technology und in den Händen der Wenigen. Mühlhoff schreibt: "Ein neuer Faschismus im 21. Jahrhundert muss nicht so aussehen wie bei den Nazis – doch zu viele Menschen stellen sich das heute genauso vor."215 und weiter: "Dieser neue Faschismus sieht in vielen Hinsichten nicht exakt so aus wie seine historischen Vorbilder – doch gerade deshalb müssen die Kräfte, die ihn antreiben, frühzeitig als faschistisch erkannt werden."216 sowie: "Faschismus ist eine zerstörerische Kraft, die auf der Bereitschaft dazu beruht, die für seine destruktiven politischen Ziele nötige Macht und Gewalt mit technologischen und logistischen Mitteln zu erreichen – und die Technologie dafür förmlich zu verehren. Im vorliegenden Fall ist diese Technologieverehrung gehüllt in einen als Solutionismus (von engl. solution für ›Lösung‹) bezeichneten Glauben an die Überlegenheit von Technologie als Instrument, um gesellschaftliche Probleme zu lösen." 217 Hier geben sich der historische Faschismus und die modernen, faschistoiden Phänomene die Hand. Der Glaube an eine, eine richtige, eine zentralisierte Zukunft der Menschheit, als einzig Richtige1.

1 Vergleiche Mühlhoff: "Auf diese Weise können wir dem technologischen Determinismus in seinen verschiedenen Versionen entgegentreten, der uns weismachen möchte, es gebe nur eine, und zwar eine unvermeidliche und großartige, Zukunft – oder andernfalls die Apokalypse. Keine Technologie führt automatisch zu einer besseren Zukunft."218


Krieg, Genozid, Massenüberwachung und Volksunterdrückung sind unbeschreibliche Verbrechen gegen die Menschheit - und vor allem anderen eben auch organisatorische Probleme. An dieser Stelle betritt KI als optimal geeignetes Werkzeug die Bühne, da sie sehr gut dazu geeignet ist, große Datenmengen zu verarbeiten und dabei eine Ideologie zu vertreten. Das faschistische Prinzip der Herrschaft durch Stärke in Abwesenheit von Dissens, Kritik und Konsens ist extrem binär, es gibt das Richtige und das Falsche und nichts dazwischen. Ein Computer denkt also bereits faschistisch. Und die Vorstellung, dass ein Computer immer richtig liegt, basiert auf der irrigen Annahme, dass ein Computer Moralvorstellungen hat. Ein Computer liegt logisch immer richtig. Aber ein Computer ist auch von den Eingaben abhängig, die er logisch verarbeiten soll. Und kann durch seine deterministische Natur leicht unmoralische Eingaben nachträglich legitimieren. Immer wenn es um die Kontrolle der Vielen durch die Wenigen geht, ist Automatisierung ein sehr geeignetes Hilfsmittel - sie macht effizient, ohne zu hinterfragen. Ein Computer ist immer systemtreu. Rainer Mühlhoff schreibt: "Hierbei geht es nicht darum, einen deterministischen Zusammenhang zu behaupten, nach dem KI-Technologie zwangsläufig zu einem technokratischen Staatswesen oder gar Faschismus führt. Es geht vielmehr darum, aufzuzeigen, dass bestimmte technologische Logiken mit autoritären, menschenverachtenden und antidemokratischen Ideologien besonders kompatibel sind."219

Die Gefahr, die ich und viele andere in KI sehen, ist nicht die Angst vor der starken, rekursiv immer stärker werdenden künstlichen Intelligenz, welche die Vernichtung der Menschheit als Kollateralschaden und logische Konsequenz betrachtet. Ich habe keine Angst vor Skynet. Mich besorgt bereits eine schwache KI als Werkzeug für Faschismus und Unterdrückung. Ich habe Angst vor Menschen mit universeller, automatisierter und legitimierter Macht.

Eine weitere Gefahr, die ich sehe, ist, dass die Angst vor der starken KI die Beschäftigung mit tatsächlich akuten Problemen verhindert. Besonders dann, wenn es um ideologisch geprägte Fragen wie: "Wer darf starke KI entwickeln und besitzen" geht, Fragen von Machtlegitimität und Reichtumsverteilung werden bei der Entwicklung von KI gekonnt übersehen. Es geht um das wann, nicht das wie. Angeblich aufgrund eines (nicht wirklich existenten) Wettrennens gegen den ideologischen und wirtschaftlichen Feind. Wenn die starke KI da ist, werden sich solche Probleme schon von selbst lösen, oder wie Mühlhoff schreibt: "Auch an dieser Stelle zeigt sich eine problematische Verschiebung des Diskurses: Die gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen der KI von heute werden zugunsten abstrakter Zukunftsnarrative heruntergespielt."220 Und weiter: "Dieser Reflex, technische Lösungen für gesellschaftliche Missstände zu bevorzugen, folgt einem Muster, das der Medienwissenschaftler Evgeny Morozov 2013 als »Solutionismus« bezeichnet hat. Solutionismus beschreibt eine Ideologie, die komplexe gesellschaftliche Probleme auf rein technische Herausforderungen reduziert und deren Lösung in der Entwicklung smarter, digitaler Technologien sucht – oft ohne dabei die politischen, sozialen und ethischen Dimensionen der Probleme zu berücksichtigen."221 Sowie: "Gerade weil diese realen Anwendungen von KI-Technologie so wenig futuristisch wirken, fallen sie durch das Aufmerksamkeitsraster politischer und ethischer Debatten. Selbst Diskurse, die sich als moralisch engagiert und verantwortungsbewusst verstehen, wie etwa die »AI Safety«-Debatten, konzentrieren sich vor allem auf hypothetische Bedrohungen durch zukünftige AGI. Sie ignorieren dabei die massiven Probleme, die KI-Anwendungen bereits heute verursachen, sei es strukturelle Diskriminierung, Verstärkung sozialer Ungleichheit, Ausbau globaler Überwachung, Aushöhlung der Privatsphäre, algorithmische Verzerrung demokratischer Öffentlichkeiten und manipulative Eingriffe in politische Prozesse der Meinungsbildung."222

Die Beschäftigung mit Fragestellungen um die starke KI hat auch eine Art Werbungseffekt und positioniert KI als zentrale, gesellschaftliche Problemstellung des 21. Jahrhunderts. Dabei ist weder klar, ob wir eine starke KI mit aktuellen Mitteln erreichen können (ein Großteil der Expert*innen sagt Nein btw223) noch, ob diese starke KI dann auch tatsächlich zu den imaginierten Problemen führen wird. Aus der Perspektive vieler Anhänger des Singularitarismus wird sich das Post-AGI Zeitalter so massiv von unserer aktuellen Epoche unterscheiden, dass jede theoretische Auseinandersetzung damit eh hinfällig ist224. Ein viel akuteres und weitaus besser erforschtes Problem ist der Klimawandel.

Wie Mühlhoff schreibt: "Im Gegensatz zu der immer noch höchst spekulativen Zukunftsprojektion einer AGI ist das Risiko einer bevorstehenden Klimakatastrophe wissenschaftlich sehr gut erforscht und gilt als wahrscheinlich."225 Mit der Angst vor der Klimakrise lässt sich nur leider kein Geld verdienen. Yanis Varoufakis beschreibt diese Problematik in Technofeudalism so: "The problem with this storyline is that, by emphasising a non-existent threat, it leaves us exposed to a very real danger. Machines, like Alexa, or even impressive AI chatboxes, like ChatGPT, are nowhere near the feared singularity. They can pretend to be sentient but are not – and, arguably, can never be. But even if they are themselves stupider than a wet tea towel, their effect can be devastating, their power over us exorbitant. After all, today, for relatively modest sums one can buy killing machines programmed with face recognition and ‘self-teaching’ capabilities that render them effectively autonomous (by contrast with, say, drones that must be remotely piloted by humans). If these can fly autonomously through a building, choosing whom to kill and whom to spare, who cares that they are not sentient?"226

Mühlhoff schreibt weiter: "Und wir sollten uns bei alledem auch nicht zu sehr auf die Zukunft (insbesondere: auf die sehr ferne Zukunft) versteifen. KI ist jetzt schon da und hat reale Auswirkungen auf Menschen weltweit: soziale Ungleichheit, Manipulierbarkeit, Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen, Erosion der Privatsphäre, Erosion der demokratischen Öffentlichkeiten, massive Akkumulation von Macht und Kapital bei wenigen Akteuren."227

Die aktuell verfügbare Stärke an KI sollte uns bereits Angst machen und ist bereits stark genug, um unsere Gesellschaft nachhaltig zu erodieren. Besonders dann, wenn sie aufgrund von gefühltem Fortschrittszwang auf staatlicher Ebene von uninformierten Politker*innen eingefordert und von unqualifiziertem Personal implementiert wird. Ich möchte nicht missverstanden werden: Ich sehe in Deutschland einen massiven Mangel bei der Digitalisierung. Sowohl in Quantität als auch in Qualität. Es gibt aber einen Unterschied zwischen sinnvoller Automatisierung, die das Leben der Bürger*innen vereinfacht, und blinder Wegrationalisierung, die staatliche Willkür vereinfacht. Mühlhoff schreibt: "Das Risiko, dass mit der Implementierung von KI in großen Teilen der Verwaltung eine Schwächung des Rechtsstaats einhergeht, ist erheblich."228 Und weiter "Kolonialismus, Kapitalismus oder Machtakkumulation gelten als zu komplex oder als zu schwer quantifizierbar und werden zugunsten kurzfristig skalierbarer Lösungen vernachlässigt."229

Wenn ich schon Freiheiten an den Staat abtrete und seine Prozesse durch Steuern finanziere, erwarte ich auch eine Gegenleistung. Dabei ist der Staat als regulierende Instanz verstanden, die durch demokratische und transparente Prozesse zu einem gesellschaftlichen Konsens findet. Mühlhoff schreibt: "Der Staat würde [...] gerne von der Macht der KI-Technologie profitieren, doch kommt ihm gleichzeitig die Aufgabe zu, die durch sie entstehenden Machtimbalancen auszugleichen."230 Eine Nutzung von KI in staatlichen Instanzen ist grundsätzlich möglich, darf aber niemals über der Rolle des Rechtsstaates als Schutzmacht der Schwachen stehen231. Auch die enge Verknüpfung von Privatwirtschaft und Staat, die durch die Natur von KI bedingt ist, stellt einen massiven Interessenkonflikt dar, wie Mühlhoff schreibt: "KI-Technologie, die zur Steigerung der »Effizienz« der Verwaltung eingesetzt wird, kommt realistisch betrachtet immer von privaten Dienstleistern, da KI-Technologie und die dafür benötigte Infrastruktur wesentlich auf privatwirtschaftlichen Errungenschaften beruhen. Wir müssen davon ausgehen, dass es keine KI-basierte Digitalisierung des Staatswesens geben wird, ohne dass Daten in privatwirtschaftliche Hände fließen, wo sie ohne strenge Aufsicht und Regulierung zur systematischen Benachteiligung und Exklusion vulnerabler Bevölkerungsgruppen nicht nur durch den Staat, sondern auch durch die Privatwirtschaft eingesetzt werden können."232

Ich habe KI an vielen Stellen dieser Arbeit als "neue Religion" bezeichnet. Diese enge Verknüpfung von Religion und Staat ist nichts Neues, sondern ein Jahrtausende altes Problem, dem wir vermeintlich im Zuge der Aufklärung entkommen sind. Doch hinter moderner Technologie und ihrer Komplexität verbergen sich altbekannte, religiöse Muster. Dieselben Mechanismen, die einst zu Kriegen im Namen des wahren und guten Gottes geführt haben (was ein Widerspruch!), greifen noch heute. Religion und jede Struktur, die religiöse Formen annimmt, haben nichts an Wirkmacht und Faszination verloren. Dafür greifen sie zu tief in das menschliche Bedürfnis nach Antwort, Sinn und Unsterblichkeit ein. Konzepte wie der Transhumanismus treten anstelle der klassischen Religionen. Mühlhoff schreibt: "Klassische Vorstellungen von Unsterblichkeit, wie sie etwa christliche Traditionen prägten, tauchen in säkularisierter Form wieder auf – etwa als Idee, das menschliche Bewusstsein ›in die Cloud‹ hochzuladen"233 und weiter "Diese Erzählungen entwickeln dabei für ihre Anhänger eine ähnliche emotionale Wucht wie die biblische Vorstellung von Transzendenz, nur dass hier die Technik an die Stelle des Göttlichen tritt"234

Der Angst vor dem Tod durch Technologie entgehen, oder wie Mühlhoff schreibt, dass die: "[...] die techno-utopischen Erzählungen, die in den Ideologien des Transhumanismus und in den populären KI-Narrativen immer wieder beschworen werden, unbewusst ein uraltes religiöses Motiv aufgreifen: Sie reformulieren das Versprechen des ›ewigen Lebens‹ einer kommenden ›Wiederauferstehung‹ in einem Zustand der ›Erlösung‹, in der alle irdischen Beschränkungen und Leiden überwunden sein werden."235 nur hat Technologie einen entscheidenden Vorteil gegenüber klassischer Religion: Es interessiert sich nicht wie gut und richtig du dein Leben lebst, ihr ist es egal wer an sie glaubt, ihr Versprechen ist universell da vermeintlich rational, deterministisch und logisch. Mühlhoff referenziert O’Gieblyn und schreibt weiter: "Auf der Grundlage, dass dieses Versprechen eines zukünftigen Heils- und Erlösungszustands weitgehend unhinterfragt bleibt, bedienen Tech-Ideologien wie Longtermismus und Transhumanismus mystische Sehnsüchte, ohne sich dabei zu ihren eigentlich religiösen Wurzeln bekennen zu müssen. O’Gieblyn erläutert, dass die Erlösungsvorstellung der Tech-Ideologien deshalb so verführerisch sei, »weil sie verspricht, mit wissenschaftlichen Mitteln die transzendenten Hoffnungen wiederherzustellen, die die Wissenschaft selbst auslöschte«, ohne dass diese Erlösung »die dornigen Probleme der göttlichen Gerechtigkeit« am Tage des Jüngsten Gerichts in Kauf nehmen müsse."236 sowie: "Es handele sich hier, so O’Gieblyn, um einen »evolutionären Ansatz für die Eschatologie« – also für die christliche Lehre von den letzten Dingen, wie dem Ende der Welt, dem Jüngsten Gericht und dem ewigen Leben." 237

Das altbekannte Muster der göttlichen Gerechtigkeit und des himmlischen Auftrages zur Legitimation von Macht und Deutungshoheit bleibt dabei bestehen, nur jetzt noch potenter und allumfassender. Technologie hat den Anspruch, eine Religion zu sein, die ohne Glauben existiert. Technologie benötigt keinen Gottesbeweis. Sie funktioniert, das ist Beweis genug. Doch Technologie ist eben nicht auch automatisch frei von Ideologie, wie Mühlhoff schreibt: "Ein tiefsitzender Dualismus zwischen Rationalität und Emotionen sowie eine völlige Entkörperlichung und Dekontextualisierung der Geistestätigkeit prägte dieses Intelligenzverständnis, wie auch ein Ideal von Rationalität, das stark von Geschlecht, Kultur und Klasse geprägt war."238 und "KI erscheint dabei als idealisierendes, maximierendes Spiegelbild des ›allgemeinen‹ Menschen, ähnlich wie in zahlreichen Religionen die Vorstellungen von Gott. Es ist direkt hinzuzufügen, dass sich diese ›Verallgemeinerung‹ in der westlichen Tradition am Ideal des rationalen, autonomen Menschen orientiert, der weiß und männlich vorgestellt wird."239

Die vorher schon problematische Eigenart der Technologie, aufgrund des kolonial erzeugten Entwicklungsvorsprunges einer primär weißen, westlichen und cis-männlichen Perspektive zu entspringen und diese auch zu reproduzieren wird dann existenziell wenn sie den Anspruch stellt, universell gültig zu sein. Fragen der Verteilungsgerechtigkeit werden übergangen, Mühlhoff schreibt: "Unbeachtet bleibt etwa die Frage, welchem Teil der heutigen Menschheit es denn ermöglicht werden würde, andere Planeten zu besiedeln, ihren Geist ›in die Cloud hochzuladen‹ oder auch nur an dem durch die KI-Industrie heute angehäuften Wohlstand teilzuhaben."240 Die religiöse Natur moderner Technologie und ihr Anspruch anstelle eines wahren Gottes zu treten, erlauben nach Mühlhoff: "Akteuren der Tech-Industrie, sich als moralisch verantwortungsbewusste Visionäre zu inszenieren, die sich um das langfristige Überleben der Menschheit sorgen. Diese pseudoethische Herangehensweise blendet Macht- und Verteilungsfragen strategisch aus."241

Religiöser Glaube war immer schon eine Client-Server Beziehung mit einer Single Source of Truth auf Basis einer closed source und proprietary codebase. Es gibt keinen Grund, dieses Muster heute technologisch zu replizieren. Ein Bildschirm, definiert durch seine dynamische Natur, die alles und nichts darstellen kann, ist denkbar ungeeignet als mobiles Endgerät der ultimativen Wahrheit.


Abb. 5.1 Originalseite aus einem IBM Trainingmanual

Abb. 5.2 Torinschrift des KZ Buchenwald


Im Handbuch der Firma IBM von 1979 steht geschrieben: "A computer can never be held accountable therefore a computer must never make a mangement decision". Wir übertragen Computern heute weit mehr als nur management Entscheidungen. Beziehungsweise empfinde ich den Fakt als unheimlich, dass wir solche Entscheidungen als management betrachten.

Ich möchte den von Hannah Arendt geprägten Begriff der Banalität des Bösen aufgreifen, den sie verwendete, um zu beschreiben, wie Adolf Eichmann's Mittäterschaft im Holocaust vor dem Bezirksgericht Jerusalem scheinbar auf bürokratischem Gehorsam, Gedankenlosigkeit und Oberflächlichkeit zurückzuführen war.242. Denn er fasst für mich das zusammen, was mir an der modernen KI solche Sorgen bereitet. Die Verbrechen der Nationalsozialisten wurden nachträglich häufig auf Mitläuferschaft, Entfremdung und Abstraktion zurückgeführt. Das kann keine Begründung sein! Es ist vollkommen irrelevant, warum Menschen industriell getötet werden! Nichtwissen ist kein valider Grund, um Menschenleben zu vernichten! Es gibt keinen validen Grund, Menschenleben gewaltvoll zu beenden! Die faschistische Natur von KI und die durch sie mögliche Verschiebung der Verantwortung auf eine nicht-menschliche Entität öffnet solchen Verbrechen Tür und Tor! Wir sagen "Nie wieder"! Nie wieder! Nie wieder! Nie wieder!


Im Kapitel layer zero habe ich versucht, ein Bewusstsein dafür zu schärfen, dass der Realitätsbegriff und der Anspruch auf universelle Wahrheit gar nicht so einfach sind. Die Aussage "Nichts ist real" mag als ein Aufruf zu Nihilismus und Egoismus verstanden werden. Sie trägt aber noch eine weitere Erkenntnis in sich: "Wenn nichts real ist, so ist es auch alles gleichermaßen". Das darf als ein Aufruf zur individuellen Wertigkeit verstanden werden. Jedes noch so kleine Detail, jede Erinnerung, jede Interaktion darf Wert und Bedeutung haben. Es ist ein Aufruf zu einem bewussten Leben im Kleinen. Ich habe die Hoffnung, dass diese positiv nihilistische Perspektive ein Gegengewicht zu den existenziellen Themen, die ich in dieser Arbeit behandelt habe, darstellen kann.

Antifaschismus lebt von Prodemokratie. Demokratie lebt von mündigen Bürger*innen. Mündigkeit lebt von kritischer Betrachtung. Diese Arbeit ist ein Aufruf zur Kritik. Diese Arbeit ist ein Aufruf zur Mündigkeit. Diese Arbeit ist ein Aufruf zum Anti-Faschismus.

Die Probleme, auf die ich aufmerksam mache, mögen unüberschaubar und unüberwindbar wirken. Dem ist vielleicht auch so. Aber bei all der Beschäftigung mit Digitalität, Theorien, Visionen und den ganz großen Themen dürfen wir nicht vergessen, dass wir alle unser eigenes Leben leben und nur in diesem glücklich werden können. Und unser Leben besteht die meiste Zeit eben doch nicht aus dem existenziellen, sondern aus sozialen und biologischen Bedürfnissen.

Als vorsichtige Antwort auf die Frage "Und jetzt?" würde ich formulieren:

Iss gutes Essen
Hör gute Musik
Schlaf dich gut aus
Sei unvoreingenommen
Sei wohlwollend
Sei liebevoll

Faschismus und Technologiekonzerne versuchen, uns zu isolieren und gegeneinander aufzuhetzen. Dem können wir gegenübertreten, indem wir zueinanderfinden und einander mit Wohlwollen begegnen. In Abwesenheit von Hass, Angst und Scham ist Faschismus sehr viel schwerer zu etablieren und Produkte sehr viel schwerer zu vermarkten. Wir müssen keine göttlichen Antworten von oben suchen. Wir können Antworten beieinander finden.

Wer ein unbeschwerteres Leben führt, kann effektiver Widerstand leisten. Denn Widerstand entsteht aus den Ressourcen, sich informieren und organisieren zu können. Wir, mit hoher Wahrscheinlichkeit Teil des globalen 1 %, haben das Privileg, dieses unbeschwerte Leben tatsächlich führen zu können. Damit kommt uns auch die moralische Verantwortung zum Leisten dieses Widerstands zu.


Dieses Jahrhundert kann das vielleicht spannendste und ereignisreichste der Menschheitsgeschichte werden. Das darf einem Angst machen. Aber wir können uns auch darüber klar werden, dass wir das Privileg haben, diese Vorgänge aus einer sehr sicheren Position heraus mitzumachen und sie dadurch noch am ehesten auch aktiv beeinflussen zu können.




Abb. 5.3












*meiner Meinung nach



Glossar


A
AGI

Starke künstliche Intelligenz oder starke KI, auch bekannt als künstliche allgemeine Intelligenz (Artificial General Intelligence, AGI) oder allgemeine KI, ist eine hypothetische Form der KI, die, wenn sie entwickelt werden könnte, über die gleiche Intelligenz und das gleiche Selbstbewusstsein wie der Mensch verfügen würde und die Fähigkeit hätte, eine unbegrenzte Anzahl von Problemen zu lösen243.

 

Aktie

Eine Aktie ist ein Anteil an einem Unternehmen, das Aktiengesellschaft oder kurz AG heißt. Wer eine Aktie kauft, wird dadurch als Aktionär Miteigentümer des Unternehmens244.

 

ALU

Steht für Arithmetic and Logic Unit und ist zuständig für die Ausführung von mathematischen und logischen Operationen in einfacher, binärer Logik245.




Arc'teryx

Die von der Outdoor-Bekleidungsmarke Arc'teryx hergestellten Jacken der Alpha Serie sind die teuersten und zugleich belastungsfähigsten Jacken der Marke246. Aufgrund des hohen Preises und ansprechenden Designs werden diese häufig von modebewussten Bergsteiger*innen getragen - zwischenzeitlich auch als Statussymbol in der Street-Wear Szene und als It Piece in der High Fashion247.


B
Binärsystem

Bedeutet in der Computerwissenschaft und auch meistens umgangssprachlich, dass nur zwei Zustände existieren können, 0 oder 1, an oder aus, ganz oder gar nicht248. Wird häufig verwendet, um Systeme zu bezeichnen, die nur zwei klar definierte Zustände einnehmen können, aber keine Zwischen- oder Übergangszustände. Geschlecht wurde z.B. fälschlicherweise lange als ein binäres System betrachtet249. Ein binäres Zahlensystem basiert auf der Basis 2 (0-1), das bedeutet, dass für jeden dritten Zustand ein weiterer Zähler hinzukommen muss250. Unser schulisches Zahlensystem ist zur Basis 10 (0-9), ein sog. Dezimalsystem. Ein weiteres, weitverbreitetes Zahlensystem ist das Hexadezimalsystem zur Basis 16 (0-9a-f)251. Zahlen müssen hierbei unbedingt als repräsentative Symbole und nicht als feste Bestandteile der Systeme betrachtet werden (true and false bilden ein binäres System genauso wie ein beliebiges Set von 16 arbiträren Symbolen ein hexadezimales System bilden kann).




Benchmark

Benchmark, nicht zu verwechseln mit den schrecklichen Fleecejacken, beschreibt einen standardisierten Test, der misst, wie gut KI-Systeme bei bestimmten Aufgaben funktionieren. Benchmarks bieten objektive Messung, verfolgen den Fortschritt im Laufe der Zeit und verwenden reale Probleme anstelle von konstruierten Testfällen. Sie dienen als primäre Methode zum Vergleich der KI-Fähigkeiten über verschiedene Systeme hinweg252.

 

Betriebssystem

Ein Betriebssystem fungiert als Vermittlung zwischen der Computerhardware und der Endnutzer*in. Es verhindert eine direkte Interaktion mit der Hardware zugreift und verwaltet alle Systemressourcen253.




Börse

Eine Börse ist ein organisierter, regulierter Handelsplatz, an dem standardisierte Güter gehandelt werden. Heute sind damit vor allem Finanzinstrumente gemeint: Aktien, Anleihen, Fonds, Derivate und weitere Wertpapiere. Die Börse stellt die Infrastruktur, die Regeln und die technischen Systeme bereit, damit Handel effizient, fair und transparent ablaufen kann. Die Börse selbst ist zunächst neutral. Sie ist eine Infrastruktur. Ob dort langfristig und solide investiert wird oder kurzfristig spekuliert, liegt bei den Marktteilnehmern. Die Börse stellt die Bühne – wie gespielt wird, entscheidet das Publikum254.


C
CAPTCHA

CAPTCHA steht für vollständig automatisierter öffentlicher Turing-Test zur Unterscheidung von Computern und Menschen – „Completely Automated Public Turing test to tell Computers and Humans Apart.“ Der Begriff bezieht sich auf verschiedene Authentifizierungsmethoden, die Benutzer als Menschen und nicht als Bots validieren, indem sie eine Herausforderung darstellen, die für Menschen einfach, für Maschinen jedoch schwierig ist.255.

 

Compiler

Ein Compiler ist eine Software, die eine High-Level-Sprache (wie C++ oder Java) als Eingabe entgegennimmt und die Eingabe in eine Sprache auf niedrigerer Ebene umwandelt (z.B. Assembly oder andere Maschinensprachen)256.




Compute

Bezeichnet die Hardwareressourcen, die KI-Modelle funktionieren lassen, sodass sie Daten und Informationen verarbeiten können. Compute umfasst die Prozessoren (CPUs, GPUs oder TPUs), RAM und ROM, die für die Durchführung der numerischen Berechnungen für KI-Modelle erforderlich sind. Diese Ressourcen sind besonders kritisch während des Trainings. Mehr compute bedeutet, dass Modelle schneller und effektiver aus Daten lernen können, was zu genaueren Vorhersagen, verbesserten Entscheidungsfunktionen und der Fähigkeit zur Bewältigung komplexerer Aufgaben führt257.

 

CPU

Der Prozessor eines Computers, auch CPU genannt (steht für central processing unit)258, führt programmatische Aufgaben aus, berechnet Daten aus Eingaben und verwaltet andere Bauteile, wie z.B. den Speicher oder angeschlossene Peripheriegeräte259. Teil der CPU ist auch die ALU.


D
Deep Learning

Bei dieser Form des maschinellen Lernens werden mehrere Netzwerke übereinander geschichtet und erarbeiten sich aus einem Satz von Trainingsdaten zuerst einfache Erkenntnisse, die mit jeder Ebene komplexer werden, um schließlich im hierarchisch höchsten Netzwerk (hoffentlich) zu den richtigen Erkenntnissen zu führen. Ein Vorteil ist, dass Unterscheidungsmerkmale automatisch im Prozess gefunden werden und nicht von Hand festgelegt werden müssen260.

 

Demoscene

Die Demoscene beschreibt eine lose Gruppierung von Entwickler*innen, die sich seit den 90er Jahren im Internet gegenseitig mit möglichst kleinen Softwareanwendungen überbieten261.




Diffusion Model

Diffusionsmodelle sind generative Modelle, die hauptsächlich für Bilderzeugung und andere Computer-Vision-Aufgaben verwendet werden. Diffusionsbasierte neuronale Netze werden durch Deep Learning trainiert, um Proben mit zufälligem Rauschen schrittweise zu „diffundieren“ und dann diesen Diffusionsprozess umzukehren, um qualitativ hochwertige Bilder zu erzeugen262.


E
Emergenz

Aus einfachen Regeln können hochkomplexe Muster entstehen. Dieser Prozess wird als Emergenz bezeichnet263. Viele komplex erscheinende Phänomene, denen wir aufgrund ihrer Unvorhersehbarkeit gerne Natürlichkeit oder Magie unterstellen, sind tatsächlich nur Folgen simpler physikalischer Prozesse. Die komplexen Wellenmuster einer gestörten Wasseroberfläche, reflektiert an der Decke eines Schwimmbades. Die ziselierenden Halbschatten an einer rau verputzten Hauswand, hervorgerufen durch Sonnenlicht, das durch Blätter bricht. Die Spuren von sich jagenden Regentropfen an der Scheibe eines Autos.

 

Endlosschleife

Siehe im Glossar unter infinite loop.


F
Feedback

Ein Prozess, in dem das Ergebnis des Prozesses teilweise wieder in den Prozess gespeist wird, wodurch sich der Prozess selbstständig justieren und optimieren kann264. Im akademischen Kontext wichtig zur persönlichen Weiterentwicklung. Kann in der Musikproduktion als Stilmittel verwendet werden.

 

Fond

Du hast zu wenig Geld, Expertise oder Zeit, um direkt in einzelne Wertpapiere zu investieren? Du möchtest, dass Expertinnen und Experten nach einer festgelegten Strategie für dich investieren? Das ist die Idee hinter Fonds. Fonds sammeln das Geld vieler Anlegerinnen und Anleger. Sie werden von Fondsgesellschaften verwaltet. Die Gesellschaften arbeiten entlang einer Anlagestrategie. Fonds können auf Wachstum, Einkommen, Kapitalerhalt oder eine Kombination ausgerichtet sein. Die Gesellschaften investieren demnach in Rohstoffe, Immobilien oder Wertpapiere wie zum Beispiel Aktien oder Anleihen265. Beschreibt ebenfalls die angebrannten und karamellisierten Überreste am Boden einer Pfanne oder Topf, aus denen sich schmackhafte Soßen herstellen lassen.




FPS

Steht für first person shooter, ein Spielgenre in dem Gewalt mithilfe von Schusswaffen aus der Perspektive der ersten Person (dem selbst) erlebbar gemacht wird, häufig mit fast fotorealistischer Grafik266. Steht auch für frames per second, die Anzahl an Bildern pro Sekunde einer Videodatei oder eines Liverender267.


G
Gamification

Durch die Einführung von Spiel-Elementen wie Punkten, Bestenlisten und Medaillen, soll die Motivation von Teilnehmenden an einem Nicht-Spiel erhöht werden268.

 

GAN

Ein generative adversarial network, oder GAN, ist ein Machine-Learning-Modell, das darauf abzielt, realistische Daten durch Lernmuster aus vorhandenen Trainingsdatensätzen zu generieren. Es arbeitet innerhalb eines unbeaufsichtigten Lernrahmens, indem es Deep-Learning-Techniken verwendet, bei denen zwei neuronale Netze in Opposition arbeiten - eines generiert Daten, während das andere auswertet, ob die Daten real oder generiert sind269.

Glossar

Das hier ist ein Eintrag in einem Glossar

GPU

Graphic Processing Unit270




Gradient Descent

Der gradient descent ist ein Optimierungsalgorithmus, der häufig zum Trainieren von Modellen für maschinelles Lernen und *neuronalen Netzen verwendet wird. Er trainiert Modelle für maschinelles Lernen, indem Fehler zwischen vorhergesagten und tatsächlichen Ergebnissen minimiert werden. Trainingsdaten helfen diesen Modellen, im Laufe der Zeit zu lernen. Die Kostenfunktion innerhalb des Gradientenabstiegs übernimmt die Rolle eines Barometers, das die Genauigkeit des Modells mit jeder Iteration der Parameteraktualisierung misst. Das Modell passt seine Parameter so lange an, bis die Funktion nahe bei oder gleich null ist, um den kleinstmöglichen Fehler zu erzielen271.


H
Halbleiter

Ein Material, das zwischen Leitfähigen und nicht-Leitfähigen Materialien vermittelt272. Englisch Semiconductor.

 

Hardware

In der Computerwissenschaft: Die physischen Komponenten eines Computers, die sich anfassen und betrachten lassen273. Im Gegensatz zur Software


I
Index

Ein (Aktien)-Index ist so etwas wie eine Summe einer Liste. Der Wert des S&P500 zum Beispiel bestimmt sich aus dem Gesamtwert der in ihm gelisteten Unternehmen. Die Unternehmen, die zum jeweiligen Index gehören, werden durch Regeln festgelegt; zum DAX gehören zum Beispiel die 40 größten Unternehmen mit Sitz in Deutschland274.

 

Infinite Loop

Siehe im Glossar unter Endlosschleife.

 

Information

Information ist ein abstraktes Konzept, das die Fähigkeit, zu informieren hat. Jeder natürliche Prozess und jedes betrachtbare Muster, der oder das nicht vollständig dem Zufall unterworfen ist, enthält eine gewisse Menge an Information. Während digitale Signale diskrete Zeichen verwenden, um Information zu vermitteln, enthalten analoge Signale (Strom, Wellen, Gedichte, Bilder, Musik) kontinuierliche Zeichen, die folglich eine unendliche Menge an Information pro Signal enthalten können33. Information ist kein Wissen, sondern die Bedeutung, die aus einer Repräsentation durch Interpretation gewonnen werden kann34.




Instanz

Eine Instanz bezeichnet in der Computerwissenschaft das Aufkommen eines Softwareelements, das durch eine Typendefinition klar von anderen Elementen unterscheidbar ist275. Im Falle von sog. Virtual Machines handelt es sich hierbei um einen virtuell abgetrennten, simulierten Raum in dem sich ein eigenständiger Computer befindet.

 

IPO

Ein Initial Public Offering (IPO) ist das Ereignis, bei dem ein privates Unternehmen in eine öffentliche Gesellschaft umgewandelt wird, indem es einen Teil von sich selbst über neu ausgegebene Aktien zum Verkauf anbietet, es öffentlichen Investoren ermöglicht, Eigenkapital zu erwerben und seine Aktien an einer öffentlichen Börse zu handeln276.


K
Kapital

Für das finanzielle Kapital siehe Das Kapital - Karl Marx und Friedrich Engels, 1867, Hamburg. Außerdem der Name einer japanischen Jeansmarke.

 

Kompression

Kompression verringert eine Datenmenge in einem Schreibprozess durch das Ersetzen von wiederkehrenden Mustern durch Platzhalter, die weniger Speicherplatz als das Muster selbst verwenden277. In der Produktion von elektronischer Musik spielt Kompression ebenfalls eine wichtige Rolle, vor allem als Stilelement aber auch als technische Fähigkeit (sowohl die Kompression von dynamischen Signalen zum Betonen bestimmter Eigenschaften als auch die Kompression fertiger Dateien zur Wiedergabe auf verschiedenen Streaming Diensten).

 

Künstliche Intelligenz

Künstliche Intelligenz (KI) ist eine Technologie, die es Computern und Maschinen ermöglicht, menschliches Lernen, Verständnis, Problemlösung, Entscheidungsfindung, Kreativität und Autonomie zu simulieren278.


L
Logik

Logik ist ein Teilgebiet der Philosophie, Mathematik und Informatik, das sich mit der Untersuchung von Argumenten und Schlussfolgerungen beschäftigt. Es geht darum, Regeln und Methoden zu entwickeln, um die Gültigkeit von Aussagen und Schlussfolgerungen zu beurteilen. In der Mathematik und Informatik werden logische Methoden verwendet, um Probleme zu lösen und Algorithmen zu entwickeln279.

 

Longevity

Beschreibt Versuche das menschliche Leben durch extreme medizinische Prozesse zu verlängern. Im Transhumanismus findet diese Bewegung ihre Fortsetzung - das menschliche Bewusstsein soll dem biologischen Körper enthoben werden280.




LLM

Ein großes Sprachmodell (Large Language Model, LLM) ist eine Art von KI-Programm, das neben anderen Aufgaben auch Text erkennen und generieren kann. LLMs werden auf riesigen Datenmengen trainiert – daher der Name "large". LLMs basieren auf maschinellem Lernen, insbesondere auf einer Art neuronalem Netzwerk, dem sogenannten Transformer-Modell. Einfacher ausgedrückt ist ein LLM ein Computerprogramm, das mit genügend Beispielen gefüttert wurde, um menschliche Sprache oder andere Arten komplexer Daten erkennen und interpretieren zu können. Viele LLMs werden auf Daten aus dem Internet trainiert – Tausende oder Millionen von Gigabytes an Text. Einige LLMs durchsuchen das Web auch nach dem ersten Training weiterhin nach mehr Inhalten. Die Qualität der Stichproben beeinflusst jedoch, wie gut LLMs natürliche Sprache lernen. Daher können die Programmierer eines LLM zumindest anfangs einen stärker kuratierten Datensatz verwenden281.


M
Machine Learning

Maschinelles Lernen ist der Teilbereich der künstlichen Intelligenz (KI), der sich auf Algorithmen konzentriert, die Muster von Trainingsdaten „lernen“ und anschließend genaue Rückschlüsse auf neue Daten ziehen können. Dank dieser Mustererkennungsfähigkeit können Modelle des maschinellen Lernens Entscheidungen oder Vorhersagen ohne explizite, fest codierte Anweisungen treffen282.

 

Market Cap

Marktkapitalisierung (Market Capitalization) ist der aktuelle Wert eines börsennotierten Unternehmens, basierend auf dem Gesamtbetrag, den alle ausstehenden Aktien wert sind283.




Maslowsche Bedürfnispyramide

Die Maslowsche Bedürfnispyramide oder -Hirarchie ist ein Konzept aus 1943, das Motivationen und Bedürfnisse des Menschen beschreibt und erklärt 284.

Abb. 6.1




Minecraft

Ein von Mojang entwickeltes und inzwischen zu Microsoft gehörendes Computerspiel, das unendliche, prozedural generierte7 Welten in 3D-Pixelgrafik enthält - außerdem das meistverkaufte Computerspiel der Welt285.

 

Mobs

Bezeichnet in der Fachsprache von Minecraft alle NPCs innerhalb der Spielwelt. Einige von ihnen, z.B. der Creeper können die Spieler*in verfolgen und ihr Schaden zufügen286. In den Spieleinstellungen lässt sich das Verhalten auf peacefull stellen, was dazu führt, dass sich die Mobs nicht mehr aggressiv gegenüber der Spieler*in verhalten.


N
Netzwerk

Ein Netzwerk bezeichnet in der Computerwissenschaft eine Sammlung von verbundener Hardware, die sich Ressourcen und Informationen teilen287.

 

neural network

Ein neuronales Netzwerk ist ein maschinelles Lernmodell, das einfache „Neuronen“ in Schichten anordnet und aus Daten Mustererkennungsgewichte und -verzerrungen lernt, um Eingaben auf Ausgaben abzubilden288.

 

NPC

Steht für Non-player Character und bezeichnet mit programmatischem Bewusstsein ausgestatte Entitäten innerhalb der Spielwelt, über die die spielende Person keine Kontrolle übernehmen kann289. Ebenfalls ein Slangwort, das Personen als charakterlos oder unkritisch beleidigt - ähnlich zum Deutschen 0815290.


P
Peripheral

Zu Deutsch: Peripheriegerät. Ein angeschlossenes und auch wieder abschließbares Gerät, das dem Computer Funktionalität hinzufügt, aber nicht Teil des Hauptcomputers ist291.

 

Prozedurale Generation

Beschreibt den Vorgang, in dem Daten, anstatt von Hand geschrieben zu werden, mithilfe eines Prozesses oder Algorithmus (Prozedere) generiert werden, häufig in Echtzeit bzw. zur Laufzeit eines Programmes. Das kann sehr viel manuelle Arbeit und/oder Speicherplatz sparen292.


R
RAM

Steht für Random Access Memory und ist ein sogenannter flüchtiger beziehungsweise volatiler Speicher, auf den jederzeit an jeder Stelle zugegriffen werden kann und dessen Inhalt das Abschalten des Computers nicht überdauert293. Ebenfalls der Titel des bekanntesten Albums des französischen Elektronik-Duos Daft Punk.

 

Rastergrafik

Eine Rastergrafik speichert Bildinformationen in Form von auf zwei Achsen verteilten sog. Pixeln und ihnen zugehörigen Farbinformationen. Rastergrafiken werden häufig komprimiert, um die so entstehenden, häufig redundanten Datenmengen kleinzuhalten294.









Reasoning Model

Ein Argumentationsmodell (Englisch reasoning model) ist ein LLM, das fein abgestimmt wurde, um komplexe Probleme in kleinere Schritte zu zerlegen, die oft als „Argumentationsspuren“ bezeichnet werden, bevor es eine endgültige Ausgabe generiert. Zunehmend ausgefeiltere Methoden zum Trainieren von Modellen unter Verwendung von Gedankenketten-Argumentation und anderen mehrstufigen Entscheidungsfindungsstrategien haben zu modernster Leistung geführt, insbesondere bei Benchmarks für logikgesteuerte Aufgaben wie Mathematik und Codierung295.

 

Rechenleistung

Ist ein zentraler Begriff in der Informationstechnologie und Computerwissenschaft. Sie beschreibt die Fähigkeit eines Computers, Berechnungen und Datenverarbeitungsaufgaben effizient und schnell durchzuführen. Hohe Rechenleistung ist besonders wichtig für komplexe Anwendungen wie wissenschaftliche Berechnungen, maschinelles Lernen, Simulationen und Spiele296.

 

Redstone

Eine spezielle Ressource in Minecraft, die elektrische Leitfähigkeit simuliert und mit deren Hilfe sich komplexe, auf der realen Funktion von Elektrotechnik basierende Konstruktionen entwerfen lassen297.

 

Reinforcement Learning

Reinforcement Learning (RL) ist eine Art Machine Learning, bei dem autonome Agenten lernen, Entscheidungen zu treffen, indem sie mit ihrer Umgebung interagieren. Ein autonomer Agent ist ein System, das Entscheidungen treffen und als Reaktion auf seine Umgebung handeln kann, unabhängig von direkten Anweisungen eines menschlichen Benutzers. Roboter und selbstfahrende Autos sind Beispiele für autonome Agenten298.

 

Rekursion

Rekursion beschreibt einen Prozess, der sich selbst aufruft299. Ohne eine sog. Escape-Condition kann ein sog. Infinite-Loop entstehen. Wenn dich Rekursion immer noch interessiert, schau doch mal ins Glossar unter Rekursion.

 

ROM

Steht for Read Only Memory und ist ein sogenannter persistenter beziehungsweise nicht volatiler Speicher, auf den nur in Sektoren zugegriffen werden kann und dessen Inhalt das Abschalten des Computers übersteht300. Der Begriffe CD-ROM leitet sich davon ebenfalls ab (wobei das CD für compact disc steht). Nicht zu verwechseln mit Rom, der Hauptstadt von Italien.


S
Server

Ein Server ist eine, auf einer Hardware laufende Software, die Anfragen über ein Netzwerk verarbeitet und beantwortet301. Im Falle von Minecraft handelt es sich hierbei um zentral gehostete Instanzen von sog. Welten, die durch andere Spieler*innen erstellt wurden und so global von wiederum anderen Spieler*innen betreten werden können.

 

Shader

Ein Shader generiert Bildinformationen anhand eines Computerprogramms zur Laufzeit und als Teil der Rendering-Pipeline die das Ausgabemedium (meist ein Bildschirm) mit Bilddaten versorgt302.

 

Shorten

Leerverkauf (auch: Short Sale) ist ein Begriff aus dem Bank- und Finanzwesen, der den Verkauf von Waren oder Finanzinstrumenten (insbesondere Wertpapieren) beschreibt, die der Verkäufer zum Verkaufszeitpunkt nicht besitzt303.




Skinner Box

Ein Begriff, der aus den Experimenten von B.F. Skinner hervorgeht, in denen erforscht wurde, wie die Verknüpfung von Belohnung mit Handlungen zu erlerntem Verhalten führt304.

 

Software

Im Gegensatz zu Hardware ist Software nicht physisch und existiert als Maschinencode in einem Speicher305.

 

Survival-Mode

In Minecraft: Im sog. Survival-Mode müssen Ressourcen durch z.B. minenartigen Abbau mit Werkzeugen verdient werden, anstatt wie im Creative-Mode in unendlicher Menge jederzeit über ein Menü verfügbar zu sein306.


T
Theodizee

Wenn es einen allmächtigen guten Gott gibt, warum gibt es Leid? Kann er es nicht verhindern, dann ist er nicht allmächtig, will er es nicht verhindern, so ist er nicht gut307.


"Entweder will Gott die Übel beseitigen und kann es nicht: Dann ist Gott schwach, was auf ihn nicht zutrifft, Oder er kann es und will es nicht: Dann ist Gott missgünstig, was ihm fremd ist, Oder er will es nicht und kann es nicht: Dann ist er schwach und missgünstig zugleich, also nicht Gott, Oder er will es und kann es, was allein für Gott ziemt: Woher kommen dann die Übel und warum nimmt er sie nicht hinweg?" - Epikur307


"Du denkst, es regnet, doch ich schlachte grad ein Schaf auf dem Balkon Wenn es einen Gott gibt, wieso kann er's nicht verhindern?"

- "VIP in der Psychatrie", Tarek K.I.Z, 2021




Thought Vector

Ein Gedankenvektor (Englisch thought vector) ist wie ein Wortvektor, der typischerweise ein Vektor von 300 bis 500 Zahlen ist, die ein Wort darstellen. Ein Wortvektor repräsentiert die Bedeutung eines Wortes, indem er die Beziehung zu anderen Wörtern (den Kontext) in einer einzigen Zahlenspalte darstellt. Ein Gedankenvektor ist daher ein vektorisierter Gedanke, und der Vektor repräsentiert die Beziehungen eines Gedankens zu anderen. Ein Gedankenvektor wird trainiert, um den Kontext eines Gedankens zu erzeugen. So wie ein Wort durch Grammatik verknüpft ist (ein Satz ist nur ein Weg, der über Wörter gezogen wird), so werden Gedanken durch eine Kette der Argumentation, einen logischen Weg der Art verbunden.308








Token

Token sind die Bausteine von Text, die KI-Modelle verarbeiten. Je nach Sprache und Kontext können sie so kurz wie ein einzelnes Zeichen oder so lang wie ein ganzes Wort sein. Leerzeichen, Satzzeichen und Wortteile fließen alle in die Token-Anzahl ein. So segmentiert die API Ihren Text intern, bevor sie eine Antwort generiert.

Hilfreiche Faustregeln für Englisch:

Die Tokenisierung kann je nach Sprache variieren. „Cómo estás“ (Spanisch für „How are you“) enthält zum Beispiel 5 Token bei 10 Zeichen. Nicht-englischer Text ergibt oft ein höheres Token-zu-Zeichen-Verhältnis, was sich auf Kosten und Limits auswirken kann309.





Transhumanismus

Seine Ursprünge reichen bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts zurück. Er basiert auf der Überzeugung, dass der Mensch durch den gezielten Einsatz von Technologie seine physischen, psychischen und intellektuellen Grenzen überwinden, in einer hybriden biologisch-technologischen Existenzform aufgehen und dabei ein gesteigertes Dasein erreichen könne, das insbesondere Krankheiten und die Sterblichkeit überwinden wird. Der Begriff Transhumanismus geht auf einen Essay aus dem Jahr 1957 des britischen Eugenikers und Evolutionsbiologen Julian Huxley, der außerdem der erste Direktor der UNESCO und Präsident der britischen Eugenik-Gesellschaft war, zurück. Dort beschreibt dieser die Idee des Transhumanismus als einen Prozess, durch den »die menschliche Spezies als Ganzes, als Menschheit« sich selbst überwindet310.

 

Transformer

Ein Transformer ist ein Lebewesen einer außerirdischen Spezies, das sich auf dem Planeten Erde als Auto tarnt. Im Kontext von Künstlicher Intelligenz beschreibt ein Transformer den Prozess Token mithilfe des Konzeptes von Aufmerksamkeit (attention) verschieden zu gewichten311.

 

Transistor

Ein Transistor ist ein Halbleiter Bauteil, das als Schalter oder Verstärker verwendet werden kann312.

 

Turing-Maschine

Eine physische Repräsentation der Theorie des Mathematikers Alan Turing, dass eine Maschine, die einige wenige Bedingungen erfüllt, bei unendlichem physischem Raum und unendlicher Zeit, jedes Problem berechnen kann. Die Bedingungen, die für die Existenz einer solchen Turing-Maschine notwendig sind:


Eine Maschine, die diese Bedingungen erfüllt, ist eine sog. Turing-Maschine, kann jede andere Turing-Maschine simulieren und wird daher als Turing vollständig oder (weitaus gängiger) Turing complete bezeichnet313. Es gibt sogar Turing complete Murmelbahnen für Kinder.

 

Turing-Test

Im Zuge dieses Tests führt ein menschlicher Fragesteller*in, über eine Tastatur und einen Bildschirm, ohne Sicht- und Hörkontakt, eine Unterhaltung mit zwei ihm unbekannten Gesprächspartner*innen. Die eine Gesprächspartner*in ist ein Mensch, der andere eine Maschine. Kann die Fragesteller*in nach der intensiven Befragung nicht sagen, welcher von beiden die Maschine ist, hat die Maschine den Turing-Test bestanden und es wird der Maschine ein dem Menschen ebenbürtiges Denkvermögen unterstellt314.


U
UTM

"UTM employs Apple's Hypervisor virtualization framework to run ARM64 operating systems on Apple Silicon at near native speeds"315 und ist eine Software zum Verwalten von Virtual Machines für das macOS Betriebssystem.


V
Virtual Machine

In ihrer einfachsten Form ist eine virtuelle Maschine oder VM eine digitalisierte Version eines physischen Computers. Auf virtuellen Maschinen können Programme und Betriebssysteme ausgeführt, Daten gespeichert, Verbindungen zu Netzwerken hergestellt und andere Rechenfunktionen ausgeführt werden. Eine VM verwendet allerdings vollständig virtuelle Ressourcen anstelle von physischen Komponenten316. In den Pokémon Spielen der Hauptreihe von der ersten bis zur sechsten Generation steht VM hingegen für versteckte Maschine und ermöglicht es der Spieler*in eine bestimmte Attacke beliebig vielen Pokémon beizubringen (im Gegensatz zu Technischen Maschinen, die nur einmal angewandt werden können). Diese durch VMs erlernten Attacken sind häufig essenziell für den Spielfortschritt durch die Hauptstory317.

 

Virtue Signaling

Virtue signalling is a superficial attempt by somebody to flaunt their self righteousness. Often condemning others to gain attention, validation or showboat moral superiority318.


W
Währungsgefälle

Beschreibt den Wert-Unterschied zwischen zwei Währungen. Für Tourist*innen aus wohlhabenderen Ländern geht damit häufig eine gesteigerte Kaufkraft in weniger wohlhabenden Ländern, die sie zu touristischen Zwecken besuchen, einher319.


 



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"Emergent language: a survey and taxonomy"
Jannik Peters, Arya Gopikrishnan, Christian Bitter, Constantin Waubert de Puiseau, Gustavo Adolpho Lucas de Carvalho, Tobias Meisen
2025



Abbildungsverzeichnis


Einband Panel aus dem Webcomic "Gunshow" von KC Green (https://gunshowcomic.com/648), mit explizitem, schriftlichem Einverständnis des Autors.

Abb. 1.1 https://mcpedl.com/4-bit-redstone-computer/

Abb. 1.2 https://fellowship.awesomeinc.org/blog/georgetown-college-minecraft-computer

Abb. 1.3.1 - Abb. 1.3.6 Screenshots aus https://www.youtube.com/watch?v=xP5-iIeKXE8

Abb. 1.4 https://wikipedia.org/wiki/.kkrieger

Abb. 1.5.1, Abb. 1.5.2 Screenshots aus https://www.youtube.com/watch?v=_YWMGuh15nE

Abb. 1.6 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:TV_noise.jpg

Abb. 1.7 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:LCD_TFT_Screen_Closeup.jpg

Abb. 1.8 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Very_close_up_view_of_a_full_HD_LED_TV_screen.jpg

Abb. 1.9 https://www.muzique.com/news/closeup-of-leds/

Abb. 1.10 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Scanning_electron_microscope_view_of_iron_crystal_(S72-55208).jpg

Abb. 1.11 https://it.pinterest.com/pin/351140102189032156/

Abb. 1.12 https://www.newscientist.com/article/mg21829194-900-smile-hydrogen-atom-youre-on-quantum-camera/

Abb. 1.13 https://www.sciencephoto.com/media/2098/view/visualisation-of-quark-structure-of-neutron

Abb. 1.14.1, Abb. 1.14.2 https://onbeing.org/blog/symbols-of-power-adinkras-and-the-nature-of-reality/

Abb. 2.1 https://antiscumbob.fandom.com/wiki/Mocking_SpongeBob_Scene

Abb. 2.2 https://www.bloomberg.com/news/articles/2025-11-24/why-ai-bubble-concerns-loom-as-openai-microsoft-meta-ramp-up-spending

Abb. 2.3 https://www.reddit.com/r/interestingasfuck/comments/9fyslu/angel_flares/

Abb. 2.4 https://www.reddit.com/r/HistoryMemes/comments/bhc2dg/the_mandate_of_heaven/

Abb. 2.5 https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2023301118

Abb. 2.6 https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Palazzo_Braschi_Fascist_Poster,_1934.png

Abb. 2.7 https://www.makeuseof.com/ai-that-disagrees-with-you/

Abb. 3.1 https://tikz.net/neural_networks/

Abb. 3.2 Screenshot aus https://www.youtube.com/watch?v=KZeIEiBrT_w

Abb. 3.3 https://www.geeksforgeeks.org/machine-learning/getting-started-with-transformers

Abb. 3.4 https://www.reddit.com/r/memes/comments/1d3dnjg/dont_worry_about_the_ai_thats_smart_enough_to/

Abb. 3.5 Bradburry, S. 6

Abb. 3.6 Bradburry, S.12

Abb. 3.7 http://tomtoro.com/cartoons/

Abb. 4.1 Bearbeitet von https://presse.wdr.de/plounge/wdr/programm/2021/09/20210917_kaeptn_blaubaer.html © WDR/Michael Fehlauer

Abb. 4.2 Eigene Aufnahme

Abb. 4.3 https://www.reddit.com/r/physicsmemes/comments/hoofhk/topology_in_the_morning

Abb. 4.4 Eigene Aufnahme

Abb. 4.5 Screenshots von https://www.tiktok.com/@scott.bragg

Abb. 4.6 Screenshot aus einem Post auf https://t.me/ab3army vom 19.12.2025

Abb. 4.7 Screenshots aus https://www.youtube.com/watch?v=oDZu3i08ZPE

Abb. 4.8.1 - Abb. 4.8.5 Screenshots von https://libraryofbabel.info

Abb. 4.9 https://www.youtube.com/watch?v=dnrgpFNgktA

Abb. 4.10 https://www.pinterest.com/pin/479140847875205632/

Abb. 4.11 https://www.reddit.com/r/explainitpeter/comments/1rc2k29/explain_it_peter/

Abb. 5.1 https://www.reddit.com/r/interesting/comments/1qc37zg/ibm_training_manual_from_1979/

Abb. 5.2 https://www.buchenwald.de/geschichte/themen/dossiers/jedem-das-seine

Abb. 5.3 Panel aus dem Webcomic "Gunshow" von KC Green https://gunshowcomic.com/648

Abb. 6.1 Landeszentrale für politische Bildung Baden-Würtenberg



Quellen

 

 

 


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4 nach: https://en.wikipedia.org/wiki/Green_Boots, letzter Zugriff am 15.12.2025 <
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